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2016-05-17

Gedichte von Johann W.L.Gleim: An die Eltern (8)



An die Eltern

Väter! nöthigt eure Kinder,
Nie zum Lernen solcher Künste,
Die sie nicht erlernen wollen.
Laßt sie selber was erwählen,
Lobt und billigt ihre Neigung;
Sonst erlebt ihr, wie mein Vater,
Unglükk, an den besten Kindern.
Fragt ihn nur, ietzt wird er sagen:
Väter! zwinget keine Kinder.
Ich, sein Sohn, ward auch gezwungen,
Aber hat es was gefruchtet?
Erst sollt ich im schwarzen Kleide,
Sorgen vor die Geister lernen,
Weil es meine Mutter wollte;
Doch es rettete mein Vater
Mich von solchen schweren Sorgen;
Und da sollt ich, wider Willen,
Sorgen vor die Körper lernen;
Aber es erfuhr mein Vater,
Daß ich lieber gar nichts lernte.
Endlich nahm er mich beim Arme,
Führte mich zum Advokaten,
Und ermahnt ihn, daß ichs hörte:
Vetter, lehre diesen rechten,
Halt ihn scharf, und gieb ihm Arbeit.
Hurtig gab sie mir der Vetter.
Köpfen, Hangen, Peitschen, Rädern
Sollt ich aus den Blättern lernen.
O! wie haßt ich dieses Handwerk.
O! wie wünscht ich, oft aus Unmuth,
Meinen Lehrer an den Galgen,
Wenn er mich mit Schriften quälte,
Welche Blut und Tod verlangten.
Aber gab er mir Prozesse
Von verlornen Liebesbriefen,
Von willkommnen Nachtgespenstern,
Von ertappten Anverwandten;
Oder sollt ich, statt der Schönen,
Über blöde Männer klagen:
Gleich war Kopf und Feder fleißig;
Und mein Lehrer konnt es merken,
Daß ich nichts erlernen würde,
Als die Händel der Verliebten;
Drum verschaft er mir vom Richter
Lauter Händel der Verliebten.
Jetzo weiß ich sie zu schlichten,
Drum empfehl ich mich den Schönen,
Die mich etwa brauchen möchten.

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