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2019-02-14

Gedichte von Friedrich Rudolf Ludwig von Canitz: Schreiben eines Cammer-Mägdgens ...... (6)

Der deutsche Lyriker  Rudolf Ludwig von Canitz



Schreiben eines Cammer-Mägdgens an die Fräulein von
Canitz

1692.

Weil sich doch keine Magd darf in ihr Zimmer wagen,
Und ihre Blicke nicht auf schlechte Leute gehn,
So muß ich, durch dis Blat, mich über sie beklagen,
Nachdem mir, ohne Schuld, so grosse Schmach geschehn;
Erinnert sie sich noch, wie gestern bey dem Tantze,
Ihr ungerechter Spruch mich aus der Reyhe stieß,
Ja, aus der Kammer selbst, als wenn ich ihrem Glantze
Ein Anstoß würde seyn, ins Elend wandern hieß?
Den Schwager, welcher mich, zu seinem Unglück, wehlte,
Betraf mit mir zugleich ihr hartes Donner-Wort,
Und weil mir ein Geschlecht von sechszehn Ahnen fehlte,
So muste Coridon mit samt der Nymphe fort.
Ich glaube, daß es nicht die Juno mehr verdrossen,
Als Paris ihren Grimm, durch seine Wahl, erweckt;
Ich schwere, daß, vor Angst, ich wenig Ruh genossen,
Ihr zornig Angesicht hat mich im Schlaf erschreckt.
Die Hochzeit ist wohl recht mein Trauer-Fest geworden,
Was andre frölich macht, ist Ursach meiner Pein;
Die Braut ist eine Magd noch in geringerm Orden,
Doch wird sie hoch geacht, ich muß verhöhnet seyn.
Die gantze Mägde-Zunfft wird meiner spöttisch lachen,
Die Fama trägt es schon biß auf den Fischmarckt hin,
Daß mein Verhängniß mir den Schand-Fleck wollen machen,
Und was ich vor ein Ball des falschen Glückes bin.
Ich kan mich, Fräulein, nicht an ihrem Hochmuth rächen;
Doch hoff ich, daß es ihr soll, nach Verdienst, ergehn:
Daß noch ein böser Mann ihr wird den Starr-Kopff brechen,
Denn werd ich Freud und Lust au meiner Feindin sehn.

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