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2017-11-13

Liebeslyrik des Barocks








Literatur



Wie an anderer Stelle schon erwähnt, wird die Barocklyrik maßgeblich vom Vanitas-Gedanken und der Antithetik bestimmt. Auch in der Liebeslyrik der Zeit spielen beide Komponenten eine entscheidende Rolle. Die Liebesgedichte von Paul Flemming der dem Frühbarock zuzurechnen ist, vermeiden Effekthascherei und sind eher durch einen schlichten Charakter geprägt während Hoffmannswaldau geradezu spielerisch mit Liebe und Sexualität umgeht. In der deutschen Literatur wird es lange Zeit dauern bis wieder so offen mit dem Thema Sexualität umgegangen wird wie es Hoffmannswaldau, der Hauptvertreter der galanten Lyrik, getan hat. Schon wenige Jahre später, in der Zeit der Aufklärung schimpft Gottsched über die angebliche Maßlosigkeit Hoffmannswaldaus.


Martin Opitz gilt in der deutschen Literaturgeschichte als ein Erneuerer der Lyrik. Der 1597 als Sohn eines Metzgers geborene Opitz gibt in seinem Buch "Von der deutschen Poetery" die zukünftigen Formen und Regeln der deutschen Lyrik vor und hat auf die Dichter des Barocks großen Einfluss. Ode, Sonett und Alexandriner werden die bestimmenden Gedichtformen und die Aufgabe der Lyrik sieht er erfüllt, wenn sie unterrichtet und unterhält. Als Dichter führt Opitz den Petrarkismus in die Liebeslyrik ein. Sein eigenes poetisches Werk besteht aber zumeist von Übersetzungen aus verschiedenen europäischen Sprachen in denen Opitz nur wenig Eigenes einfließen lässt. Seine Liebeslyrik ist sowohl weltlicher als aus religiöser Natur denn der Dichter bedient sich oft religiöser Begriffe und Vorstellungen um, zumeist klagende oder leidende Verliebte, darzustellen. Die Liebeslyrik spielt im Gesamtwerk von Opitz eine maßgebliche Rolle aber wie bei den meisten Dichter des Barocks geben die Gedichte kaum persönliche Erlebnisse oder Gefühle wieder sondern sind als reine Kunstdichtung zu betrachten. Die Dichtungsreform ist als die Hauptleistung von Opitz anzusehen und das Regelwerk hat lange Zeit die deutsche Lyrik beeinflusst.

Zu den bekanntesten Gedichten der Barockzeit überhaupt, gehört das Gedicht "Ach Liebste, laß uns eilen."  in dem Opitz eines seiner bevorzugten Motive behandelt.

Ach Liebste laß uns eilen
Wir haben Zeit:
Es schadet das verweilen
Uns beyderseit.

Der Edlen Schönheit Gaben
Fliehen fuß für fuß:
Daß alles was wir haben
Verschwinden muß.

Der Wangen Ziehr verbleichet
Das Haar wird greiß
Der Augen Fewer weichet
Die Brunst wird Eiß. 


Das Mündlein von Corallen
Wird umgestalt
Die Händ' als Schnee verfallen
Und du wirst alt. 

Drumb laß uns jetzt geniessen
Der Jugend Frucht
Eh' wir folgen müssen
Der Jahre Flucht. 

Wo du dich selber liebest
So liebe mich
Gieb mir das wann du giebest
Verlier auch ich.


Carracci, Agostino
Die dahin eilende Zeit und die Absage an die Liebe sind Motive die Opitz immer wieder aufgreift. Auch die Vergänglichkeit der Schönheit wird ihn und den zeitgenössischen Dichtern in immer neueren Variationen behandelt ohne das sich inhaltlich Veränderungen ergeben. Das das Gedicht "Ach Liebste laß uns eilen" zu einen der bekanntesten Gedichte der Barockzeit gehört ist sicher kein Zufall. Inhaltlich ist das Gedicht nicht all zu anspruchsvoll kommt aber in einen sehr gefälligen Ton daher. Da ist einmal der reine Reim wie von Opitz gefordert, und der gleichmäßige Rhythmus (Metrum) jedes Verses der beim Leser Wohlklang erzeugt. Aber es lassen sich an Hand des Gedichtes noch weitere typische Merkmale der Barockdichtung demonstrieren die auch uneingeschränkt für die Liebeslyrik von Bedeutung sind. Im Vers 9 heißt es: Der Wangen Ziehr und im Vers 13 Das Mündlein von Corallen. Dem gegenüber steht im Vers 11: Der Augen Fewer weichet und im Vers 15Die Händ' als Schnee verfallen. Dieses Stilmittel ist ein typisches Merkmal des Barocks. Gegensätze werden gegenüber gestellt was als Antithetik bezeichnet wird. (Gut-Böse, Kalt-Warm, Jung-Alt usw.) Auch die Benutzung von Metaphern wie etwa Das Mündlein von Corallen oder Die Händ' als Schnee verfallen sind kennzeichnend für die Lyrik des Barocks. Und zu guter letzt wird auch dem Carpe diem-Gedanken (genieße den Tag) als auch den Vanitas-Gedanken (Vergänglichkeit) genüge getan.

Paul Flemming (1609-1640) begann, wie viele seiner Zeitgenossen, in lateinischer Sprache zu dichten. Erst mit der Benutzung der deutsche Sprache gelang es ihm eine eigene Handschrift zu entwickeln. Wahrscheinlich hat das Flemming selbst erkannt denn seine Jugendlyrik hat er fast vollständig vernichtet. Die Liebeslyrik von Flemming geht nicht über die seines Vorbildes Petrarcas hinaus und wie bei ihm wird der "Gegenstand" Liebe mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt und ist eher Gefühls-als Liebeslyrik. Obwohl Flemmings Gedichte erotische Komponenten enthalten, sind sie inhaltlich nicht vergleichbar mit den späteren Gedichten des Hochbarocks und schon gar nicht mit denen eines Hoffmannswaldau oder eines seiner Nachahmer wie Abschatz. Flemmings Protagonisten sind meist der leidende Liebhaber oder die abweisende, gefühlsarme Geliebte. Wie bei vielen Dichtern des Barocks ist der Kuss das Zeichen von Liebe und Erotik später auch, besonders bei Hoffmannswaldau, von Sexualität. Als ein Beispiel für das Motiv der hartherzigen Geliebten mag das unten stehende kleine Gedicht von Flemming gelten:

Auff der Liebsten Demant

Was ists / das du mir sagst / du liechtester der Steine /
Und härttester darzu / mit deiner Krafft und Scheine?
Diß ists. mein Lieb und du trefft mit einander zu.
Ihr Hertz und Augen sind so hart und hell / als du.


Paul Flemmings Liebesgedichte enthalten, ähnlich wie bei Opitz, kaum persönliches sondern wirken distanziert und rhetorisch, also wollen durch Beredsamkeit, durch die Kunst der Rede, Wirkung erreichen. Vielleicht ist das das größte Manko vieler Barockdichter das in ihrer Liebeslyrik keine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse geschildert werden, sondern das die Gedichte reine Fiktion sind. Sie sind akademisch, der zu bedichtende Gegenstand, in diesem Fall die Liebe, wird von außen betrachtet statt innerlich durchlebt. Form und Sprache werden gepflegt und weiterentwickelt. Durch das Benutzen von Methaphern, Allegorien oder antithetische Strukturen, sowie vieler anderer stilistischer Mittel soll sprachliche Vollendung dargestellt bzw. angestrebt werden. 

Leseprobe: Paul Flemming:


Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau wurde im Jahr 1616 in Breslau geboren und verstarb dort 1679. Er war der Sohn einer Patrizierfamilie und auf einer, der damals üblichen Bildungsreisen, lernte er in Amsterdam Andreas Gryphius kennen. In Danzig, während seines Studiums, traf er sich häufig mit Martin Opitz der das dichterische Schaffen Hoffmannwaldaus nachhaltig beeinflusst hat.
Barockdichter
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Hoffmannswaldau war schon zu Lebzeiten ein berühmter Dichter der aber nur eine selbst besorgte Ausgabe veröffentlicht  hat. Seine Verse wurden unautorisiert gedruckt und gingen als Abschriften von Hand zu Hand. Seine größte Popularität erreichte er als Benjamin Neukirch im Jahre 1695 die erste große deutsche Sammlung von Gedichten verschiedener Autoren herausgab. (Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen ... Gedichte) 

Hoffmannswaldau war einer der bedeutendsten Lyriker des Barocks der sich wie die meisten Autoren seiner Zeit an der Poetik von Opitz orientierte. Der Dichter wird der sogenannten galanten Lyrik zugerechnet, einer Strömung die über Italien und Frankreich nach Deutschland gekommen war. Thematisch und formal erfährt die Dichtung des Spätbarocks im wesentlichen keine Änderung jedoch wird die Sprache geschmeidig und überaus geziert. Die Metaphorik, also der Gebrauch von Methapern als Stilmittel, wird von Hoffmannswaldau meisterlich beherrscht und seine Virtuosität in Form und Ausdruck wird von keinem seiner zahlreichen Epigonen erreicht. Hoffmannswaldau spielt mit der Thema Erotik und Sexualität und seine Fabulierlust macht auch nicht vor Kirche und Bibel halt. Insofern ist es nicht verwunderlich das die meisten Gedichte erst nach dem Tod Hoffmannswaldau bekannt werden und der wahre Hoffmannswaldau erst nach seinem Ableben ans Tageslicht kommt. Der Dichter wußte wohl warum er diese Gedichte zurückhielt. Das er Recht hatte beweisen die Äußerungen im 18. und 19. Jahrhundert in denen der Dichter als verlottert und schamlos gebrandmarkt wird. Sicher sind seine Gedichte stellenweise frivol (das ist ja an für sich nichts negatives) aber sie sind es auf einer so geistreichen Art, das man den Kritikern seiner galanten Gedichte wünschen würde, das sie in ihren Rezensionen ebenso so viel Geist bewiesen hätten. Als Beispiel dafür wie offenherzig er mit dem Thema Sexualität umgeht, mag hier das Gedicht "Albanie gebrauche deine Zeit" verdeutlichen: 


Albanie gebrauche deiner zeit

1.

Albanie/ gebrauche deiner zeit/
Und laß den liebes-lüsten freyen zügel/
Wenn uns der schnee der jahre hat beschneyt/
So schmeckt kein kuß/ der liebe wahres siegel/
Im grünen may grünt nur der bunte klee.

Albanie.

2.

Albanie/ der schönen augen licht/
Der leib/ und was auff den beliebten wangen/
Ist nicht vor dich/ vor uns nur zugericht/
Die äpffel/ so auff deinen brüsten prangen/
Sind unsre lust/ und süsse anmuths-see.

Albanie.

3.

Albanie/ was quälen wir uns viel/
Und züchtigen die nieren und die lenden?
Nur frisch gewagt das angenehme spiel/
Jedwedes glied ist ja gemacht zum wenden/
Und wendet doch die sonn sich in die höh.

Albanie.

4.

Albanie/ soll denn dein warmer schooß
So öd und wüst/ und unbebauet liegen?
Im paradieß da gieng man nackt und bloß/
Und durffte frey die liebes-äcker pflügen/
Welch menschen-satz macht uns diß neue weh?

Albanie.

5.

Albanie/ wer kan die süßigkeit
Der zwey vermischten geister recht entdecken?
Wenn lieb und lust ein essen uns bereit/
Das wiederholt am besten pflegt zu schmecken/
Wünscht nicht ein hertz/ daß es dabey vergeh?

Albanie.

6.

Albanie/ weil noch der wollust-thau
Die glieder netzt/ und das geblüte springet/
So laß doch zu/ daß auff der Venus-au
Ein brünstger geist dir kniend opffer bringet/
Daß er vor dir in voller Andacht steh.

Albanie.



Das Gedicht besitzt alle Stilmittel des Barocks und da diese schon an andere Stelle besprochen wurden wird hier nicht weiter darauf eingegangen. Den Inhalt könnte man kurz und knapp zusammenfassen indem man sagt das lyrische Ich leistet Überzeugungsarbeit um die Dame ins Bett zu bekommen. Er sucht nach Argumenten z.b.                        Albanie/ gebrauche deiner zeit/
                                                           Und laß den liebes-lüsten freyen zügel/

oder  in der 4. Strophe Vers 1 und 2   Albanie/ soll denn dein warmer schooß
                                                           So öd und wüst/ und unbebauet liegen?

Daran anschließend der 3. und 4. Vers für die Hoffmannswaldau sich, hätte er noch gelebt, im besten Fall, den Tadel der Kirche zugezogen hätte:

                                                            Im paradieß da gieng man nackt und bloß/
                                                            Und durffte frey die liebes-äcker pflügen/


Für die Zeit sehr gewagt in religiöser sowie erotischer Hinsicht. Das Gedicht ist, wie viele Gedichte des Dichters, sehr bilderreich und preist die Sexualität als sinnenhaften Genuss. Die Körperteile des weiblichen Körpers werden einzeln aufgezählt und beschrieben aber im eigentlichen Sinn ist keine konkrete Person gemeint sondern die Teile des Körpers die zur Erfüllung der Lust nötig sind. Die galanten Gedichte des Dichters leben von ihrer Spitzfindigkeit und oft auch Doppeldeutigkeit wobei Hoffmannswaldau die Leser intellektuell nicht gerade überfordert, sondern das erotische Spiel findet Oberflächennah und unmissverständlich, für jeden verständlich statt.

Zusammenfassung: Die Liebeslyrik enthält alle Elemente der für das Barock typischen Merkmale. (Antithetik, Metapher, Carpe diem usw.) Im Frühbarock hat die Dichtung Petrarcas Vorbildwirkung für die deutsche Dichtung. Das Regelwerk von Opitz ("Von der deutschen Poetery") beeinflusst alle zeitgenössischen Dichter so das Ode, Sonett und Alexandriner die bevorzugte Gedichtform sind. Motive in der Liebeslyrik sind oftmals der klagende Liebhaber, die hartherzige Geliebte oder die davoneilende Zeit. Die Dichter lassen keine persönlichen oder erlebten Erfahrungen in ihre Werke einfließen so das die Gedichte distanziert und künstlich wirken. Erotische Komponenten sind in vielen Gedichten der Zeit zu bemerken. Die Liebeslyrik von Hoffmannswaldau enthält erotische Doppeldeutigkeiten und Spitzfindigkeiten. Sie gehen mit dem Thema Sexualität für die Zeit ungewöhnlich offen um. Die galante Dichtung von Hoffmannswaldau ist und wollte geistreich, witzig und frivol sein und keiner seiner zahlreichen Nachahmer erreicht das dichterische Niveau ihres Vorbildes.

Quellenverzeichnis

Gudrun Blecken: Königs Eräuterungen Spezial-Bange Verlag 2011 ISBN 978-3-8044-3030-3
Rudolf Haller: Geschichte der deutschen Lyrik vom Ausgang des Mittelalters bis zu Goethes Tod- Francke Verlag Bern und München 1967
Hauptwerke der deutschen Literatur Band 1: Kindler München 1994 ISBN 3-463-40261-0

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