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2019-02-09

Gedichte von Justus Christian Gottlieb König: Weihnachtslied einer Nonne (8)




Weihnachtslied einer Nonne

Ach! noch naht kein Schlummer sich
Meiner Lagerstätte;
Und schon ruft die Glocke mich,
Wieder in die Mette.
Wie ich sonst so fröhlich war,
Mich so herzlich freute,
Dieser Nacht-da sie gebahr
Die Gebenedeite.

Wenn ich nun zur Kirche geh,
Unter Psalm und Lieder
Und den hohen Altar seh,
Wanken meine Glieder;
O! da schwor ich einen Eid,
Den ich übertreten,
Vor ihm ward ich eingeweiht,
Für die Welt zu beten.

Aber könnt ich mit dem Schwur
Auch mein Herz bezwingen,
O! denn wollt' ich gerne nur
Beten oder singen.
Ach! mir selbsten unbewusst,
Gott! vergib die Sünde!
War die Liebe meiner Brust,
Die ich jetzt empfinde.

Bei dem Mutter Gottes Bild
In der Kirch gemahlet,
Wähn ich wie vom Aug so mild,
Mutterliebe strahlet.
Wie die Mutter an den Sohn
Fromme Liebe bindet,
Und an denk' ich welchen Lohn,
Man im Eh' stand findet.

Mutterlieb und Weibertreu
Alles abgeschworen'
Mutter Gottes! steh mir bei!
Ach! ich bin verloren!
In dem schröcklichsten Gewühl
Toben meine Sinnen,
Thränen ohne Mass und Ziel
Mir vom Auge rinnen!

Aber Thränen stillen nie
Brennende Begierden!
Fluch und Wehe! über die,
Welche mich verführten!
Unter diesem Klosterzwang,
Hier in öden Mauern,
Muss ich nun mein Lebenlang
Unbenüzt vertrauern.

Mutter Gottes! lindre nur
Meinen Seelenschmerzen!
Nicht ich selbst-es war Natur,
Schöpferin der Herzen!
Und dies Herz empöret sich,
Löse du die Kette!
Horch! sie ruffet fürchterlich,
Nun wohlan zur Mette.

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