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2016-05-20

Gedichte von Johann W.L.Gleim: Die Sehnsucht (51)



   Die Sehnsucht

Jüngst ging ich in den Garten,
Wohin mich oft die Liebe,
In sichre Schatten lokket;
Wohin mich oft der Früling
Zu meiner Doris führet;
Wohin mich meine Doris,
Wann sie allein spatziret,
Selbst oft durch Hekken winket.
Itzt sah ich keine Doris.
Ich wünschte sie zu sehen.
Ich schlich in alle Gänge,
Und wünschte sie zu sehen.
Ich lauscht an allen Büschen,
Und wünschte sie zu sehen.
Ich strekkte mich im Schatten,
Auf ein geblümtes Lager,
Und wünschte sie zu sehen.
Ermüdet von den Wünschen,
War ich hier eingeschlafen.
Ich schlief, und fing im Schlafe,
Von neuem an zu wünschen.
Ich träumte von der Doris,
Ich wünschte sie zu sehen,
Ich wünschte sie zu sprechen,
Ich wünschte sie im Garten,
An meiner Hand zu führen,
Und ihre schönen Hände,
Wünscht ich so sanft zu drükken,
Wie sie sie mir oft drükket.
Ich sahe sie im Traume.
Schnell sprang ich von dem Lager.
Da stand sie mir vor Augen,
Da hab ich sie gesehen,
Da hab ich sie gesprochen,
Da hab ich sie, im Garten,
An meiner Hand geführet.
Was hab ich mehr, ihr Schönen?
Befragt nur, dort im Winkel,
Das kleine lose Miekchen!
Es sagt, wenn ich es frage:
Du hast sie auch geküsset!

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