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2019-03-15

Gedichte von Maria Therese von Artner: Der Himmel (8)





Der Himmel



Im Wiesengrunde hingestreckt,
Von schwanken Halmen überdeckt,
Lieg ich verborgen hier, und schau
Des himmlischen Gewölbes Blau.

Wie pranget bey Lazur und Gold
Opal und Amethyst so hold !
Welch Pinsel hat, halb aufgelöst,
Die Mischungen so sanft verflößt?

Wer kräuselte der Wolken Haar?
Wer ballte sie so wunderbar?
Hier, aufgethürmt, in Nacht getaucht,
Dort zart wie Schleyer hingehaucht.

So oft der Blick sich kehrt empor,
Schwebt ihm ein neues Schauspiel vor;
Mit jeglichem Moment verwallt
Der Wolken wandelnde Gestalt.

Mit wieviel eignem Reiz erfreut
Dein Anblick jede Tageszeit!
Wie schön, wenn nach der dunkeln Nacht
Gemach der junge Tag erwacht!

Erst aus des Morgens offnem Thor
Geht schimmernd Lucifer hervor;
Mit Rosen, die sie eben brach,
Folgt leichtgeschürzt ihm Eos nach,

Sie schwebt im Horentanz heran',
Und hanget feyrend auf der Bahn
Des Strahlengotts, mit leichter Hand,
Die Kränze an der Wolken Rand.

Itzt, sprühend Glut, in vollem Lauf
Fährt Phöbus Viergespann herauf;
Des Gottes Majestät erhellt
Und füllt mit Wärm' und Lust die Welt.

Mit Königspracht flammt rund um ihn
Gold, Diamant, Saphir, Rubin;
Nur an der Strahlen Wiederschein
Mag sich des Menschen Aug erfreun,

Doch gleitet er die Bahn hinab,
Dann legt er mild die Schimmer ab,
Und hüllet seine Herrlichkeit
In ein goldstreifig Purpurkleid.

Die weite Purpurfläche bricht
Sich bald in holdes Rosenlicht;
Die Dämmrung tuscht in sanftes Grau
Des ganzen Himmels reines Blau.

Doch sieh, kaum dunkelts, so entbrennt
Ein Lampenheer am Firmament:
Wer nennt die Namen, wer die Zahl
Der Millionen Sonnen all' ?

Und wer, wer mahlt das schöne Bild,
Hebt sich im östlichen Gefild'
Mit einem Kranz von Silberlicht
Des Mondes lächlend Angesicht?

So füllst du stets mit Lust den Blick;
Es siehet, als sein Meisterstück -
Der Mensch vom Schöpfer sich geehrt,
Der seine Stirn dir zugekehrt.

Es schwimmet auf dem Aethermeer
Sein Geist so wohl und frey umher;
In diesem Wonneocean
Trifft er der Selgen Inseln an.

Er neidet jedes Vogels Flug
Es sagt ihm ein geheimen Zug
Der Sehnsucht, der sein Herz entflammt,
Dies sey das Land, woher er stammt,

Dies sey das Land, wohin er zieht,
Wenn er der Sterblichkeit entflieht,
Und, frey vom Zwang, zurücke strebt,
Zu dem, deß Athem ihn belebt.

Ja, Sylphen oder Engel nur
Bewohnen dich, o Aetherflur!
In deinen Regionen schwebt
Kein Geist, an dem ein Mangel klebt.

Von jeher sah der Erde Sohn
In dir der Götter hohen Thron,
Und schlierst ein Raum die Gottheit ein,
So kannst nur du ihr Tempel seyn!



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