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2019-03-27

Gedichte von Maria Stona: Die Sterbende (14)




Die Sterbende

In ihres Zeltes weicher Gruft,
Aus Not und Kümmernissen
Zigeunermutter den Herrgott ruft,
Vom Leben und Sterben zerrissen.

Hell klingelt über schlummernde Saat
Des Totenglöckleins Geläute,
Durch den blassen Morgen der Priester naht-
Die Lappen wehen zur Seite.

Ein Feuer vor der Kranken brennt,
Der schüren der Tochter Hände,
Drei Knaben raufen und einer flennt
Und drückt sich um schwankende Wände.

Der Vater flucht, dem Priester graut,
Die junge Tochter wimmert,
Der Ministrant erschrocken schaut,
Wo der Altar gezimmert.

Da sieht er tief im dunkeln Zelt
Bei grauem Qualm und Rauche
Ein schiefes Brett, auf zwei Fässer gestellt
Zu heiligem Gebrauche.

Die Kerzen flackern, vom Kruzifix
Neigt sich voll sanften Erbarmen
Der Heiland nieder, gebrochenen Blicks,
Mit weitgeöffneten Armen.

Die fiebernde Zigeunerin
Küßt des Priesters Kleid voll Bangen.
„Nimmt Gott mich wohl in den Himmel hin?“
Fragt sie mit sterbenden Wangen.

Der Pfarrer stockt und nickt--sie glaubt
Und ächzt wie freudetrunken,
Auf roten Kissen, die sie geraubt,

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