> Gedichte und Zitate für alle: Sturm und Drang: Der Göttinger Hain Teil II

2018-08-05

Sturm und Drang: Der Göttinger Hain Teil II


Im Jahr 1769 hatten Gotter und Boie in Göttingen ein deutsches Musenalmanach herausgegeben und der 1. Jahrgang erschien 1770. Der 2. Jahrgang 1771 wurde von Boie alleine besorgt da Gotter Göttingen verlassen hatte. Die Göttinger Studenten die glaubten eine Berufung zum Dichter zu besitzen versammelten sich um Boie und am 12.09.1772 gründeten sie eine literarische Interessengemeinschaft die sie Hain nannten. (Nach der Ode von Klopstock "Der Hügel und der Hain") Unter den Mitgliedern waren später bekannte Dichter wie J.H.Voß, L.Ch.H.Hölty, J.M.Miller, H.C.Boie, C.F.Cramer, J.A.Leisewitz, Ch. und F.L.Stolberg. Klopstock war ihr großes Vorbild dessen vager Nationalgedanke bei den jugendlichen Schwärmern auf fruchtbaren Boden fiel. Ein jedoch größeren Einfluss nahm Herder dessen Auffassung von einer Volksdichtung sich der Göttinger Hain zu eigen machte.

Ludwig H.C.Hölty wurde am 31.12.1748 in Mariensee bei Hannover geboren. Obwohl sein Leben nur sehr kurz war, er starb am 01.09. 1776 hat er doch einige Spuren, ausschließlich als Lyriker, hinterlassen. Das Leben Höltys war nicht reich an Ereignissen. Er besuchte das Gymnasium in Celle und studierte dann in Göttingen Jura. Zu seinen Freunden in dieser Zeit zählen Bürger, Voß oder Leisewitz. Im Göttinger Musenalmanach erschienen erste Gedichte Höltys der nach seinen Abschluss 1772 in Göttingen blieb und als Hauslehrer tätig war. Mit Unterricht in Englisch und Griechisch sowie Gelegenheitsgedichten hielt Hölty sich über Wasser. In einem Brief von 1774 schreibt er zu seinen Plänen: "Einige Jahre möchte ich in einer großen Stadt zubringen und in allerlei Gesellschaften kommen, um die Menschen sorgfältig studieren. Ich fühle, das mir dieses notwendig ist, wenn ich in der Dichtkunst mein Glück machen will."
Hölty hatte zu dieser Zeit bereits viele Gedichte, insbesondere, Idyllen und Balladen verfasst. Im Herbst 1774 trifft Hölty in Leipzig ein. Sein schweres Brustleiden verschlechtert sich so das er in seine Heimatstadt reiste um sich zu erholen. Sein gesundheitlicher Zustand verbesserte sich nicht und am 01.09.1748 starb Hölty in Hannover.

Wie alle Dichter des Hainbundes so war auch Hölty von der "Ideologie" der Natürlichkeit angesteckt. Von Herder beeinflußt trat er für ein neues Naturbewußtsein ein. Entsprechend seines Charakters und seiner Lebensauffassung sind die Gedichte Höltys vom Motiv der Sehnsucht durchdrungen. Frühlingsbilder Träumereien und Landschaftsbilder machen einen großen Teil der zarten und gefühlsbetonten Dichtung Höltys aus. Obwohl der Dichter, den Neigungen entsprechend, seine Gedichte eher zurückweichend, innig und weich gestaltet so gibt es doch auch von ihm Gesänge die den Charakter des Sturm und Drang entsprechen. So dichtet er in seinem Gedicht "Der befreite Skave" :


Nun flieg ich meinem Rheine zu,
Nach dem ich oft geweint,
Und find an seinen Ufern Ruh,
Ein Weib und einen Freund!

Und trink aus meinem Taumelkrug
Mit Weinbeerblüt' umlaubt,
Und trinke jeden Fürsten Fluch,
Der uns die Freiheit raubt.

Und Segen jedem braven Mann,
Deß Herz für Freiheit schlägt,
Der gerne wider dich, Tyrann,
Die Freiheitsfahne trägt.

Die besten Gedichte des Dichters sind wie von Herder gefordert,  von einem volkstümlichen und wahrhaftigen Charakter. Eine kunstvolle Einfachheit verbunden mit Innigkeit und Zartheit sind es das die Gedichte es verdienen auch nach rund 270 Jahren noch gelesen zu werden. 

G.A.Bürger war wie viele andere Dichter in einem Pfarrhaus aufgewachsen. 1764 ließ Bürger sich, auf Wunsch seines Großvaters, zum Theologiestudium  in Halle eintragen. Bürger zeigte jedoch wenig Neigung für die Theologie und beschäftigte sich lieber mit philologischen Studien. Ab 1768 studierte er Jura in Göttingen und seine Verbindung zu den "Göttingern" Dichterkreis, insbesondere zu Hölty, Miller und Boie prägte ihn als Dichter. Als er Herders "Briefwechsel über Ossian" gelesen hatte schrieb er an Boie: " O, Boie, Boie, welche Wonne! als ich fand, daß ein Mann wie Herder eben das von der Lyrik des Volkes und mithin der Natur deutlicher und bestimmter lehrte, was ich dunkel davon schon längst gedacht und empfunden habe." Bürger gehörte dem Hain zwar nicht an hatte aber zahlreiche Freunde dort und als er 1772 als Amtmann von Uslar, in der Nähe von Göttingen, vereidigt wurde ließ er die Verbindung nicht abreißen. Hier erschienen in schneller Folge einige seiner bedeutendsten Gedichte. (1773: "Des armen Suschens Traum", Der Raubgraf", "Lenore") Mit der Lenore schuf Bürger die erste deutsche Kunstballade. Nicht unbedeutend auch sein Gedicht "Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen" das eine Anklage gegen die anmaßenden Rechte des Adels enthält. 


Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Roß?

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebläut
Darf Klau' und Rachen hau'n?

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß, und Hund, und Du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht, bei Egg' und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!


1781 schreibt er die bedeutende Ballade "Des Pfarrers Tochter von Taubenhain". In diesen Jahren entstanden die Gedichte die Bürgers Ruf als Volksdichter begründen und ihn einen bedeutenden Platz in der deutschen Literatur verschaffen. 

Bürgers privates Leben ist von allerlei Unannehmlichkeiten und Problemen durchdrungen und in seinen Beziehungen war er wohl nicht glücklich. Er führte drei Ehen und nur kurze Zeit, in der Ehe mit Molly, sie starb bald nach der Heirat, hat er wohl privates Glück verspürt. Zum privaten Unglück traten, wie bei vielen Dichtern der damaligen Zeit, materielle Sorgen.

1779 war eine zweite Ausgabe von Gedichten Bürgers erschienen die zwar eine weite Verbreitung fand, da Bürger auf dem Publikumsgeschmack einging, die aber ohne künstlerische Bedeutung war. Schiller Rezension war vernichtend denn er erkannte das diese mit Volkstümlichkeit wie Bürger glaubte nichts zutun hatten. Außerdem hielt er sie für künstlerisch schwach. 

Seit dem Jahr 1782 verschlechterte sich der Gesundheitszustand Bürgers rapide. Sein materielle Situation hatte sich nicht gebessert und im letzten Brief vom 16.03. 1794 an Heyne schreibt er: "Ich kann ohne Gehalt......durchaus hier nicht länger bestehen. Wird es mir noch länger entzogen, so muß ich gewiß und wahrhaftig meine Professorenstellung niederlegen....." Am 08.06.1794 starb Bürger und eine der verständnisvollsten Gedenkreden hielt H.Heine in seiner "Romantischen Schule" wo er Bürger gegen die oft ungerechten Urteile seiner Zeitgenossen verteidigte. "Diesen Geist begriff Herr Schlegel nicht; sonst würde er in dem Ungestüm, womit dieser Geist zuweilen aus den Bürgerschen Gedichten hervorbricht, keineswegs den rohen Schrei eines ungebildeten Magisters gehört haben, sondern vielmehr die gewaltigen Schmerzlaute eines Titanen, welchen eine Aristokratie von hannövrischen Junkern und Schulpedanten zu Tode quälte. Dieses war nämlich die Lage des Verfassers der »Leonore« und die Lage so mancher anderen genialen Menschen, die als arme Dozenten in Göttingen darbten, verkümmerten und in Elend starben." Diesen Urteil Heines ist nichts mehr hinzuzufügen der genau wußte wie viele bedeutende deutsche Dichter in Armut und Elend ihr Leben fristeten. 

Die frühen Gedichte Bürgers haben einen engen Themenkreis. Liebe, Wein, Lebensgenuss. Ein großer Erfolg seinen frühen Lyrik erreichte er mit der "Nachtfeier der Venus". Hier ist von dem "Volksdichter" Bürger noch nicht viel zu spüren obwohl er sich bereits mit der volkstümlichen Dichtung beschäftige. Diese frühe Dichtung ist unter den vielen Trinkliedern und anakreonischen Liebesgedichten die wahrscheinlich künstlerisch wertvollste.  

In den achtziger Jahren waren die besten Gedichte Bürgers seiner Liebe zu Molly gewidmet. In seinen Sonetten erreicht der Dichter seine größte Vollendung in sprachlicher und metrischer Hinsicht. 1793 trat Bürger im Musenalmanach mit einigen seiner "politischen" Gedichten hervor. Die Zensur sorgte dafür das in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift wieder ein zahmer Geist herrschte. Bürger entschuldigt sich dafür beim Publikum: 


Entsagung der Politik

Ade, Frau Politik! Sie mag sich fürbaß trollen:
Die Schrift-Zensur ist heutzutage scharf.
Was mancher Edle will, scheint er oft nicht zu sollen;
Dagegen, was er schreiben soll und darf,
Kann doch ein Edler oft nicht wollen.



In der aktuellen Literaturgeschichte wird Bürger meist als der Autor der Lenore gefeiert während seine Zeitgedichte etwas stiefmütterlich behandelt werden obwohl diese Gedichte wichtig sind Bürger als Dichter des Sturm und Drang zu begreifen. In einem Gedicht aus dem Jahr äußert der Dichter sich zur aktuellen Zeitpolitik die für diese Zeit fast radikal wirkt. 


Für blanke Majestät, und weiter nichts, verbluten,
Wer das für groß, für schön und rührend hält, der irrt.
Denn das ist Hundemut, der eingepeitscht mit Ruten
Und eingefuttert mit des Hofmahls Brocken wird.


Sich für Tyrannen gar hinab zur Hölle balgen,
Das ist ein Tod, der nur der Hölle wohl gefällt.
Wo solch ein Held erliegt, da werde Rad und Galgen
Für Straßenräuber und für Mörder aufgestellt! (Die Tode)

Berühmt wurde Bürger bei seinen Zeitgenossen durch seine Ballade "Lenore", der ersten deutschen Kunstballade und Bürgers herausragender Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte. Bürger vereinigt in der Ballade 3 Traditionen der deutschen Dichtung: Die Volksballade, die Romanzendichtung und die Moritatendichtung. Diese Einflüsse sind in den Balladen Bürgers spürbar und die Verbreitung seiner Balladen war groß. 

Die Entstehung der Kunstballade läßt sich beinahe fast auf den Tag datieren. Am 19.04.1773 erwähnt Bürger seine Ballade "Lenore" zum ersten mal. (Brief an Boie) Am 12. August ist die erste Fassung fertig. Am Briefwechsel zwischen Bürger und Boie läßt sich der Schaffensprozess genau verfolgen. Die Lenore macht Bürger mit einem Schlag berühmt und die Lenore ist in doppelter Hinsicht für die deutsche Balladendichtung von Bedeutung. Sie enthält den ernste Absicht soziale Themen zu thematisieren und sie ist eine der ersten Naturballaden in ihrer frühesten Form. 

Wenn Bürgers Leistung als Lyriker von Zeitgenossen und Nachwelt immer wieder herabgesetzt wird so ist seine Lenore ohne Zweifel eine schöpferische Leistung ersten Ranges die Goethe und Schiller den Boden bereitet. 

Bürger versetzt den Leser in die Zeit des 7. jährigen Krieges. Wie so viele Frauen zu Zeiten des Krieges so wartet auch Lenore auf ihren Bräutigam Wilhelm. Lenore sucht ihren Geliebten im zurückkehrenden Heer und muß einsehen das sie ihm verloren hat. In einem Dialog Mutter/Tochter wendet sich Lenore von Gott ab die sie tief enttäuscht ist. 

Lenore: Bei Gott ist kein Erbarmen oder Gott hat an mir nicht wohlgetan.

Für Bürger bedeutet Leben ist Lieben und das gilt auch für Lenore.


"O Mutter! Was ist Seligkeit?
O Mutter! Was ist Hölle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit!

Und ohne Wilhelm Hölle!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin in Nacht und Graus!
Ohn' ihn mag ich auf Erden,
Mag dort nicht selig werden." 

Lenore spricht jede weitere Lebensmöglichkeit für sich ab und verzichtet somit auf einen Urteilsspruch des himmlischen Gerichtes. Aber es scheint das die Liebe noch einmal siegt. Sie liegt nachts in ihrer Kammer als Wilhelm erscheint und sie zur Hochzeit führen will. Der gemeinsame Ritt bedeutet Vereinigung da die Nichtlebenkönnende dem Nichtsterbenkönnenden folgt. 

Der Schluß der Ballade läßt dann die Kirche triumphieren.

"Geduld! Geduld! Wem's Herz auch bricht!
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
Des Leibes bist du ledig;
Gott sei der Seele gnädig!"

Die Ballade Bürgers läßt sich auf vielerlei Weise interpretieren und in der deutschen Literaturgeschichte ist davon auch reichlich Gebrauch gemacht worden. Dennoch bleibt das in der Dichtung soziale und naturhafte Aspekte zusammentreffen. Das Bürger den 7. jährigen Krieg als Hintergrund der Lenorenhandlung wählt ist sicher kein Zufall. Auch Protest gegen die Kirche, die keinen Trost spenden kann, scheint von Bürger beabsichtigt zu sein. Sicher kann man dem Dichter nicht unterstellen eine Sozialballade im engeren Sinn beabsichtigt zu haben aber es scheint doch sicher das Bürger ganz bewußt solche Elemente in seine Dichtung einfließen lassen hat. Daran ändert auch der Schluß, mit dem Sieg der Doktrin der Kirche nichts. 

Die Lenore ist ohne Zweifel Bürgers bedeutendste literarische Leistung die als Vorbild und Anregung für die spätere Balladendichtung gelten kann. Bürger erreichte mit der Dichtung nationale Wirkung und innerhalb des Sturm und Drangs hat er die volkstümliche Dichtung auf eine neue Stufe gehoben. 

Johann Heinrich Voß wurde am 20.02.1751 in Waren (Mecklenburg) geboren. Voß war einer der bedeutendsten Dichter des Hainbundes und er schildert die Gründung des Bundes:  "Ach den 12 Sept., mein liebster Freund, da hätten Sie hier seyn sollen. Die beyden Millers, Hahn, Hölty, Wehrs und ich giengen noch des Abends nach einem nahgelegnen Dorfe. Der Abend war außerordentlich heiter, und der Mond voll. Wir überließen uns ganz den Empfindungen der schönen Natur. Wir aßen in einer Bauerhütte eine Milch, und begaben uns darauf ins freye Feld. Hier fanden wir einen kleinen Eichengrund, und sogleich fiel uns allen ein, den Bund der Freundschaft unter diesen heiligen Bäumen zu schwören. Wir umkränzten die Hüte mit Eichenlaub, legten sie unter den Baum, und faßten uns alle bey den Händen, und tanzten so um den eingeschloßenen Stamm herum; riefen den Mond und die Sterne zu Zeugen unsers Bundes an, und versprachen uns eine ewige Freundschaft. Dann verbündeten wir uns, die größte Aufrichtigkeit in unsern Urtheilen gegen einander zu beobachten, und zu diesem Entzwecke die schon gewöhnliche Versammlung noch genauer und feyerlicher zu halten. Ich ward durchs Loos zum Aeltesten erwählt. Jeder soll Gedichte auf diesen Abend machen, und ihn jährl. Begehn"

Neben seinen Dichtungen war Voß ein bedeutender Übersetzer des Homers (Odyssee, Illias) und schon seine Zeitgenossen wußten ihn dafür zu schätzen. Von seinen Werken sind die Idyllen, insbesondere die "Luise", das Wertvollste was der Dichter zur deutschen Literatur beigetragen hat.


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