> Gedichte und Zitate für alle: Der Freund (9)

2017-09-14

Der Freund (9)




Der Freund

1.

Mir ist, als käm der Lenz,
Der treue Freund, gegangen,
Dem seit so langer Zeit
Ich nicht im Arm gehangen;
Ich hab so Manches ihm
Zu sagen und zu klagen,
Was sich des Trüben viel
Zutrug in diesen Tagen.

Ich hab' ihm Freundestot
Und Landesnot zu künden,
Er aber winkt mir still
Zu den erwachten Gründen:
Da blühen Blumen auf,
Das funkeln lichte Quellen,
An jeder Birke steht
Man frische Keime schwellen.

Die Vögel singen hell,
Die fröhlichen Genossen,
Tiefblaue, warme Luft
Hat rings das Land umflossen!
Da hab' ich selig still
Bei meinem Freund gesessen
Bis ich an seiner Brust
Mein ganzes Leid vergessen.

2.

Es ist mein alter Freund
Der Lenz und wird noch leben,
Wenn längst auf meinem Grab
Sich Vöglein Zwiesprach geben;
Er ist der Freund, der treu
Mich einstens auch geleitet,
Wenn sich zur letzten Fahrt
Das Bahrtuch ausgebreitet.

Und das ist mir ein Trost
Fürs lange, lange Leben,
Das, wie es fallen mag,
Es einen Freund wird geben.
Ich seh' die Andern dann
Beruhigter entschwinden,
Weil doch bei Einem stets
Ein süßer Trost zu finden.

Alexander Kaufmann 1817-1893

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