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2017-08-14

Werfer: Reiselust (28)




Reiselust

Wenn ich hoch auf dem Berge stehe
Und bei dem Abendsonnenschein
Gestützt auf meinen Stabe sehe
Dort in der Berge Blau hinein:

Dann ist's, als winke mir da drüben
Sanft eine Hand, und meine Brust
Erfüllt ein wundersames Lieben
Und eine süße Wand'rungslust.

Rasch möcht ich auf die Alpen klimmen,
Wo einsam nur der Adler sitzt,
Möcht' horchen auf des Wetters Stimmen,
Das mir zu Füßen kracht und blitzt:

Möcht' sitzen an des Meers Gestade,
Wenn Abends laut der Wellen Gold,
Einladend mich zu lauen Bade,
Her um die schwarzen Klippen rollt:

Möcht' schauen in des Abgrunds Schluchten,
Wenn zornig auf der Sturm sie reißt,
Und um ihr Nest hart an den Buchten
Seemöwe flatternd klagt und kreischt.

Möcht' fahren von der dunkeln Küste
hinaus auf des Verdeckes Rand,
Zieh'n durch den heißen Sand der Wüste,
Bis dass ich käm ins Morgenland.

Möcht' mit der Karawane liegen
An der Oase frischem Grün,
Mich in der Palmen Wipfel wiegen,
Bewegt vom Wind leis her und hin.

Möcht' nach der Stadt der Städte ziehen,
Die mir und dir das Leben gab,
Möcht' fromm mit andern Pilgern knieen
Still betend an dem heilgen Grab.

Möcht' manchem Edeln, Guten drücken
Dankbar die fleiß'ge, starke Hand,
Der es gegönnt war, zu beglücken
Die Menschheit und das Vaterland.

Möcht' schauen unverwandt und lange
Ins Feuerauge ihm hinein,
Gleich wie der Aar vom Felsenhange
Aufblickt zum goldnen Sonnenschein.

Möcht' Alles, was der Geist geschaffen
In tiefbewegten Zeitenlauf,
Ein Schnitter froh zusammenraffen,
In meinen Geist es speichern auf.-

Doch muss sich hier geknebelt weilen,
Verträumen manchen schönen Tag,
Mechanisch ab die Stunden teilen
Und sehn dem Zug der Wolken nach.

Indes erstirb der Jugend Flamme,
Es färbt das Haar sich grau und weiß,
Wie an dem alten Fichtenstamme
Abwelkt im Herbst das grüne Reis.

Wohl Manchem hat das Glück gegeben
Ein Herz, das glühen, streben kann,
Doch ach! kein Seegeltuch daneben,
Kein Schifflein, drin es steuern kann.

Muss warten schon, bis ernst und leise
Der Tod pocht an die Türe an,
Und ruft: Auf, auf zur ew'gen Reise,
Du ungeduld'ger Wandersman!

Dann geht's, dann steh'n die Pforten offen,
Dann rauschts um mich wie Ruderschlag,
Dann kommt nach langen Harren, Hoffen

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