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2019-03-09

Gedichte von Karl Henckell: Vision (101)





Vision

Wie zeichnet das Gestrüpp des Winterwalds
Im zarten Reif sich feinverästelt aus
Und läßt mich durch den Mittag Wandelnden
Verrankter Zweige Zierat klar erschaun!
Es ist nicht Wirrnis mehr, es ist wie Bild
Der Wirrnis hinter wunderbarem Glas,
Das diese Welt im Urstand läßt und doch
Zur lichten Schau das Wildverschlungne schlichtet.
Mit meinem festen alten Wanderstab
Berühr' ich säumend einen weißen Ast,
Und wie ich stäubend seine Reiflast streife,
Daß puderleicht sich die Kristalle sondern
Und niederflocken aufs gefrorne Moos,
Fällt blitzend ein verstärkter Sonnenstrahl
Auf allen Wald, und zauberschimmernd blühn
Vor meinem Blick gelöste Labyrinthe ...

Plötzlich, wie traumgespiegelt, schau ich tief,
Doch nah, vom Wasserfall, der schäumend stürzt,
Da drüben eines Jünglings jähen Schritt
Durchs Dickicht stürmisch suchen seinen Pfad.
In seinen Augen glüht ein hoher Wahn,
Der Sehnsucht wilder Brand in seinem Blute
Malt sich im ungestümen Muskelspiel,
Das gierig, grausam unbefriedigt zuckt.

Der kecke Waghals weiß nicht ein noch aus
Mit seinem Willen, seinem Wege mehr,
Das Dickicht schließt ihn undurchdringlich ein,
Umklammert ist er von Gespensterarmen
Verworrner Äste, die ihn niederziehn,
Und wie er blindlings rast, sich zu befrein,
Ihn straucheln lassen höhnisch, fratzenhaft,
In Sumpf und Schlick, den er vor Kräftetaumel
Und tollem Durchbruchsfieber nicht gesehn,
In Schlick und Schlamm und trichtertiefen Tod
Des gähnenden, erstickenden Morastes ...
Ein Schleier hüllt den Gleitenden. – Verwischt,
Verhaucht des Schemens wirrer Schicksalsweg.

Rings zeichnet das Gestrüpp des Winterwalds
Im zarten Reif sich feinverästelt aus
Und läßt mich durch den Mittag Wandelnden
Aufatmend in kristallne Helle schaun.

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