> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 20.05.1826 (506)

2017-08-16

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 20.05.1826 (506)



An Zelter 20.05.1826

Zuvörderst also schönsten Dank für die Partitur des wahrhaft enthusiastischen Liedes. Es ist seine guten dreißig Jahr alt und schreibt sich aus der Zeit her, wo ein reicher jugendlicher Mut sich noch mit dem Universum identifizierte, es auszufüllen, ja es in seinen Teilen wieder hervorzubringen glaubte. Jener kühne Drang hat uns denn doch eine reine dauernde Einwirkung aufs Leben nachgelassen, und wie weit wir auch im philosophischen Erkennen, dichterischen Behandeln vorgedrungen sein mögen, so war es doch in der Zeit von Bedeutung und, wie ich tagtäglich sehen kann, anregend und anleitend für manchen.

Mein Hauskreuz wogt noch immer hin und her; man müßte nichts von der Welt wissen, wenn dergleichen Epochen uns unerhört scheinen sollten: wir müssen das Rad dahinrollen lassen und abwarten, wie es uns streift und quetscht, wenn es uns nur nicht gar zerdrückt.

Matthisson ist auch bei uns durchgegangen; unsere Musenjünger haben ihn freundlich gefeiert, seine Gedichte gesungen, Lorbeerkränze gereicht, und das bei einem muntern Gastmahl, welches alles ganz billig und schicklich abgelaufen ist.
Ergreife die Gelegenheit, Herrn Minister v. Schuckmann zu äußern, wie seine Rückantwort mir höchst erfreulich gewesen. Es ist so schön, sich aus früherer Zeit erinnern zu dürfen, daß man das Wohlwollen solcher Männer genossen, die sich in der Folge des Lebens als die tätigsten und tüchtigsten erwiesen. Was der werte Staatsmann für mich noch tun will, ist freilich der abschließende Sicherungsakt einer so mannigfaltig komplizierten wunderlichen Angelegenheit.

Schreibe mir manchmal, wie Dir’s durch den Sinn geht und was Dir vor die Augen kömmt; ich erwidere dagegen auch wohl etwas Erfreuliches.

Die Graf Ingenheim-Hirtische Vase ist ein schönes Geschenk; doch ist es schwer, über solche subalterne und abgeleitete Kunstwerke für sich selbst, geschweige denn für andere zu einer Überzeugung zu gelangen. Bei solcher Fabrikware, auch bei der besten, ging es niemals zum strengsten her. Wenn auch eine Hauptgruppe kongruiert, wie hier die drei mittlern Figuren, so muß man es mit dem Übrigen nicht so genau nehmen. Der Geschmack, der etwas Fremdartiges, Drittes, Einzelnes zu seinen Bedürfnissen heranruft, besitzt ja auch eine sekundäre Erfindungsgabe, der man zuletzt sowenig als der primären beikommen kann, man stelle sich, wie man wolle. Alles Kunstwerk steht zum Genuß da, und wenn es dem reinen ästhetichen Sinn genügt, so werden Vernunft und Verstand freilich nicht an ihrer Seite widersprechen können.

Wenn man bedenkt, daß so viel wichtige Menschen doch am Ende wie Öltropfen auf Wasser hinschwimmen und sich höchstens nur an Einem Punkte berühren, so begreift man, wie man so oft im Leben in die Einsamkeit zurückgewiesen ward. Indessen mag denn doch ein so langes Nebeneinanderleben, wie uns mit Wolf geworden, mehr, als wir gewahrwerden und wissen, gewirkt und gefördert haben.

Du gedenkst meines »Phaethons«, dessen ich mich noch immer freue, obgleich betrübe, daß ich nicht die zwei Hauptszenen damals niederschrieb. Wäre es auch nicht zulänglich gewesen, so war es doch immer etwas, wovon sich jetzt niemand einen Begriff machen kann.

In jene Regionen werde ich abermals verlockt durch ein Programm von Hermann, der uns auf drei antike »Philoktete« aufmerksam macht: der erste von Äschylus, dem Ältesten; der zweite von Euripides, dem Jüngsten; der dritte von Sophokles, dem Mittlern. Ich mußte mich bald losmachen von diesen Betrachtungen; sie hätten mich ein Vierteljahr gekostet, das ich nicht mehr nebenher auszugeben habe. Von den beiden ersten Stücken finden sich nur Fragmente und Andeutungen; das letzte haben wir noch ganz. Auch hier darf ich nicht weiter gehen, weil ich gleich verführt werde; denn ich konnte mich doch nicht enthalten, diese für mich so wichtige Angelegenheit vor allen Dingen durch und durch zu denken: denn hier kommen die wunderlichsten Dinge vor. Sogar hat ein uralter Lateiner einen »Philoktet« geschrieben und zwar nach dem Äschylus, wovon denn auch noch Fragmente übrig sind und woraus sich der alte Grieche begreifbar einigermaßen restaurieren ließe. Du siehst aber, daß das ein Meer auszutrinken sei, für unsre alte Kehle nicht wohl hinabzuschlucken.

Aus allen diesen erhellt, daß ich Deine ältern Briefe wieder vorgenommen habe, und will nun sehen, daß ich Dir sonst manches zurechtlege. Meine nächste Absicht ist, Dir einen ausschattierten »Charon« zu übersenden, da es mit dem Lithographieren dieses Blattes noch in weitem Felde steht; ich wünsche, daß du es stets vor Augen habest, um stets erinnert zu werden, daß der größte, furchtbarste, unerträglichste Gedanke durch eine tüchtige Kunst, die sich über ihn erhebt, uns faßlich, sogar anmutig vorgebildet werden könne. Bei näherer Betrachtung wirst du bekennen, daß alles, was die Weimarischen Kunstfreunde an dem Blatte gesehen haben, Zug vor Zug daran befindlich sei.

Magst Du mir über Hümmels Exhibitionen etwas nach I )einer Art vortragen, so machst du mir in meinem jetzigen 

(Die Fortsetzung folgt nächstens.)

Weimar, den 20. Mai 1826.

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