> Gedichte und Zitate für alle: Tränen (33)

2017-08-15

Tränen (33)



  Tränen

Wenn hin durch Flur und Feld und Au
An einen lichten Frühlingsmorgen
In Millionen Perlen glänzt der Tau,
Tief in dem dunkeln Gras verborgen,
Das ist ein wundersames Leuchten
Rings an den Halmen, an den feuchten.
Noch schönre Perlen kenne ich,
Nicht kalt wie jene, nein heiß glühend,
Ungern vor andern zeigend sich,
Neugier'gen Blicken rasch entfliehend,
Erblüht aus tiefen Weh und Sehnen,
Es sind, du weist's, des Menschen Tränen.
Doch freilich alle sind nicht wahr und ächt,
Falsch viele, ja erheuchelt, schlecht,
Und gleichen kalten Regentropfen,
Die lästig an das Fenster klopfen.
Nur jene Thränen seh ich gern,
Die Eines Schuld-und Schmerz-befangen
Still weinet vor dem Bild des Herrn,
Der für Uns einst in den Tod gegangen.
Die Träne, die herniederrinnt
Vom Mutterauge auf das Kind,
Wenn es sanft in der Wiege ruht.
Die Wange heiß von Purpurglut:
Die quillt die beim letzten Abschiedsgruss,
Wenn Eins vom Andern scheiden muss.
Noch schöner dünkt die Träne mich,
Die von des Mannes Wimper sich
Scheu flüchtig hin zur Erde stiehlt,
Des Mannes, dems im Busen wühlt,
Dass man ihm Unrecht hat getan
Und er sich nicht verteid'gen kann.
Die Träne, die rollt heiß hinab
Auf eines Edeln frühes Grab,
Der stets das Schlechte nannte schlecht,
Gekämpft fürs alte Menschenrecht,
Die Wahrheit frei und offen sprach,
Des Herz nichts als der Tod zerbrach:
O solche Tränen heiß und klar,
Sie sind gewißlich ächt und war,
Sie such ich, wie im tiefen Meer
Der Schiffer mühsam sucht umher
Nach Perlen ächt und glänzend rein.
Sie schling ich in mein Lied hinein,
Sie schmücken es tief, wunderbar
Mit ihren seelenvollen Glühen,
Mehr als die Perlen, die durchs Haar
Sich einer Braut hellglänzend ziehen.

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