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2017-09-16

Merlin und Niniane (30)



Merlin und Niniane

Niniane sprach: „Lehr mich, Merlin,
Die Welt in meine Kreise zieh'n!

Lehr' mich, in sanfter Liebeshast
Zu bänd'gen wilde Jünglingskraft!"

Im  dunkeln Wald, wo der Brunnen rinnt,
Belehrte der Meister das holde Kind;

Im Hain, vom Mondenstrahl verklärt,
Hat er sie Spruch auf Spruch gelehrt;

Und als sie gefasst des Zaubers Lauf,
Der lachte Niniane vor Freuden auf.

Beim Weißdorn saß das holde Paar,
Sie wand ihm den Schleier ins dunkle Haar;

Sie macht ihm, weil er müd und matt,
Ein Lager auf blumiger Ruhestatt.

Als süß entschlafen der schöne Mann,
Da hub sie Spruch und Zauber an:

Und als neun Mal vollbracht sein Lauf,
Da lachte Niniane noch heller auf.

„Merlin erwach! Das Frührot lacht!“
„Wer hat mich in den Turm gebracht?“

„Ist denn der Turm nicht hoch und schön,
"Herrlich der Blick auf See und Höhn? „

„Was sind mehr Berge? Was der See?
Nach dir, Niniane, ist mir weh!

Mein Aug ist verschlossen dem frischen Wald-
Dein Busen lockt mich, du Huldgestalt!“

Er fasst sie mächtig- in Kampf und Schlacht
Hat stets Niniane am hellsten gelacht.-

"Nun lehre mich, du Meister traut-“
„Ich bin dein Schüler, geliebte Braut!-“

„Nun lehre mich in der Sterne Blick
Erspähn das kommende Menschengeschick! „

„Wo sind noch Sterne? Erloschen längst-
Seit du, Niniane, mich hold umfängst,

Strahlt aus zwei Äuglein mir zurück
Unendlichkeit von Lieb und Glück.“

„Quäl mich nicht, Meister-lehre mich!“
„Was ich gewusst, ich lehrt es dich,

Mein Blick ist zu, mein Herz ist weit,
Drin rauscht unsägliche Seligkeit.

Das ist der Weisheit höchster Schluss,
Dass ich erglüh nach deinem Kuss!“

„O Gott, Merlin, siehst du denn nicht?
Dies Alles ist ja nur Gedicht!

Mein Schleier, der um dem Weißdorn hängt,
Das ist der Turm, der dich bedrängt;

Mit Sprüchen schläfert ich dich ein-
Erlöse Dich-es ist nur Schein!“

„Lass mir den Schein, er ist so schön!
Der Morgen um rotgold' ne Höhn,

Des Abends Glut, der Sterne Licht,
Ist auch nur Schein;-o weig' re nicht

Den Kuss, Niniane-komm, o komm!
Du zartes Täublein, sei doch fromm!“

„Erlöse dich, Merlin! Ich lernt'
Was Zauber lockt, nicht ihn entfernt. „

„Meine Sprüche, wo sind meine Sprüche hin?
Frag die Vögel, die mit den Wolken zieh'n,

Frag die Quelle, die den Frost durchrinnt,
Die wissen, wo meine Sprüche sind.

Ich weiß nur Einen, Einen Spruch:
Niniane, du liebst mich nie genug!“

In seinem sel'gen, sel'gen Bann
Lag Jahre lang der schöne Mann. 

Ein Turm dünkt ihn der stille Ort;-
Das Laub ergrünt, das Lauf verdorrt,

Was kümmerts ihn im süßen Leid?
Er sah nur sie, die holde Maid;

Sah er sie nicht, war sie sein Traum-
Der Weißdorn wuchs zum schatt'gen Baum,

Darunter einst ein Greis verschied-
Niniane hieß sein letztes Lied.

Sein letztes Lied geweiht war's ihr,
Die seines Lebens Luft und Zier,

Die doch den Schleier um ihn wand,
Der ihn zu ew'gem Wahnsinn band.

Ein Lied so innig, weich und warm,
Wer es vernahm, versank in Harm'

In Harm schwand auch Niniane hin-

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