> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 11.04.1826 (505)

2017-08-16

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 11.04.1826 (505)


An Goethe 11.04.1826

Berlin, 11. April 1826. 

Du hast ein artiges Schreiben an unsern Minister v. Schuckmann ergehn lassen, und das hat ihm, wie er mir sagt, keine geringe Freude gemacht, aber es soll auch fruchtbringend sein.

Das Privilegium Deiner neuen Ausgabe ist zwar durch unsere Zeitung bekannt gemacht, wovon aber, wie er sagt, an den neuerworbenen Landesgrenzen keine strikte Notiz genommen zu werden pflegt, wenn es nicht in unserer Gesetzsammlung aufgenommen ist. Das Letzte war noch nicht geschehen und soll nun schleunigst erfolgen.

Und wer geht soeben von mir? Der gute Matthisson, den ich seit 25 Jahren und länger nicht gesehn habe und sich noch ganz schmuck ausnimmt, wie seine reinlichen Verschen. Seine Adelaiden, Lauren, Elfen und Feen sind auch einmal durch meine Schmiede gezogen, und so gedenkt er meiner noch mit Gunsten, was ich hoch aufzunehmen habe.

Himmelfahrt. Habe ich Dir wohl jemals die beigehende Komposition gesandt? Sie ist schon vor 20 Jahren am Tage nach meiner Hochzeit unter dem Namen: »Weltschöpfung« gemacht. Nun kommt mir das Stück zufällig wieder unter die Hände, und indem ich über Dich und mich erstaune, wünschte ich wohl zu wissen, unter welchen Umständen das Gedicht gemacht ist.

Den 12. Mai. Nimm’s nicht übel: was Du schreibst und geschrieben hast, ist mir stets, als ob ich’s geschrieben hätte, und ich brauche mich nicht zu schämen, es zum zweiten, dritten, zum 10. Male wiederzulesen. So bin ich jetzt bei Deinen Briefen aus Rom vom Jahre 1786 und wandle vor mich hin und her mit dem Gefühle der Sicherheit, daß außer mir kein Mensch was davon verstünde, ja mir allein das alles längst bekannte Dinge wären. Ebenso überzeugt aber bin ich, daß ich an Ort und Stelle wie ein geschlagner — Mann davor stehn würde. Wie oft ich diese Briefe schon gelesen habe, so lese ich eben jetzt fast jedes Zettelchen zwei- oder dreimal und scheine mir die klarste Ansicht durch Stein und Gestein in den Bauch des tiefsten Vorlebens [zu gewinnen]; ich sehe die echten Originale vor mir und erkenne ihren Unterschied zwischen Abzeichnung und Abdruck. Ergeht rnir’s doch ungefähr ebenso: höre ich eine gute Musik und sehe dann die Partitur, so finde nicht selten eine dicke Mauer dazwischen, wo nicht die Unmöglichkeit, daß beide Dinge Eins sein sollten, und selbst das, was die Bildung befördert, dem Verfalle der Kunst dient.

Das Wort des Mundes ist ein anderes als das Wort in Buchstaben; doch Deine Buchstaben sind neue Worte des Lebens; ich weiß es nicht anders auszudrücken, aber wahr ist es.

Und darin ist die rohe Kunst der ausgebildeten vorzuziehn, als notwendiges Naturerzeugnis nur dessen, was wahr ist, wenn auch ungeschickt, weil nichts ausgedrückt werden soll, als was ausgedrückt werden will. So mit der Sprache: diese flüchtigen Briefe, welche oft nur den ersten Eindruck angeben in der Sprache, die das Bild selber redet, sind auch ebenso zugänglich, und tausend gehn daran vorüber mit dem Gefühle: so hätte ich’s auch gekonnt! und vergessen es, und wenn es ihnen wieder einfallen muß, so meinen sie: Ja, so mein’ ich’s auch und habe es längst gewußt.

Im Meßkatalog steht das 3. Stück des 5. Bandes von »Kunst und Altertum« angezeigt. Die Leipziger Messe ist vorbei, und wir haben noch nichts; mache doch, daß ich etwas davon erfahre.

Dein

Z.

Gestern sollte dies Blatt abgehn, und nun ist Pfingsten worden, und es liegt noch hier. Unterdessen bringt mir heut Herr Bracebridge nebst Frau Dein und Ulrikens Schreiben, woraus ich erfahre, daß Du auf alten Beinen stehst, indem Deine Leute das Ding umkehren. Oft genug hört man sagen: »Ja wenn Er (oder Sie) das erlebt hätten!« Und Du alter Herzog siehst noch immer an Dir vorübergehn, was Tausenden schlecht bekommt. Und soll’s dann nicht anders sein, so seh’ ich’s am wenigsten ungern, wie es eben ist.

Die Bracebrid’schen Eheleute kamen heut gegen Mittag und nahmen mit etwas Wein und Kuchen vorlieb, da sie den Mittag schon versagt waren. Morgen fahren wir nach Sanssouci, wohin die Kinder schon voraus sind, und übermorgen bin ich wieder hier, wo die Empfohlenen zum zweiten Male willkommen sein sollen. Auch mit der Frau hat sich Doris gefallen, und das Weitere soll sich schon machen.

Unser großes Theater lebt jetzt in Angustien. Eben habe ich einen Flatschen vom »Hamlet« gesehn. Der erste Rang war ganz leer. Auch die lebenden Bilder wollen nicht mehr ziehn, da alles den Unrat merkt, der die Pfuscherei verbergen soll. Sollte doch ich am wenigsten davon reden, da ich noch keine einzige dieser Vorstellungen gesehn habe; da sie aber alle so still davon sind, so muß wohl ich reden: es ist ein echter Jammer und gar keine Rettung. Alle gute Sänger sind krank, werden krank oder reisen herum. Nun ist Madame Schröder wieder angekommen, die wird den Kohl fett machen, wenn sie noch so korpulent ist, wie sie war und wir deren wenigstens ein halbes Dutzend haben, neben denen man im schönsten Schatten gehn kann. Gefällt es Dir nun bei euch nicht, so komm hierher, da sollst Du Jesum Christum erkennen lernen; unterdessen laufen die Leute ins Königstädter Theater und sehn das dümmste Zeug lieber als unsern König — im »Hamlet«, der ein recht zusammengeflickter ist. Es ist unglaublich; ich hab’s gesehn und kann’s nicht glauben. Gott weiß, ich will nicht, aber ich muß müssen, und das am ersten Pfingsttage. So kann der Mensch herunterkommen!

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