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2019-04-15

Gedichte von Johann Friedrich von Cronegk: An die Leier (4)




An die Leier

O du, der Musen Geschenk, Gefährtin der fröhlichen Jugend,
Ertöne mir, tröstende Leier, wie sonst
Und treibe mit mächtigem Klang die Herde der stürmischen Sorgen
Aus meiner verödeten Seele hinaus!

Die finstere Schwermut umhüllt die Stirne des traurigen Jünglings,
Der sonst, Kamönen! euch singend gefiel.
Die Blüte der Jugend verwelkt: so sinket die sterbende Rose,
Um welche sonst Zephir sanft lispelnd gescherzt.

In traurigen Schlummer versenkt, verkennt sich die zweifelnde Seele;
Sie fühlet die Triebe der Freuden nicht mehr:
Sie fühlet nicht einmal den Schmerz; oft ist es ein Trost, ihn zu fühlen:
Es lindern ihn zärtliche Tränen alsdann.

Auch dieser schwermütige Trost ist itzt meinem Kummer versaget;
Ich bin, ach! ich bin euer Thyrsis nicht mehr.
Ihr Freund', beklagt ihn! Er starb! Und was ihr noch itzt für ihn haltet,
Ist bloß nur sein Schatten, ist Thyrsis nicht mehr.

Mich rufet der Nachtigall Lied nicht mehr in die dichtrischen Haine,
Wo sonst mich sanft rauschende Nymphen belauscht.
Nun blüht mehr kein Frühling für mich! nun winkt kein gefälliges Mägdchen
Und lächelt mir Wollust und Heiterkeit zu.

Es ruft mir Lyäus umsonst, der Bändiger sterblicher Sorgen;
Der Wein ist für freudige Herzen gemacht.
Verlaßt mich, ihr Freunde, verlaßt den nicht mehr geselligen Thyrsis,
Verlaßt ihn im schwermutsvoll einsamen Hain!

Wohin sind die Stunden nunmehr, die scherzenden Stunden der Jugend,
In denen ich nichts als nur Freude gefühlt?
Wohin sind die Rosen nunmehr, mit denen ich stolz mich bekrönte,
Weil Doris mir diese Rosen gepflückt?

Ich fand in der lächelnden Flur die Spuren der ewigen Vorsicht;
Mit freudigen Tränen besang ich ihr Lob.
Ich suchte die Weisheit nicht erst; sie kam und besuchte mich selbsten:
Itzt such' ich sie sehnlich; sie fliehet vor mir.

Sie liebet den einsamen Hain, sie liebet unschuldige Herzen,
Die keine Begierde noch stürmisch bewegt:
Sie flieht vor der lärmenden Pracht, sie flieht vor der fleißigen Ehrsucht,
Die nach ihr bei nächtlichen Lampen oft strebt.

O Ruhe! mein voriges Glück, Gespielin der lächelnden Jahre,
Die sonst von der Muse versüßt mir entflohn!
Wann find' ich dich wieder? Ach nie! Nur dort in dem Tale des Friedens,
Dort jenseit des Grabes, da find' ich dich einst.

Dort, Freunde! da will ich euch sehn! dort will ich dich, Doris! umarmen;
Dort trennet kein neidisches Schicksal uns mehr.
Kein sterbliches Elend erpreßt die Tränen der leidenden Tugend,
Die selbsten die Engel mitleidig gesehn.

Es wartet ein ewiger Lohn auf unsre vergänglichen Schmerzen.
Mehr, als ein Leben voll Ungemach wert:
Wie könnte des Sokrates Tod, das Leiden der hohen Clarissa,
Wie könnte das Unglück der Tugend sonst sein?

Wann einst unser Auge sich schließt, wann einst unser Körper verweset,
O dann vergeht unsre Seele nicht mit:
Sie war von dem Ew'gen bestimmt zu ferner unnennbarer Zukunft;
Bedenkt es, ihr Sterbliche, zittert und schweigt!


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