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2019-03-01

Gedichte von Karl Henckell: Klage der Jünglinge (51)





Klage der Jünglinge

Sank die Erde sonnenfern
Nachtwärts, nebelblind?
Weh, auf welchem kalten Stern
Wir geboren sind!
Warum gab der Mutter Schoß
Uns dem Leben preis?
Diese Welt ward seelenlos,
Weide fürs Geschmeiß.

Sind die Gluten ganz verloht,
Hoher Ahnen Licht?
Ist der Gott der Jugend tot,
Starr sein Angesicht?
Ward der Genius zum Hohn,
Rechtlos, schutzberaubt?
Ist der Edelsinn entflohn,
Der an Größe glaubt?

Unsres Geistes Augen schaun
Ringsum schreckenklar,
Unsern Sinn beschleicht das Graun
Wie ein wüster Mahr.
Höchstes Heiligtum versinkt
In des Weltschlamms Flut,
Der Gemeinheit Sumpf verschlingt
Unschätzbares Gut.

Wehe, die Verzweiflung frißt
Mählich Mut und Kraft,
Zwar das Fähnlein bleibt gehißt,
Doch der Arm erschlafft.
Daß ein Sturmwind zu uns stößt,
Der den Bann zerreißt!
Rings verröchelt unerlöst
Der lebendige Geist.

Keine Traube wird uns freun,
Keiner Rose Duft,
Trauerblumen laßt uns streun
Auf der Liebe Gruft!
Heute noch ein kleiner Bund
Wider ekle Schmach,
Gehen einsam wir zu Grund –
Unser Reich zerbrach.

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