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2017-09-21

Gretels Klage: „O werde meine Braut! (19)



Gretels Klage

„O werde meine Braut!
Ich liebe dich so sehr;
Doch meine Hab ist, sieh!
Ein Thaler, und nicht mehr:

Drum hör'! ich geh zur See,
Das Silber wird bald Gold;
Dann schütt' ich's vor dir aus,
Und Liebchen ist mir hold. „

So sagte Christel mir,
Und weinend schied er-ach!
Die Wochen flossen hin,
Die Mond erfolgten nach.

Die Mutter krank'; es losch
Des Vaters Augenlicht:
Ich werkte Tag und Nacht ,
Und nährte beyde nicht.

Da kam der alte Wilm,
Und brachte Wein und Brod,
Und tröstete mich sehr
Und wandte meine Noth.

Weich ward sein altes Herz:
“ Ich helfe dir fortan; „
So sprach er; „aber nimm,
Du Gute, mich zum Mann!“

Nein! pochte mir das Herz,
Das nur an Christel hing;-
Da stieg ein Sturmwind auf,
Und Christels Schiff verging.

Ja! Christels Schiff verging!-
Doch schonte sein der Tod.
Und ich, was leb' ich noch,
Zu klagen meine Noth?

Der Alte drang in mich;
Zwar sprach die Mutter nie:
Doch brach sie mir das Herz;
Mit Blicken red' te sie.-

Ich gab in meiner Hand;
Mein Herz war auf dem Meer.
Der Hochzeittag erschien-
Mein guter Mann ward er.-

Verbunden war ich kaum
Drey Wochen, oder vier:
Da sitz' ich Abends einst
Erseufzend vor der Thür',

Und sehe Christels Kranz-
Ist's möglich? kann er's sein?
Da rief er: „sie mich an!
Nun, Gretel, bist du mein!“

Ich bebt' und weinte laut:
Wir sprachen dies und das.
Er gab mir einen Kuss,-
 Und Christel ging fürbaß.-

Warum, ach! sah ich ihn?
Warum bin ich nicht todt?
Leb' ich denn darum nur,
Zu klagen meine Noth?

Schon gleich ich einem Geist,
Verlass' oft meinen Mann,
Und denk' an Christel nur,
Und-thue Sünde dran.

Denn ach! der alte Wilm
Er ist so gut, so gut.-
O könnt's ihr weinen, weint!

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