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2016-05-28

P.Paoli: "Neue Gedichte" - Aschenbrödel (9)



Aschenbrödel

Was für ein ärmlich traurig Leben
Mit fahlen Fäden dich umspinnt!
Der Freuden mußt du dich begeben,
Du armes, du verlass'nes Kind.
Von gold'ner Zier, von Sammt und Seide
Wird deiner Schwestern Reiz verklärt,
Umwallt vom grauen Alltagskleide
Sitzt Aschenbrödel still am Herd.

So sitzt sie schon seit manchen Jahren
Und wirkt und schafft den ganzen Tag,
Aufsammelnd für die Undankbaren,
Der Mühen köstlichen Ertrag,
Zerstreut, gedankenlos empfangen
Sie, was die Arme ihnen reicht,
Und merken nicht, wie ihrer Wangen
Sanft blühend Rosenlicht erbleicht.

Nur selten, wenn für flücht'ge Stunden
Des Kummers fast vergess'ne Macht
Den Weg zu ihrer Brust gefunden,
Wird Aschenbrödels auch gedacht.
Da muß das treue Herz sie laben,
Das sie so oft, so schwer verkannt,
Und Trost, den sie ihr niemals gaben,
Empfangen sie aus ihrer Hand.

Doch, wenn aus dem geriss'nen Schleier
Die Sonne freundlich wieder blickt,
Wenn neu beginnt die Freudenfeier
Wird Aschenbrödel fortgeschickt.
Da stürzen sie ins Weltgebraus'e
Mit hast'ger Ungeduld hinein,
Und wieder sieht im öden Hause
Arm Aschenbrödel sich allein.

Sie kann dem Gram nicht länger wehren,
Der ihr verlass'nes Herz bezwingt;
Still fließen ihre heißen Zähren –
Doch was ist dieß? das Fenster klingt,
Durch ihre Kammer rauschen Töne
Voll Himmelslust, voll sel'gem Weh,
Und vor ihr steht in Zauberschöne
Die Poesie, die gute Fee!

Hold lächelnd neigt sie sich hernieder
Und segnet das gebeugte Haupt:
Von meiner Huld empfange wieder,
Was dir das Leben hat geraubt.
Mit meinem Strahlendiademe
   Verklär' ich jeden reinen Schmerz,
Die von der Welt Verstoss'nen nehme
Ich liebend an mein Sonnenherz.

Wo trüb und einsam eine Seele
Verkümmern will im starren Frost,
Und ird'sche Hilfe fern, da stehle
Ich mich zu ihr mit lindem Trost,
Bis sie, die trauernd stand im Leben,
Ein fremder, unwillkommner Gast,
Die Luft der Heimat trinkt, daneben
Das Glück der Glücklichen erblaßt.

Drum bin ich dir auch jetzt erschienen
In meines Kummers trüber Nacht!
Sieh, was an Perlen und Rubinen
Ich meinem Kinde mitgebracht!
Voll stolzer Mutterfreude schmück' ich
Mit reicher'm dich als Königsglanz
In deine weichen Locken drück' ich
Den unverwelkbar heil'gen Kranz.«

Doch wie ihr also herrlich prangend
Das Spiegelglas ihr Antlitz zeigt,
O wie sie schüchtern da und bangend
Das Haupt in frommer Demuth neigt!
»Der Glanz auf meinem Angesichte
Ich nenn' ihn nun und nimmer mein!
Er ist von einem ew'gen Lichte
Geheimnißvoller Widerschein!«

Hinweg aus ihrer armen Klause
Sieht sie mit süßem Schreck sich jetzt
In eines Festes Lustgebrause
Mit einem Zauberschlag versetzt.
Die sonst mit herrisch stolzen Mienen
Gekränkt des Kindes weichen Sinn,
Die huldigen ihr nun und dienen
Ihr wie der schönsten Königin. –

Doch wehe! wehe! kalt und nüchtern
Herein das Licht des Morgens fällt,
Von seinem Strahl entfliehet schüchtern
Die vielgeliebte Traumeswelt,
Dahin die Perlen, das Geschmeide,
Die heitre Pracht, die ihr beschert!
Umwallt vom grauen Alltagskleide
    Sitzt Aschenbrödel still am Herd.

Allein ihr Stern ist nicht verglommen,
Und freudig lächelt sie in Weh,
Sie weiß, bald wird sie wiederkommen
Die schöne, die geliebte Fee!
Bald nimmt sie, was ihr Kind auch quäle,
Von hinnen mit Erlösungsmacht –
Und ahnend harrt die Dichterseele
Entgegen ihrer Weihenacht.
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