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2019-03-16

Gedichte von Maria Therese von Artner: Mann und Weib (14)





Mann und Weib


Der Mann herrscht auf dem Völkerthron,
Er führt das Heer zur Schlacht;
Er sitzt voll Würde zu Gericht,
Er lenkt das Herz durch Unterricht,
und beugt's mit Rednermacht.

Es stehen Kunst und Wissenschaft
Allein in seinem Sold;
Er ist der Erdengüter Herr,
Schifft stolze Flotten übers Meer,
Und schafft durch Tausch sich Gold.

Sein Name wird der Welt bekannt
Durch Fama's lauten Ruf;
Auf Erz und Marmor und Papier
Verewigt seine Ruhmbegier,
Was er hier tat und schuf.

Das Weiblein sitzet still daheim,
Und spinnt und webt voll Fleiß:
Nebst Kammer, Küch' und Keller steht
Vielleicht ein duftend Blumenbeet
In ihrem Wirkungskreis.
Ihr Leben fließt geräuschlos hin;
Kein Ruhm, kein äußrer Schein
Stärkt sie zur Übung harter Pflicht;
Von ihren Taten weiß und spricht
Die Nachbarin allein.

Sie folgt der Tugend ohne Lohn,
Als den sie selbst gewährt;
Und der Systeme unbewußt,
Hat das Gefühl in ihrer Brust
Stets sich'rer sie belehrt.

Weh dem, der diese Einfalt frech
Aus ihrer Brust verdrängt!
Sophisterei und witz'gen Hohn,
Und Eitelkeit und Modeton
An ihre Stelle zwängt!

Der Blinde, vom Gefühl belehrt,
Gleicht oft dem Sehenden;
Doch wenn der Star vom Auge fiel
Flieht auch das leitende Gefühl;
Er fühlt nicht, kann nicht sehn.

O Männerstolz, der dies Gefühl
Uns größtenteils geraubt,
Und nun die Sehkraft aufgeklärt,
Zum vollen Licht den Zugang wehrt,
Nur Dämmerung erlaubt!
Nein, Schwestern! Bleibet nicht zurück!
Dringt bis zum Mittag vor!
Nur bei dem Dämmerschein umflirrt
Das Irrlicht uns, und grausend schwirrt
Der Zweifel um das Ohr.

Dringt vor, bis hell der Wahrheit Sonn'
Ob unsrer Scheitel strahlt,
Und nicht mehr riesenlang und breit
Das schiefe Licht der Eitelkeit
Uns unsern Schatten malt.

Seit unsre innre Stimme schweigt,
Natur uns nicht mehr führt,
Gibt der verlornen Einfalt Glück
Die Weisheit uns allein zurück,
Die nie im Pfad sich irrt.

Fort Putzsucht und Koketterie,
Gezier und Modeton!
Aus Überzeugung sei verbannt,
Was unsre Mütter ungekannt
Und unbewußt geflohn.

Und, Männer! sorgt nicht, daß das Weib,
Wenn sich ihr Geist erhellt,
Verlassen wird das stille Haus,
Und drängen sich nach Glanz heraus,
In das Gewühl der Welt!
Zwar glänzt der Thron, es prangt der Stab
In eines Marschalls Hand!
So schmeichelnd klingt Unsterblichkeit!
Schön flimmert auf des Höflings Kleid
Das bunte Ordensband!

Doch alles dies ist eitler Prunk,
Der euch allein betört,
Die Ehrgeiz, Herrschsucht, Eigennutz,
Der Weisheit und Vernunft zum Trutz,
Nur allzuoft entehrt.

Ein sanftes Herz hebt unsre Brust,
Das schon sich selbst belohnt,
Wenn es die stille Pflicht vollbracht,
So die Natur ihm zugedacht,
Und Ruhe drinnen wohnt.

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