> Gedichte und Zitate für alle: J.W.L.Gleim: Preußische Kriegslieder- Vorbericht (1)

2016-05-22

J.W.L.Gleim: Preußische Kriegslieder- Vorbericht (1)




Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Preußische Kriegslieder


Vorbericht

Die Welt kennet bereits einen Teil von diesen Liedern; und die feinern Leser
haben so viel Geschmack daran gefunden, daß ihnen eine vollständige und
verbesserte Sammlung derselben, ein angenehmes Geschenk sein muß.
Der Verfasser ist ein gemeiner Soldat, dem ebenso viel Heldenmut als
poetisches Genie zuteil geworden. Mehr aber unter den Waffen, als in der
Schule erzogen, scheinet er sich eher eine eigene Gattung von Ode gemacht,
als in dem Geiste irgend einer schon bekannten gedichtet zu haben.
Wenigstens, wenn er sich ein deutscher Horaz zu werden wünschet, kann er
nur den Ruhm des Römers, als ein lyrischer Dichter überhaupt, im Sinne
gehabt haben; denn die charakteristischen Schönheiten des Horaz setzen den
feinsten Hofmann voraus; und wie weit ist dieser von einem ungekünstelten
Krieger unterschieden!

Auch mit dem Pindar hat er weiter nichts gemein, als das anhaltende Feuer
und die Yperbata der Wortfügung.

Von dem einzigen Tyrtäus könnte er die heroischen Gesinnungen, den Geiz
nach Gefahren, den Stolz für das Vaterland zu sterben, erlernt haben, wenn sie
einem Preußen nicht ebenso natürlich wären, wie einem Spartaner.
Und dieser Heroismus ist die ganze Begeisterung unsers Dichters. Es ist
aber eine sehr gehorsame Begeisterung, die sich nicht durch wilde Sprünge
und Ausschweifungen zeigt, sondern die wahre Ordnung der Begebenheiten zu
der Ordnung ihrer Empfindungen und Bilder macht.

Alle seine Bilder sind erhaben, und alle sein Erhabenes ist naiv. Von dem
poetischen Pompe weiß er nichts; und prahlen und schimmern scheint er,
weder als Dichter noch als Soldat zu wollen.

Sein Flug aber hält nie einerlei Höhe. Eben der Adler, der vor in die Sonne
sah, läßt sich nun tief herab, auf der Erde sein Futter zu suchen; und das ohne
Beschädigung seiner Würde. Antäus, um neue Kräfte zu sammeln, mußte mit
dem Fuße den Boden berühren können.

Sein Ton überhaupt, ist ernsthaft; nur da blieb er nicht ernsthaft – wo es
niemand bleiben kann. Denn was erweckt das Lachen unfehlbarer, als große,
mächtige Anstalten mit einer kleinen, kleinen Wirkung? Ich rede von den
drolligten Gemälden des Roßbachischen Liedes.

Seine Sprache ist älter, als die Sprache der jetzt lebenden größern Welt und
ihrer Schriftsteller. Denn der Landmann, der Bürger, der Soldat und alle die
niedrigern Stände, die wir das Volk nennen, bleiben in den Feinheiten der Rede
immer, wenigstens ein halb Jahrhundert, zurück.

Auch seine Art zu reimen, und jede Zeile mit einer männlichen Silbe zu
schließen, ist alt. In seinen Liedern aber erhält sie noch diesen Vorzug, daß
man in dem, durchgängig männlichen Reime, etwas dem kurzen Absetzen der
kriegerischen Trommete ähnliches zu hören glaubt.

Nach diesen Eigenschaften also, wenn ich unsern Grenadier ja mit Dichtern
aus dem Altertume vergleichen sollte, so müßten es unsere Barden sein.

Vos quoque, qui fortes animas belloque peremtas
Laudibus in longum vates dimittitis aevum,
Plurima securi fudistis carmina Bardi.

Karl der Große hatte ihre Lieder, so viel es damals noch möglich war,
gesammelt und sie waren die unschätzbarste Zierde seines Büchersaals. Aber
woran dachte dieser große Beförderer der Gelehrsamkeit, als er alle seine
Bücher, und also auch diese Lieder, nach seinem Tode an den Meistbietenden
zu verkaufen befahl? Konnte ein römischer Kaiser der Armut kein ander
Vermächtnis hinterlassen? 2 – O wenn sie noch vorhanden wären! welcher
Deutsche würde sich nicht, noch zu weit mehrerem darum verstehen, als
Hickes? 3 Über die Gesänge der nordischen Skalden scheinet ein günstiger Geschick
gewacht zu haben. Doch die Skalden waren die Brüder der Barden; und was
von jenen wahr ist, muß auch von diesen gelten. Beide folgten ihren Herzogen
und Königen in den Krieg, und waren Augenzeugen von den Thaten ihres
Volks. Selbst aus der Schlacht blieben sie nicht; die tapfersten und ältesten
Krieger schlossen einen Kreis um sie, und waren verbunden sie überall
hinzubegleiten, wo sie den würdigsten Stoff ihrer künftigen Lieder vermuteten.
Sie waren Dichter und Geschichtschreiber zugleich; wahre Dichter, feurige
Geschichtschreiber. Welcher Held von ihnen bemerkt zu werden das Glück
hatte, dessen Name war unsterblich; so unsterblich, als die Schande des
Feindes, den sie fliehen sahen.

Hat man sich nun in den kostbaren Überbleibseln dieser uralten nordischen
Heldendichter, wie sie uns einige dänische Gelehrte aufbehalten haben,
umgesehen, und sich mit ihrem Geiste und ihren Absichten bekannt gemacht;
hat man zugleich das jüngere Geschlecht von Barden aus dem schwäbischen
Zeitalter, seiner Aufmerksamkeit wert geschätzt, und ihre naive Sprache, ihre
ursprünglich deutsche Denkungsart studiert: so ist man einigermaßen fähig,
über unsern neuen preußischen Barden zu urteilen. Andere Beurteiler,
besonders wenn sie von derjenigen Klasse sind, welchen die französische
Poesie alles in allem ist, wollte ich wohl für ihn verbeten haben.
Noch besitze ich ein ganz kleines Lied von ihm, welches in der Sammlung
keinen Platz finden konnte; ich werde wohl thun, wenn ich diesen kurzen
Vorbericht damit bereichere. Er schrieb mir aus dem Lager vor Prag: »Die
Panduren lägen nahe an den Werken der Stadt, in den Höhlen der Weinberge;
als er einen gesehen, habe er nach ihm hingesungen:

Was liegst du, nackender Pandur!
Recht wie ein Hund im Loch?
Und weisest deine Zähne nur?
Und bellst? so beiße doch!«

Es könnte ein Herausfordrungslied zum Zweikampf mit einem Panduren
heißen.

Ich hoffe übrigens, daß er noch nicht das letzte Siegeslied soll gesungen
haben. Zwar falle er bald oder spät; seine Grabschrift ist fertig:

Eimi dA ego terapon men Enyalioio anaktos
Kai Monseon eraton doron episamenos.

alle Gedichte der Sammlung                                                                                weiter

                  alle Gedichte nach Themen

Keine Kommentare: