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2016-07-01

Gedichte von Arno Holz: Nachtstück (31)



Nachtstück

Längst fiel von den Bäumen
Das letzte Blatt,
In Schlaf und Träumen
Liegt nun die Stadt;
Die Fenster verdunkeln
Sich Haus an Haus
Und drüberhin funkeln
Die Sterne sich aus;
Kalt weht es vom Strom her,
Der Eisgang kracht,
Und drüben vom Dom her
Dröhnt's Mitternacht.
Ich aber schleppe mich zitternd nach Haus –
Der Nordwind bläst die Laternen aus!

Was half's, dass ich klagend
Die Gassen durchlief
Und mitleidverzagend
»Hier Rosen!« ausrief?
»Hier Rosen, o Rosen!
Wer kauft einen Strauss?«
Doch die Herren Studiosen
Lachten mich aus!
Und keiner, keiner ....
Dass Gott erbarm!
O unsereiner
Ist gar zu arm!
Mir wanken die Kniee, mein Herzblut gerinnt –
O Gott, mein Kind, mein armes Kind!

In stockdunkler Kammer,
Verhungert, verthiert!
Schon packt mich der Jammer:
»Ach Muttchen, mich friert!
Ach bitte, bitte
Ein Stückchen Brot!«
Mir ist es, als litte
Ich gleich den Tod!
Mir ist es, als müsste
Ich schreien: »Fluch!« –
O dass ich dich küsste
Durchs Leichentuch!
      Dann wär es vorbei und sie scharrten dich ein
Und ich trüg es allein, o Gott, allein .....
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