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2016-05-31

P.Paoli: "Neue Gedichte" - Ein Traum (37)



 Ein Traum

Schon glaubt' ich meines Herzens Schläge
Beschwichtigt und zur Ruh gebracht,
Schon glaubt' ich, überwunden läge
Im Staub vor mir des Lebens Macht,
Verachtend blickt ich auf die Klage,
Kalt lächelnd auf versunk'nes Glück,
Und das Gedächtniß früh'rer Tage
Wich scheu vor meinem Stolz zurück.

          So wähnt' ich mich geheilt, genesen,
Hinwallend auf erlauchter Spur,
Geläutert und geräumt mein Wesen
Von Schlacken irdischer Natur.
Wie stieg das Blut in meine Wangen,
Wie strahlte im Triumph mein Blick!
Bewältigt hatt' ich Wunsch und Bangen,
Mein Wille nur, war mein Geschick.

So war's noch gestern. Wie nun heute?
Welch dunkler Bann hat mich berührt,
Und die ihm abgerung'ne Beute
Dem Schmerze wieder zugeführt?
O Purpur, deckend Bettlerblöße!
O Kronenreif von Glitzerschaum!
O wahngeträumte Herrschergröße –
Besiegt, zerstört hat euch ein Traum!

Ein Traum, deß finst'rer Zaubersegen
Mit Fesseln meuchlings mich umreift.
Er brach herein, wie Räuber pflegen,
Als ich die Rüstung abgestreift.
Er brach herein bei nächt'ger Stille,
Vampyrhaft saugte er mein Blut,
Als schlimme Wächter, Geist und Wille
Erschöpft vom Tageswerk geruht.

Und die in mir so lange schliefen,
Die alte Lieb', das alte Leid,
Sie stiegen aus des Grabes Tiefen
Von ihm erweckt, durch ihn befreit.
Sie sangen ihre Schmerzenlieder,
Sie winkten mit der Geisterhand,
Und aus der Asche schlugen wieder
Die Flammen auf in wildem Brand.

Da, plötzlich aus dem wirren Grund,
Rang sich ein Bild gewitterklar,
Du tratst vor mich, wie in der Stunde,
Die meines Friedens letzte war.
Wir sind uns fremd im Leben, Sterben,
Wir haben fürder nichts gemein,
Was drängst du, ganz mich zu verderben.
Dich nun in meine Träume ein?

Was nahst du mir mit fleh'ndem Munde,
Was blickt dein Aug' so schmerzenwild,
Daß aus der schon vernarbten Wunde
Auf's neu' der alte Blutstrom quillt?
Was mußt du mir die Kunde bringen
Mit deinem trüben Seelengruß,
Daß all mein Kämpfen, all mein Ringen
Die eitle Müh' des Sisyphus?

Daß alle meine Geistesflüge
Ein Flattern an der Kette bloß,
Daß meine Kraft armsel'ge Lüge
In Nichts zerfließend, wesenlos,
Daß meinem innersten Gemüthe
Fortan nichts wahr und wirklich heißt,
Als nur die Lieb', in der es glühte,
Und nur der Schmerz, der es zerreißt.
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