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2019-02-02

Gedichte von Wilhelmine Müller: Die Kirchhof-Rose (3)





Die Kirchhof-Rose

Auf dem Grabe eines jungen Mädchens.
Wie so schön, so anmuthsvoll, oh Rose,
Du, die sanft vom Abendhauch umschwebt,
Sich aus der Verwesung dunkelm Schooße
Mit des Frühlings ganze Pracht erhebt?

Kannst du aus des todten Mädchens Resten
So viel Reize, solche Schönheit ziehn?
Und, wo Schlangen sich und Würmer mästen,
Herrlich wie in Edens Garten blühn?

Du beschämst des Reichen Pyramide,
Die sein schnödes Gold entstehen hieß,
Dem der Schmeichler im bezahlten Liede
Nie verdientes stolzes Lob erwies.

Schauernd fährt der Wanderer zusammen,
Wenn sein Blick sich auf die Gruft verliert,
Die der Marmorstein mit goldnen Namen,
Wie den tiefen Sumpf ein Irrwisch ziert!

Statt gehoffter Ruh empfängt ihn Grausen
Uns sein Glaub' an höh' res Seyn erlischt;
Wo nur Schauer bei Verwesung hausen
Und in Nesseln eine Unke zischt.

Aber hier, wo keine Marmorsäule,
Stürmer trotzend in die Lüfte ragt,
Nur ein hölzern Kreuz in kurzer Zeile,
Eines guten Mädchens Namen sagt.

Der die Freundschaft Frühlingsblumen streute,
Als das Grab einst ihren Staub verschloss,
Und den Rosenstrauch zum Denkmal weihte
Den sie oft mit milden Thränen goß;

Hier durchglühn ihn wonnige Gefühle,
Leise flüstert ihm sein Schutzgeist zu:
„Komm, genieße nach des Tages Schwühle
„Kühlung hier und ungestörte Ruh.“

Gleich dem Zephyr, der die Rose fächelt,
Schwebt des frommen Mädchens Geist um ihn,
Zeigt den Ort, wo beßres Glück im lächelt,
Wo ihm Rosen ohne Dornen blühn.

Erde! wie ihm deine bunten Schimmer
Da verblassen, und deine Freuden-Roth
Schminke scheint, und deine Schlösser Trümmer,
Und dein Gauckel-Leben eitel Tod!

Hohe Ahndung naher Himmels-Freuden
Glänzet ihm in dem beschränkten Blick,
Und, gestärkt zu neuen Erden-Leiden,
Eilt er froh an sein Geschäft zurück!

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