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2017-09-04

Friedrich Kind: Das Reh (9)



Das Reh

Wenn ich nach dem Wäldchen geh',
Find' ich, was ich suche.
Freundlich lauscht ein junges Reh
Hinter Birk' und Buche,
Lauscht gar hell und kirr hervor,
Fürchtet nicht das Feuerrohr.

Sonst wohl mied der schlanke Reh
Mich mit scheuen Blicken,
Aber wenn ich's jetzo so seh',
Läßt's an's Herz sich drücken,
Schmiegt als wär's ihm angethan,
Zart an meine Brust sich an.

Wenn ich's so von ferne seh'
Im Gebüsche weiden-
Gern wollt' ich das Todesweh
Für das Rehlein leiden;
Bei der schwarzen Augen Gruß
Ist's, als fiel auf mich ein Schuß.

Nie thät ich dem Rehlein weh,
Nicht um eine Krone;
Ist es doch so weiß wie Schnee,
Lilj' und Anemone,
Ist es doch so hold und rein,
Wie die Maienblum' im Hain!

Wohl fügt' um des Nackens Schnee
Jüngst ich zarte Spangen,
Und das Auge, gleich der Schleh',
Sah' sich gern gefangen;
Rehlein bot den Hals der Hand,
Die's umgab mit goldnem Band.

Ach, das Auge, gleich der Schleh',
Sank so zärtlich nieder
Auf-erkennt ihr nun das Reh?-
Auf das Scharlach-Mieder;
Rehlein rief mit Huld und Schaam:
„Nennt mich so mein Jäger zahm!“

Traun! es giebt kein schön' res Reh
In des Lands Gehegen;
Nächstens nehm' ich es zur Eh'
Mit der Aeltern Segen.
Alles überstrahltst beim Tanz
Du, mein Reh, im Mirtenkranz!

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