> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte und Texte aus Opern von Wagner: Die Not (4)

2017-09-07

Gedichte und Texte aus Opern von Wagner: Die Not (4)



Die Not

Jetzt kenn’ ich nur noch Einen Gott,
der Gott, er heißt — die Noth :
hilft der uns nicht von Trug und Spott,
bald sind wir alle todt;
wird er aus weichlichem Behagen
nicht bald der Selbstsucht Knechte jagen,
kein and’rer hilft uns mehr,
käm’ er vom Himmel her.

Die dorten in den Städten sitzen,
auf taubem Weisheitsei,
die Kopf und Hintern sich zerschwitzen
ob nichts gebrütet sei, —
die tugendhaften Sabbathchristen,
die höchst glücksel’gen Egoisten,
die seh’n die zehn Gebot', —
doch Dich nicht, hehre Noth!

Sie haben Kapital und Renten
und lieben sehr den Staat,
darin sie leben von Prozenten
und ärnten ohne Saat;
sie treiben Künst’ und Wissenschaften,
vergnügen sich am Tugendhaften,
und leben bis zum Tod —
ohn’ Dich zu kennen, Noth!

Philosophie nach Kant und Hegel,
die bildet ihren Geist,
denn wer sie kennt, nach höh’rer Regel
nun schläft und trinkt und speist:
mit hunderttausend GeistespfifFen
wird da ihr Wesen abgeschliffen
Yon jedem ird’schen Koth:
sie kennen Dich nicht, Noth!

Doch Nothzucht treiben sie am Leibe
der lebenden Natur,
Nothzucht am Mann, Nothzucht am Weibe,
an Berg und Thal und Flur,
Nothzucht an Gott, von dem sie lehren,
der Armen Leid könn’ er nicht wehren, —
denn wie's nun sei, wär’s gut,
d’rum ziem’ uns sanfter Muth.

Die Frucht nun trieben sie zur Reife
aus ihrer Sünden Pfuhl:
dass Dich, o Noth, die Welt begreife,
besteig’ nun Gottes Stuhl
Und von des Armen Schmerzensheerde,
an dem sein Leiden gross Dich nährte,
tritt mächtig nun hinaus,
in’s weite Menschenhaus.

Sieh', wie sie martern sich und quälen,
berathen klug und schlecht, —
sieh’, wie sie feilschen, wie sie wählen
dass Kein’s verlier’ an Recht, —
wie sie sich innigst tief verachten,
und doch sich einzig werth erachten
für sich die Welt zu bau’n, —
weil, Noth, sie Dich nicht schau’n!

Nun sollen sie Dein Antlitz sehen,
erhaben, nackt und bloss:
dass nicht sie mehr in Zweifel stehen,
zeig’ ihnen jetzt ihr Loos!
Vor deinen bleichen, ernsten Zügen,
verstummen ihres Lebens Lügen,
vor deines Blickes Dräu’n
soll ihre List sich scheu’n!

Ein langes, langes Menschenleiden
brennt heiss in uns’rer Brust,
es sengt uns seit der Väter Zeiten,
verzehrt uns jede Lust:
daran lass’ deine Fackel zünden,
und ihren Schein den Schächern künden:
wir halten dein Gebot,
du strenge Gottheit, Noth!

Die Fackel, ha! sie brenne helle,
sie brenne tief und breit,
zu Asche brenn’ sie Statt und Stelle,
dem Mammonsdienst geweiht!
Da hinter ihren Thür’ und Wänden
nicht sollen sie fortan mehr schänden
mit kultivirtem Spott
den hochlebend’gen Gott.

Denn weiter brenne, immer weiter,
du heil’ger Feuerbrand!
Du furchtbar hehrer Gottesstreiter,
vernichte, was uns band!
Nah’st du Papier und Pergamenten,
des ew’gen Raubes Gaunerrenten,
beschrieben mit unsrem Blut, —
verzehr’ sie deine Gluth!

Hei! wie sie hell und lustig brennen,
der Menschheit Todtenscheine!
Wie sind kaum mehr noch zu erkennen
der Städte Steingebeine!
Dem wir verkauft mit Leib und Leben,
dem uns’re Freiheit hingegeben,
das uns zu Knechten band, —
wie frass es schnell der Brand!

O weh! ihr armen Egoisten!
wie ist euch nun zu Muth?
Wie wollt ihr jetzt eu’r Leben fristen?
Ihr seid nun ohne Gut!
Von and’ren könnt ihr nicht mehr prassen,
auf Euch müsst ihr cuch nun verlassen, —
jetzt zeigt um’s täglich Brot,
was euch gelehrt — die Noth!

Des Denken’s unfruchtbar Gelüsten,
das Kopf und Herz euch trog,
des Wissen’s ungeheure Wüsten,
daraus das Leben zog, —
soll nährend nun es Frucht euch bringen,
mit frischem Leben müsst ihr's düngen:
nur aus des Lebens Zucht
kommt euch des Lebens Frucht.

Der Menschheit wahre Gottgeschichte
erlebt nun Tag für Tag;
dass er ihr lebend Werk verrichte,
zeig’ jeder was er mag:
aus Büchern nicht und Dokumenten
empfangt ihr mehr des Todes Spenden;
das Leben sei eu’r Maass,
nicht was der Moder frass!

Denn über allen Trümmerstätten
blüht auf des Leben’s Glück:
es blieb die Menschheit frei von Ketten,
und die Natur zurück.
Natur und Mensch — Ein Elementei
vernichtet ist, was je sie trennte!
Der Freiheit Morgenroth — ,

Keine Kommentare: