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2019-03-15

Gedichte von Maria Therese von Artner: Die Schranken der Endlichkeit (11)





Die Schranken der Endlichkeit

In stiller, abgeschloss'ner Zelle,
Der Weisheit nur sich weihend, denkt
Oft bis zur zweiten Morgenhelle
Der weise Sophron tiefversenkt.
Um ihn sind aufgeschlag'ne Bände,
Und Zirkel, Zahlen, Winkelmaß;
Mit Rollen tapezirt die Wände,
Mit Globen, Karten und Kompaß.

In Fluth und Feuer, Kolben, Tiegel
Spürt er der Dinge Stoffen nach:
Da schmolz ihm manch geheimes Siegel,
Das nie noch eine Hand erbrach.
Und immer tiefer, höher waget
Sich seines Forschungsgeistes Kraft;
Mit jedem neuen Morgen taget
Ihm neues Licht der Wissenschaft.

Und immer mehr wächst sein Vertrauen
Zu seines Genius Gewalt;
Durch jeden Vorhang will er schauen,
Der vor dem Heiligthume wallt.
Die Schranken alle will er brechen,
Womit uns Endlichkeit begränzt;
Will schöpfen aus des Urlichts Bächen,
Wo hüllenlos die Wahrheit glänzt.

Als Nachts einst seine Augen spähten
Durch's Fernrohr an dem Himmelsdom,
Zu suchen schweifende Kometen
Und Nebelfleck' im Sternenstrom,
Trat überdrüssig er zurücke:
?Fort mit dem armen Mittelding!
Seh'n will ich dies mit eignem Blicke,
Selbst kreisen in der Welten Ring".

Und eilig fertigt er sich Schwingen
Die keine Sonnengluth erweicht,
Ein weis'rer Ikarus, zu dringen
In's Reich des Äthers, kühn und leicht.
Fest schnallt er sie an Brust und Hüfte,
Und schlägt sie freudig zu und auf;
Schon hebt er sich, fliegt in die Lüfte,
Und Wolk' und Sturm besiegt sein Lauf.

Die dunkle Region der Blitze
Liegt hinter ihm; nur klares Blau
Vor ihm: er wähnt dem Göttersitze
Schon nah' sich, und der Weltenschau.
Doch fruchtlos athmen seine Lungen,
Ihm fehlet Luft im luft'gen Raum,
Die Haut sieht er von Blut durchdrungen,
Vom Munde quillt ihm blut'ger Schaum.

Er athmet tief, er ächzt nach Hülfe,
Er weinet, - Blut entquillt dem Blick.
Da steht vor ihm ein ries'ger Sylphe,
Und ruft ihn furchtbar an: Zurück!
Vermess'ner Staub, zurück in Eile!
Verwundet bist du überall
Durch unsichtbarer Sylphen Pfeile -
Hinunter in dein Erdenthal!

Die irdisch dichte Atmosphäre
Ist dein bezeichnet Wohngebiet:
Daß eigner Schmerz dich künftig lehre,
Wo euch ein Gott die Grenze zieht!"
So ruft er aus, und stürzt ihn nieder,
Und, wie er hart zu Boden fiel,
Den Sturz noch mildert das Gefieder,
Sonst säh' er sich am Lebensziel.

Und als er wieder sich gesammelt,
Verzeih', o Herr, den Unverstand!
- So der Gefall'ne betend stammelt -
Die Erde nur ist unser Land;
Nur diese mögen wir ergründen.
Genug wohl mag in ihrem Raum
Des Unerforschten noch sich finden;
Wer höher strebt, hegt eitlen Traum!"

Nun strebt er in des Abgrunds Tiefen,
Und höhlet sich den tiefsten Schacht,
Und sprenget die granit'nen Riffen
Des Erdgebeins mit Pulvermacht.
Da stürzen sich der Klüfte Wasser
In seine Gruben mit Gebraus;
Der Gnomenfürst, der Menschenhasser,
Treibt ihn mit gift'gen Schwaden aus.

Hier abermals zurückgescheuchet,
Kommt er demüthiger an's Licht:
Bleibt Tief' und Höh' auch unerreichet,
Die Erdenfläche bleib' es nicht!
Ob Welttheil' noch im Meere schwimmen,
Dies sei von Andern kund gethan;
Ich will allein den Pol erklimmen,
Mich zieht nur das Geheime an.

Dann zeig' ich der Systeme Lücken,
Und wie sich uns're Asche dreht,
Ob durchgebohrt der Erde Rücken,
Ob er ein Felsen von Magnet?"
Er sprach's, und eilet zu den Polen;
Da steht ein ew'ger Eisesdamm
Zur Wehre vor, und ruft: Verhohlen
Sei dies auch immer Eurem Stamm!"

Zum dritten Mal zurückgewiesen,
Seufzt Sophron tief: Auch hier verbannt!
Nur an mich selbst bin ich gewiesen:
Nun hab' ich mein Gebiet erkannt".
Die neue Wißbegier zu stillen,
Greift er zum Arztesmesser gleich,
Das Wie des Lebens zu enthüllen
Befraget er das Todtenreich.

Wie mannigfaltig er's beschwöret,
Stumm bleibet, stumm das Leichengrau'n;
Er kann nur, wenn es schon zerstöret,
Das wunderzart' Gewebe schau'n.
Mag Frosch und Hund er lebend spalten,
Nach der Gequälten Kreislauf späh'n,
Der Nervengeist läßt sich nicht halten,
Nicht in des Denkens Kammer seh'n.

Ja, mag das Wunder er entdecken,
Von fremdem Lebensstrom berührt,
Im Schlaf die Seele hell zu wecken,
Was zu der Selbstbeschauung führt, -
Heißt er sie in's Geheimniß dringen,
Wie sei dem Stoffe zugesellt,
So sieht er ob dem freveln Ringen,
Daß wilder Wahnsinn sie befällt.

Da, von Verzweiflung aufgewiegelt,
Stürzt Sophron nieder: Welche Last
Ist die Vernunft, wenn zugeriegelt
Du, Schöpfer! ihr die Schöpfung hast?
Stößt rings sie an, wo wir sie brauchen,
Warum, Grausamer, gabst du sie?"
Da fühlt er Düfte sich umhauchen;
Es säuselt Sphärenmelodie:

Zu mir, du kühner Irrer, flüchte!
Nach mir nur blicke in die Höh',
Daß in dem Meer von meinem Lichte
Dein flackernd Lämplein untergeh'!
Gebrauch' es treu! Doch fühlst du Schranken,
So ahne die Unendlichkeit,
Und flügle drüber die Gedanken,
Anbetend meine Herrlichkeit.

Dies sind der Cherubime Wonnen,
Die auf der Stufen letzter steh'n,
Und, überstrahlend selbst die Sonnen,
Vor meinem Glanze doch vergeh'n.
Die gleiche Seligkeit zu trinken,
Winkt dir der Gottheit Ocean,
In welchen alle Schranken sinken,
Und Wohllaut tönt der Schöpfung Plan.

Hast du geschwelgt im Engelglücke,
Dann Eines nur dir nöthig thut:
Von mir dann wend' in dich die Blicke,
Und forsche nach, was recht und gut!
Da siehst du hüllenlose Wahrheit,
Die, ewig Eine, unverrückt,
In nie getrübter Himmelsklarheit
Das Kindlein wie der Greis erblickt". -

Der Duft verweht, die Stimme schweiget,
Und Sophron, also hochbelehrt,
Von frommer Demuth mild gebeuget,
Erhebt sich selig und verklärt.
Nicht mehr durch engen Wissens Streben
Dünkt er sich höhern Geistern gleich,
Nur Wille soll die Palm' ihm geben
Und macht sein Herz zum Himmelreich. 

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