> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte von A.W.Schlegel: Die erfindung des Kußes-2 (27)

2016-06-07

Gedichte von A.W.Schlegel: Die erfindung des Kußes-2 (27)



2.

  Cythere, hingelehnt in Myrtenschatten,
Belauschte sie, und sagte zu sich selbst:
Ihr holden Kinder, was vermöchten Lippen
Zu Red' und zu Gesang, wenn nicht die Zunge
In ihren Schranken wohnt', und schwünge sich
Mit unermüdlicher Gewalt? Ist sie
Das goldne Plectrum für die Silbersaiten
Der Stimme nicht? sie nicht der Pfeil des Bogens,
Der glühnde Worte schnellt? der Sprache Zügel?
Wenn sich, in sanften Wünschen eingeschloßen,
Jungfräuliche Gemüther liebend finden,
Da mögen Lippen sich bescheiden drücken,
Und gnügen wird dieß Zeichen des Vereins.
Ihr kennt nicht jenes namenlose Streben,
Das jedes andern Triebes Banden lös't,
Sich selber, Seel' und Leib, und Füll' und Leben
An den Geliebten opfernd hinzugeben,
Die beiden Wesen ganz in eins verflößt.
Wenn dieß der Sinn' und Herzen sich bemeistert,
Dann soll die Zunge auch, zum Kuß begeistert,
Das Mark durchblitzen gleich Cupido's Pfeilen
Mit Wunden, die nur süßer Tod kann heilen.

Von solchen Küßen lehrte Cypris Gunst
Den schönen Jäger, bei noch sprödem Muthe,
Zuerst vor allen Sterblichen die Kunst,
Wie sie bei ihm in kühler Waldnacht ruhte.
Es ward ihr Kuß zum heißen Liebesschwur,
In dem erstummt die Zungen sich verwirrten,
Daß Wonne schauernd durch die Wipfel fuhr,
Und buhlender der Göttin Tauben girrten.

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