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2016-06-07

Gedichte von A.W.Schlegel: Die Erfindung des Kußes-1 (26)



 Die Erfindung des Kußes

1.

Die Grazien besprachen mit einander
Sich von der Menschenbildung Zügen einst,
Wie die Natur in ihrer holden Zierde
Die Seele ausgesprochen, und wie jedem
Belohnende Bestimmung sie verliehn.
Die Stirne, denkend, thront im Antlitz oben,
Es schlingt sich über ihrer offnen Fläche
Der Haare vielfach wechselnd Diadem:
Denn der Gedank' ist König in dem Geist.
Der Nase, die von ihr sich niedersenkt,
Des Ebenmaßes unverrückte Säule,
Weht huldigend der Frühling seine Düfte,
Und Zephyr linden lauen Hauch entgegen.
Das Ohr, bescheiden seitwärts angefügt,
Trinkt achtsam doch des Wohllauts ganze Fülle.
Die Wangen blühen so durchsichtig zart,
Daß bald der jungen Freude leichtes Wallen,
Und bald die Scham, bei'm leisesten Berühren, –
Nicht ohne süßes Bangen, denn sie ist
Die Morgenröthe seliger Gefühle, –
Mit Rosenglut sie überströmen kann.
Die Augen geben und empfangen Strahlen,
Die Welt ist ihre, von dem Aug' der Sonne
Mit aller Farben Glorie ausgestattet.
Doch kehren sie von ihren weiten Flügen
Gern wieder in die Näh'; es sucht der Blick
Verbrüdertes, worin er sich erkenne,
Und Auge spiegelt sich in Aug' entzückt.
Wenn es sich dann, von vielem Sehn ermüdet,
Mit seiner Wimper seidnem Vorhang schirmt,
So dämmern noch im eng verhüllten Lager
Zerfließende Gestalten vor ihm auf.
Die Lippen aber, die beseelten Rosen,
So sprach Euphrosyne, die sich gefällig
Zu Red' uBeredt zu schweigen wißen, wie zu kosen,
Sie, die das innerste Gemüth erschließen:
Was wurde für ein Lohn zu Theil den süßen?
Daß sie die Nahrung, die der Leib empfängt,
Zuerst berühren? Das ist wieder Dienst,
Belohnung nicht: verschmähn sie doch zu kosten,
Und gönnen gern dem Gaume seine Freuden.
Und was ist Hybla's Honig, was der Saft
Von Lesbos, selbst des Göttertisches Gaben,
Verglichen mit der Worte süßer Kraft,
Worin sich, froh berauscht, die Seelen laben?
Ja müssen nicht die geistigen sich schämen,
Das irdische Bedürfniß hinzunehmen?

Wie du doch eiferst, Schwester, so erwiedert
Aglaja lächelnd; nimm dich nur in Acht,
Daß nicht der zu bewegten Rednerin
Des Mundes leicht geschwungner Zug sich krause,
Und deine Sorg' um ihn ihn selbst entstelle.
Ist denn des schönen Thuns Gefühl nicht Lohn?
Und fühlen nicht die Lippen, wie sie reden
Und wie sie lächeln?
Das Auge sieht sich nicht, es grüßt im Auge
Des Andern aus der Ferne nur den Geist;
Und sind sie doppelt schon, und thun das Gleiche,
Doch rollet in der eignen Sphäre jedes,
Und unbewußt ist ihre Harmonie.
Die Lippen aber sind die Dienerinnen
Der freundlichen Geselligkeit, und selbst
Gesellig: ist ihr Leben und Bewegen
Nicht ewig wiederholter zarter Gruß?
Weil sie denn so als Paar sich innig fühlen,
Vereinigt athmen und vereinigt spielen,
So laß sie sich mit andern Lippen paaren,
Um ihre eigne Süße zu erfahren.

Der Grazien jüngste hört' es liebevoll,
Und neigte sich der Schwester, die gesprochen.
Ihr reger Busen, kaum entknospet, schwoll
Von ihres Herzens ahndungsvollem Pochen.
Sie öffnet halb den Mund, der Anmuth haucht,
Und Lippe wird an Lippe sanft getaucht.
Da war mit reinem zärtlichen Verlangen
Der erste Kuß gegeben und empfangen.

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