> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 15.07.1816 (252)

2016-06-27

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 15.07.1816 (252)



251. An Goethe 15.07.1816

Wiesbaden, 15. Juli 1816. 

Gestern mittag bin ich hier angekommen und heut früh habe ich Dir ein stilles Quartier in der »Rose« festgemacht, habe es aber noch nicht gesehen, weil der Bewohner nicht beihanden war. Das Wetter ist gestern und heut sehr schön und wird gewiß noch besser.

Eben komme ich vom Großherzog von Weimar, den ich wohlauf und im Begriffe fand, nach Baden abzugehn, von wo er noch einen Abstecher nach Eger zu machen gedenkt.

Drei Tage bin ich in Frankfurt am Main gewesen, woselbst ich meinen Neuestchristen abgeschüttelt habe, der mir manche langweilige Stunde gemacht hat.

Friedrich Schlegel und Frau habe ich besucht und mit ihnen zu Mittage gespeist. Wie dieser mit Deinen Rhein-und Mainansichten zufrieden ist, werde ich wohl nicht zu verkündigen brauchen, wiewohl ich nur mit der Frau über diesen Gegenstand gesprochen habe. Doch wie sie beide aufs reine Fleischergewicht heruntergekommen sind, das ist höchst traurig und ein schmähliches »ecce homo«.

Nachmittag. Deine Wohnung habe ich nun gesehen: es sind zwei artige ruhige Stuben a 2 Fenstern, eine Treppe hoch, die eine nach der Langen Gasse, die andere gegen den Berg hin. Der Bediente wohnt drüber in der Mansarde. Der Preis ist: wöchentlich 2 Karolin und für die Bedientenstube besonders 3 Gulden. Da ich das Logis von morgen an gemietet habe, so laß mich daher ohne Aufschub Deinen Willen wissen; kommst Du selbst bei Tag oder Nacht, so findest Du es offen. Es ist das Querhaus der »Rose«, das frei steht und ruhig und sogar vor fremden Feuer sicher ist.

In Offenbach bin ich zwei Nachmittage bei Andre gewesen, dessen Vater ich gut gekannt habe. Sie haben sich auch hier zu einer Singgesellschaft vereinigt und natürlich die Sache mit der Freiheit angefangen, indem sie das Pferd beim Schwänze führen. Übrigens verstehn sie alles so gut, daß ich mich wohl gehütet habe, es nicht vortrefflich zu finden; wie denn der Offenbacher Schnupftabak und einige sehr artige Mädchengesichter nicht zu verkennen sind.

Das Possierlichste ist die Keckheit, womit sie Nachsicht fordern und doch auch wieder ein aufrichtiges Urteil verlangen und zugleich viel gelten wollen; ja sie würden nicht erröten, wenn man ihnen sagte: so etwas Schönes sei einem im Leben noch nicht vorgekommen.

Wenn Du herkommst, sei doch so gut, die beiden kompletten Sammlungen meiner Lieder mitzubringen, wenn Du sie noch hast. Andre hat mich mit seinen Kompositionen beschenkt, und ich sollte ihm wohl was dagegen geben. Von Berlin aus schicke ich Dir andere dafür.

Dienstag. Früh. Humboldt habe ich in Frankfurt besucht. Er war sehr liebenswürdig und erwartet seine Familie aus Karlsbad. Auch Christian Schlosser habe ich besucht und ihn so wiedergefunden, wie ich ihn verlassen. Er und Friedrich Schlegel loben einander nicht schlecht; mit seinen geistlichen Unternehmungen scheint er kein Glück zu machen.

Neue Bekanntschaften habe ich noch nicht gemacht und nicht darnach gesucht. Unterdessen beschäftige ich mich damit, Dein byzantinisches Wesen recht durchzukauen, da keiner von uns sich vorgestellt hat, daß Du die Sache da anfangen würdest. Aus diesem Punkte fange ich an Augen zu kriegen, da die Kunst des Mittelalters durch Vergleichung und Vermischung nationeller Fähigkeiten und Berufsneigungen nie zu unserer Erkenntnis kommen kann.

Dein Z.

Der Großherzog ist gestern nachmittag abgereist.

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