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2019-02-02

Gedichte von Wilhelmine Müller: An die Liebe (1)




An die Liebe

Betrüglichste der Dirnen,
An deren Joch wir zieh'n,
Vernimm das laute Zürnen
Der ernsten Sängerin!
Wenn Deiner Sklaven Menge
Dir Blumenkränze flicht,
Wenn alle Welt Dir sänge,
Ich sänge doch Dir nicht!

Kein Moloch hält Altäre,
Wie sie Dein Tempel fast;
Dir rollt der Freude Zähre,
Dir dröhnt des Kummers Last-
Hier siehst Du Paare krönen,
Umringt von frohen Reih'n,
Dort Bräute die mit Thränen
Sich ew'gem Kummer weihn.

Du trägst in weichen Händen
Zwey Kelche gleichgewählt,
Hier Necktar, Glück zu spenden,
Dort Gift das langsam quält;
Dein Bruder Zufall lenket
Die Durstigen herbey,
Ob Tod, ob Luft sie tränket,
Das ist Dir einerley.

Du wandelst reine Herzen
In Quellen trüb und kraus;
Theilst Seligkeit und Schmerzen
Nach toller Laune aus!
Wer heilt des Herzens Wunden,
Wenn Sie Dein Eisen gab?
Ein Band, dass Du gebunden,
Reißt selbst kein Simson ab!

Du leihest Heuchlern Thränen,
Dem Schwächling Allgewalt,
Kannst Satane verschönen
Zu himmlischer Gestalt!-
Gehst mit der Blend-Laterne
Der Wollust still voran,
Borgst ihr Dein Kleid, nährst gerne
Verliebter Unschuld Wahn.

Ob Wahrheit auch den Schleyer
Ihr einst vom Auge zieht,
Sie scheu ein Ungeheuer
Im Heiß-Geliebten sieht.
Umsonst! Im Busen glühen,
Der Liebe Flammen doch,
Sie sieht Ihn lachend fliehen,
Und liebt Ihn weinend noch!

Natur in voller Schöne
Hat keinen Reiz für sie-
Sie hört nicht Saitentöne,
Nicht Vögel Melodie!
Steht kalt an Berg-Ruinen,
Wie am beblümten Bach,
Und denkt mit finstern Mienen
Nur ihrem Kummer nach.

Sie pflegt nur Grab-Cypressen
Und dunkeln Rosmarin,
Wünscht, von der Welt vergessen,
In Wüsteneyn zu zieh'n;
Fleht kniend um Erlösung,
Um Ruh' in kühler Gruft,
Und weint, wenn Ihr Genesung
Vom Krankenlager ruft.

Dir Liebe tönten Lieder?
Dir gält' der Freude Blick?
Du kämst vom Himmel nieder?
Und wärst der Menschheit Glück?
Ha! nimm erst deine Ruthen,
Wenn Schurken sich Dir nah'n;
Laß Segen nur die Guten,
Nur Unschuld Glück empfah'n.-

Despotin, länger trage
Ich Deine Fesseln nicht!
Sieh'! dieses Aug' voll Klage,
Dies blasse Angesicht-
Sie sind Dein Werk! ich höhne
Furchtbare! Dich forthin,
Nimm mit der letzten Thräne

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