> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte v. C.H.v. Hoffmannswaldau: Gedanken bei aufgehender Morgenröte (16)

2016-05-25

Gedichte v. C.H.v. Hoffmannswaldau: Gedanken bei aufgehender Morgenröte (16)



 Gedancken bey auffgehender morgen-röthe

C.H.v.H.

Aurora deine rosen blicken/
Der purpur triefft aus deiner hand/
Du suchst durch dieses reine pfand
Die welt und alles zu erqvicken/
Und machst die bahn von gold und nectar voll/
Darauff dein Phöbus lauffen soll.

Ein iedes blat bey meinen füssen/
Ein ieder vogel über mir/
Verehret dich und opffert dir;
Und giebet uns mit lust zu wissen/
Wie itzt dein glantz und deiner wunder pracht
Verjagt das leid und dämpfft die nacht.

Du heist den unmuth von uns scheiden/
Die blumen weinen dir vor lust.
Du öffnest deine bunte brust/
In wilden püschen/ thal und heiden.
Nur die/ so dir fast gleichen zierrath führt/
Wird nicht durch deine pracht gerührt.

Corinne läst sich nicht bewegen/
Du fäll'st ihr wüten nicht dahin/
Sie weiß den kalten Tyger-sinn
Nicht abzuthun/ nicht weg zu legen.
Sie speiset mich mit angst und bleichem leid/
Wie du die welt mit lieblichkeit.

Ihr harter geist weiß nicht zu biegen/
Ihr haß der geht nicht mehr zu ruh/
Er will stets munter seyn wie du/
Und gegen mich zu felde liegen;
Sie macht/ daß mir dein angenehmer schein
Den blitzen ähnlich dünckt zu seyn.

Aurora brich doch diese sinnen/
Und lege diesen hohen muth!
So dir nur schimpff/ mir unrecht thut:
Komm/ tilge ferner ihr beginnen.
Legstu mir nun dergleichen kleinod zu/
So werd' ich wieder roth wie du.

Du must den kalten schnee vertreiben/
So unter warmen bergen ist/
Und mich zu martern hat erkiest/
Sonst kan und weiß ich nicht zu bleiben.
Aurora wilstu wie Corinne seyn?
Du läuffst und läst mich hier allein!

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