> Gedichte und Zitate für alle: Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 22.05.1826 (507)

2017-08-16

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 22.05.1826 (507)



An Goethe 22.05.1826

Montag, den 22. Mai 1826. 

Das Gründlichste, was Ottilie seit Entlassung ihres letzten Sohnes für uns getan hat, ist, daß sie Lady Bracebridge Deutsch gelehrt hat.

Sobald die Englishmans gestern den Steinkohlengeruch aneinander witterten, war auch das Parlament über Kornbill, Opposition und Minister eröffnet, so daß nur noch mit der sehr guten Frau zu verkehren war, die sich in Deutschland, ja sogar in Berlin zu gefallen schien.

Alfred hatte uns nämlich berichtet, daß die Leute vorigen Freitag abreisten, was mich fast wunderte; am Sonnabend aber ließen sie melden, daß sie sich Sonntag zum Mittagsessen einfinden würden.

Einige Flaschen Madeira und anderes liebes Gut, von meinem ehemaligen Schüler, dem in Italien berühmten Meyerbeer zugehuldigt erhalten, haben auch wohl getan, ja ich hätte gehofft, daß geteerte Engländer etwas mehr vertragen könnten, und die Konversation war höchst munter und allgefällig. Es war doch Sonntag, und die Lady hat getanzt. Noch hängen die sh’s und w’s, pouch’s, church’s an meinen Wänden herum wie Spinngewebe, und heute früh sind die guten Menschen abgereiset.

Dienstag. Hummel hat zwei einträgliche Konzerte gegeben, wiewohl die Zeit seiner Ankunft nicht mehr die vorteilhafteste schien. Für mich ist er ein Summarium jetziger Klavierkunst, indem er Echtes und Neues mit Sinn und Geschick verbindet. Man merkt keine Finger und Saiten, man hört Musik; alles kommt ebenso sicher und leicht heraus, als es schwer ist. Ein Topf vom schlechtesten Leimen, mit Pandorens Schätzen gefüllt.

Heut ist Liedertafel, und Dein soll auch dabei gedacht werden. Ein Graf Sierakowski, den mir Fürst Radziwill von Posen empfiehlt, ist mein Gast. Mein Bau geht langsam, und ich muß mich toll machen, sonst würde gar nichts; ich dachte, ich wäre davon, und der Satan führt mich doch wieder hinein. Und dann soll ich hineinziehn und mein liebes jetziges Nest verlassen, wieder in ein ganz neues Haus! Wie mir’s bekommen wird, sollen die Götter entscheiden. Lebe wohl und laß von Dir hören.

Dein

Z.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter



Keine Kommentare: