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2019-03-01

Gedichte von Karl Henckell: Lebenslauf (56)






Lebenslauf

Er war von Mutterleib der Brave
Und hat sich trefflich aufgeführt,
Er war das zahmste aller Schafe,
Dem stets der Demut Kranz gebührt.
Er war gehorsam in der Schule,
Der Bakel lehrt' ihn seine Pflicht,
Er träumte nie vom fernen Thule,
Denn unvernünftig war er nicht.

Mit Glorie macht' er sein Examen,
Ward vielbeflissener Jurist,
Er schwärmte sehr für leichte Damen
Und war ein königstreuer Christ.
Er hob urdeutscher Sitte Fahne
Und brüllte weidlich mit im Schwarm,
Macht' seinen Schatz zur Kurtisane
Und zahlt' sie aus – daß Gott erbarm!

Er war ein eleganter, feiner,
Ein höchst charmanter, junger Held,
Galant, wie er, war keiner, keiner
So unterhaltend auf der Welt.
Der Kneifer thront' ihm auf der Nase,
Er schwang sein Stöckchen selbstbewußt,
Ihn lobte Onkel, Tante, Base
Und zog ihn liebend an die Brust.

Er avancierte und er minnte,
Natürlich nicht um Geld noch Stand –
Verspritzte selbst zu Versen Tinte,
Und sein ward die ersehnte Hand.
Er lebte in behäbiger Muße
Als wohlbestallter dritter Rat,
Zuweilen litt er auch am Fuße
Und ging von Zeit zu Zeit ins Bad ...
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