> Gedichte und Zitate für alle: J.W.L.Gleim-Romanzen: Mein Herr, in sechzig Jahren (3)

2016-05-13

J.W.L.Gleim-Romanzen: Mein Herr, in sechzig Jahren (3)



 3. Wundervolle doch Wahrhafte Abentheuer Herrn Schout by
Nachts, Cornelius van der Tyt, vornehmen Bürgers und
Gastwirths im Wallfisch zu Hamburg, wie er solche seinen
Gästen selbst erzählet. Aus seiner Holländischen Mundart, in
hochdeutsche Reime getreulich übersezt

1.

Mein Herr, in sechzig Jahren
Hab ich sehr viel erfahren!
Was Wunder mir geschehen,
Ist mir nicht anzusehen.
Ich Pater, Schout by Nacht und Wirth,
Bin dreyssig Jahr herum geirrt.

2.

Zu Wasser und zu Lande,
Hab ich in manchem Stande,
Viel Unglükk dulden müssen.
Ich weiß nicht, ob sie wissen,
Daß ich, und eine Perserin
Im Wallfisch-Bauch gewesen bin?

3.

Nach sechzehn Krieges-Zügen,
Und, nach nicht mindern Siegen,
Must ich, Trotz meiner Thaten,
In Sclaverey gerathen.
Ach, aber da verliebte sich,
Die schönste Perserinn in mich!

4.

Kaum kenn ich sie zwölff Tage
Da küß ich sie, und frage:
Du Stern der Perserinnen!
Wilst du mit mir entrinnen?
So steif ich ihr ins Auge sah,
       So munter war die Antwort: Ja!

5.

Drauf nahm sie mir die Ketten,
Und sprach: Wenn uns zu retten,
Doch auf dem wilden Meere
Nur eine Gondel wäre!
Und, als ich nach dem Ufer sah,
Da war, huy! eine Gondel da.

6.

Ich zeigte zwölff Zechinen!
Dem Schiffer, uns zu dienen;
Er bat uns, einzusteigen,
Und sprach, nach öfterm Neigen:
Geh, Gondel geh, an deinen Ort!
Die Gondel ging, wir schwammen fort!

7.

Und sahn, bey hellem Himmel,
Das fröliche Getümmel
Der scherzenden Delphinen,
Und Meerpferd' unter ihnen,
Und kamen, eh wirs uns versahn,
In einem Hafen glükklich an.

8.

Hier durften wir der süssen
Versäumten Ruh geniessen!
Erkenntniß zu vermeiden,
Rieth ich, uns umzukleiden;
Schnell gieng mein Kleid auf ihren Leib,
Sie war ein Mann, und ich ein Weib!

9.

In diesem Weiberstande,
Sah ich, nicht weit vom Strande,
Bald einen Perser stehen,
Und immer nach mir sehen!
Da nahm mich Furcht und Schrekken ein;
Du kanst, dacht ich, verrathen seyn!

10.

Ein Mann der freundlich lachte,
Kam, als ich dieses dachte,
Und nach dem Perser sahe,
Uns seitwärts rudernd nahe,
 Der sprach, mit freyer Redlichkeit,
Wie einer, den ein Gast erfreut:

11.

Sie werden sehr gebeten,
Zu mir an Bord zu treten!
Wir woll'n ein wenig speisen
Und dann gleich weiter reisen.
Ich bin, sprach er, an dessen statt,
Der sie hieher geschiffet hat.

12.

Schnell flohen unsre Blikke
Bald vorwärts, bald zurükke!
Es war, ach welch ein Schrekken!
Der Mann nicht zu entdekken.
Mein Herr, wir sagten nicht ein Wort
Und zitternd traten wir an Bord.

13.

Als wir beym Tische sassen
Uns umsahn, wenig assen,
Da sprach der Wirth: Sie essen!
Ihr Schiffer sey vergessen!
Verbannen sie, nur Furcht und Gram,
Ich bringe sie nach Amsterdam.

14.

Vor Furcht, und auch vor Freude,
Verstummeten wir Beyde,
Und keiner wolte wagen,
Dem Wirth etwas zu fragen.
Mein Herr, es kann nicht anders seyn;
Er muß ein Geist gewesen seyn.

15.

Nach eingenommner Speise,
Beym Antrit unsrer Reise,
Bat ich den Gott der Winde:
Ach wehe doch gelinde!
Sey mir und meinem Mädchen gut,
Und mache, daß der Sturmwind ruht!

16.

Drauf schwamm das Schiff vom Lande,
Gemach wich es dem Strande,
Der Tag war schön und helle,
   Es schwiegen Sturm und Welle;
Doch eh sichs Mann und Schiff versah,
War Blitz, und Sturm und Welle da.

17.

Pechschwarze Wolken krachten,
Und heiße Blitze machten
Um Mann und Schiff und Welle
Das dikke Dunkel helle,
Als solten wir, bey Angst und Flehn,
Den nahen Tod noch besser sehn!

18.

Wir fuhren auf der Welle,
Zum Himmel und zur Hölle.
Bald ward das Schiff vom Toben
Der Fluthen aufgehoben,
Bald blekete des Meeres Schlund,
Dann stürzt es wieder auf den Grund!

19.

Ach, rief ich laut, voll Schrekken
Nun wird uns Wasser dekken!
Ach Kind, daß ich im Grabe
Dich noch im Arme habe
Wünsch ich mir einen Wallfisch-Bauch!
Mein Mädchen sprach: Den wünsch ich auch!

20.

Schnell kam, in Wasserwogen,
Ein Wallfisch angeflogen!
Und watet' in der Tiefe,
Recht unter unserm Schiffe,
Das, als ers dreymahl umgewand,
Auf seinem Rükken stille stand.

21.

Ach, sprach ich ganz verstöret,
Der Wallfisch hat gehöret,
Was wir gewünschet haben
Nun wird er uns begraben.
Verschling uns Wallfisch! sprach mein Schatz
Ist auch in dir für zweene Platz?

22.

Mein Herz fieng an zu pochen;
Denn, kaum war es gesprochen,
  So schien, bey Wellen-Schlägen,
Der Wallfisch sich zu regen,
Und plötzlich stürzt er Schiff und Last,
Und, in dem Meere stach der Mast.

23.

Ich, und das Mädchen schwammen,
Nicht weit davon, beysammen!
Da kam auf uns, mit Flossen,
Der Wallfisch loß geschossen.
Ach! fieng das Mädchen an zu schreyn;
Auf einmal schlang er uns hinein.

24.

Weil wir nun in dem Magen,
Nicht allzusanfte lagen,
So must ich oft, mich regen,
Und mich zu rechte legen,
Und das geliebte Mädchen auch,
Auf ihrem Bett, im Wallfisch-Bauch.

25.

Dis Regen und dis Lermen,
Mag Magen und Gedärmen,
Worinn er uns begraben,
Nicht angestanden haben,
Drum drang er uns, o grosses Glükk!
Bald wieder durch den Schlund zurükk!

26.

Ich hielt, dis war das Beste,
Mein liebes Mädchen feste,
Drum wards mit mir verschlungen,
Und auch heraus gedrungen,
Ich hielt es noch fest an der Hand,
Und lag bey Amsterdam in Sand.

Nachricht

Die Spanier sind vermuthlich die ersten Erfinder der Romanzen, weil
Eifersucht oder Ritterschaft, (Chevalerie) bey ihnen mehr traurige
Begebenheiten hervorbringen mag, als bey andern Völkern, wo die Schönen
tugendhafter, oder die Männer versöhnlicher, und ritterliche Thaten keine
Eigenschaften eines Liebhabers sind.

In Erzählung vorstehender Geschichten, hat man versuchen wollen, ob die,
vorlängst bey den Spaniern, und neuerlich bey den Franzosen, zu den
romanzischen Liedern gebrauchte Schreibart, auch im Deutschen gefallen
      könne.

Je öfterer dieser Versuch, von den rühmlichen Virtuosen mit Stäben in der
Hand, künftig gesungen wird, desto mehr wird der Verfasser glauben, daß er
die rechte Sprache dieser Dicht-Art, getroffen habe.

Von der ersten Romanze, findet sich in den Werken des Moncrif, eine so
ähnliche Geschichte, daß man auf den Gedanken gerathen möchte, sie sey
übersezt; allein, da ganz Berlin weiß, daß die darin erzählte Begebenheit, am
eilften Aprill des vorigen, nicht aber dieses Jahres, wie auf dem Titul-Blat
durch einen Drukkfehler stehet, sich würklich daselbst zugetragen hat, so kan
die moncrifische Romanze, wohl nichts weiter, als eine ähnliche Geschichte
seyn.

Von der zwoten und dritten, werden die besten Kenner und fleissigsten
Leser anderwärts keine Spur finden. Geschrieben, Berlin den 1ten May 1756.


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