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2019-02-11

Gedichte von Hermann Rollett: Frühlingsgesang (10)




Frühlingsgesang


Das Leben ist erstanden
Mit Glanz und Frühlingspracht
Das hat aus starren Banden
Die Liebe frei gemacht.

Die Blütenkeime treiben
Zum Himmel unbewußt —
Wer mag zu Hause bleiben,
Wenn draußen solche Lust!

Lebt wol, ihr welken Blätter,
Ihr Worte kalt und grau-
Lebendiges Geschmetter
Lockt nun in grüner Au.

Leb wol du tote Feder
Mit deinem schwarzen Gift
Geweihtere hat jeder
Zaunkönig auf der Trift.

Viel größre Weisheit flüstert
Wol jedes Blatt am Baum,
Als mir entgegendüstert
Aus engem Bücherraum.

Leb wol, leb wol Gesinge,
Vom Gänsekiel geweiht,
Leb wol, du tote Schwinge,
Du Bücherseligkeit! —

Doch kehr ich einmal wieder,
Wenn Strauch und Baum entlaubt,
Dann seh ich traurig nieder
Mit tiefgesenktem Haupt.

Dann will ich wieder blättern
In sehnsuchtvoller Qual,
Ob noch nicht aus den Wettern
Befreit der Sonnenstral;

Ob noch nicht aufgeschossen
Des Geistes grüne Saat,
Ob noch nicht, glanzumflossen,
Der Völkerfrühling naht.

Dann will ich wieder singen
Der Sehnsucht vollen Drang
Mit toten Federschwingen
Lebendigen Gesang.


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