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2019-06-09

[Anhang: Reisetagebuch von Goethes Diener Paul Götze]




[Anhang: Reisetagebuch
von Goethes Diener Paul Götze]

Reise von Weimar gut; von Jena nach Uhlstedt desgleichen. Zank daselbst mit der Postmeister. Von da eben gut, die Gegenständen abwechselnd bis Saalfeld, wo der Postmeister besonders artig; seine Frau, eine gebohrne v. Könitzer, der welcher
sich auf dem Gut des Herrn v, Grünberg sich aufhält und Stiefsohn von denselben. Der höchste Gebirgs Punct grau verwittert Dachgestein; schöner fetter Boden, guter Frucht- besonders Roggenbau auf dieser Bergspitze, auch Pflanzen und ander
Gemüs.

Gräfenthal und Judenbach sind die schlimmsten Stationen; die Lage von Coburg ist angenehm wegen dem schönen und fruchtbaren Itzgrund, worin es liegt. In Nürnberg sahen wir die noch übrigen prächtigen Gemählde des Albrecht Dürers, wovon sich
eines in der ...... Kirche die andern aber auf dem Rathhaus befinden, wo auch noch viel gute und schöne Gemählde zu sehen. Von [Nürnberg] ist die Reise nach Augspurg ganz ruhig. Augspurg selbst ist wohl eine der prächtigsten Reichsstädte wegen denen prächtigen und reichen Kirchen und Privatgebäuden. Von den Kirchen ist besonders der Thom ober die sogenannte Kreuzkirche die größte, aber in der Pracht glaube ich übertraf sie die von St. Ulrich. 

Den 18ten März wurde das Leichenbegängniß mit einer Predigt und Trauermusik feierlich begangen. 

Den 25ten von Roveredo abgegangen, denselben Tag nach Verona. Da bis den 28ten;
von da nach belle Monte, Mittag gegessen und nach Vicenza und übernachtet.

Venedig d. 31 März. Nachmittags sind wir mit der Barke von Padua hie angekommen, und durch den Zufall kamen wir in eine kleine Locanda nahe am Rialto zu logiren. Der Wirth ist der leibhafte verstorbene Professor Musäus. Den 1ten frühe sind der Hr. Geh. Rath zu denen Banqueurs gefahren, nach deren Zurückkunft aber zusammen
nach dem Brau, und hernach auf den Markus Platz, wo wir beym Aussteigen sogleich eine große Feierlichkeit gewahr wurden: nehmlich der Doge brachte die Päbstlichen, Indulgenzen in die Kirch zu ......; bey seiner Abfahrt von St Markus Platz wurden von der Staatsgalere, welche beständig hier vor Anker liegt, 4 Kanonen gelöst, von der andern aber, welche just hier auf der Reede lag, nur 2, und so ging seine Fahrt in einer der prächtigsten Barken unter Begleitung des Päbstlichen Nuntius, welcher neben ihm saß, und der übrigen Hrn Senatoren den Rialto hinunter. Der Doge hatte einen großen rothbrokatenen mit Pelz aufgeschlagenen Rock und dergleichen Schuhe an, seine Müze schien auch von dergleichen Stoff, war aber unten mit einer breiten Tresse eingefaßt. Die Senatoren hatten Kleider vom nehmlichen Schnitt,
aber violett und schwarz.

Den 2ten konnten wir wegen in der vorigen Nacht gefallenem Schnee und heftigem Winde nicht fahren, gingen also zu Fuße auf den Markus Plaz spazieren, besahen diese Kirche und Anstalten zu dem auf den Abend folgenden Begräbniß Christi.
Abends um 1/2 7 oder 18 1/2 Uhr gingen wir wieder auf den Markus Plaz, und sahen zuerst, wie die Brüder aus der Schule von St. Roc ihren Heyland begruben, die Handlung machte einen prächtigen Anblick wegen der vielen und großen Wachslichter, wovon die meisten wenigstens 5 Zoll im Durchschnitt hatten. Die Fackelträger waren alle egal in ein grau Leinewand mit dem Wappen der Brüderschaft auf jeder Seite der Brust gekleidet. Ihr Zug ging rund um den Plaz herum und dann in die Kirche, wo ihnen, und noch tausend Menschen das noch flüssige Blut des Heylands in einem gläsern Becher, nebst andernReliquien gezeigt wurde, und so ging das ununterbrochen fort. Wenn eine von den Brüderschaften mit ihrem Zug herum war, folgte eine andere: der wenn sie ihren Herr Gott in die Kirche gebracht, ihr auch
die nehmlichen Heiligkeiten gezeigt wurden. Doch ist es einem der diese Feierlichkeit zum ersten mal sieht, sehr auffallend; wenn dieser feierliche Zug indem er über diesen grosen Plaz gehet mit seinem göttlichen Gesang etwa eine kleine Pause macht; diese benutzen denn sogleich die ...... welche ihre gebratenen
Kastangen, Äpfel, Oliven, Gebackenes und noch hundert andere Sachen mit einem unbändigen Geschrey im Moment ausrufen.

Den 3ten Morgens weil sich der Wind wieder gelegt, wurde wieder eine Spazierfahrt auf dem Rialto nach der Schule von St. Roc gemacht, wo zuerst die Kirche, hernach aber die Schule besehen wurde, wo wir außer denen schönen und guten Gemählden von Tintorett noch an den Schrankthüren die ganze Lebensbeschreibung des hl. Roc auf das sauberste aus Holz geschnitten antrafen. Von da sind wir in die Schule der Carità gefahren wo wir gleichfalls schöne Gemälde, in einer kleinen Kapelle aber rechts am Saale eins von Titian antrafen, welches das schönste was ich noch auf der ganzen Reise gesehen habe. Rechter Hand durch den Hof zeigt sich ein neuer prächtiger Anblick: nehmlich ein Gebäude von Palladius, welches wegen seiner besondern Bauart alle Aufmerksamkeit verdient. Das ganze Gebäude von 3
Stock Säulen über einander ist von Backsteinen, Säulen, Architrav und Gebälke, ausgenommen die Säulenfüße und Capitäl, welches aus Kalkstein gearbeitet ist, doch ist alles mit einer außerordentlichen Accuratesse und Fleiß gearbeitet.
Besonders merkwürdig aber ist das Architrav, welches auch ganz von Backsteinen, und einen großen Bogen unter und eine Last auf sich hat; um diesen nun einen Halt zu geben, hat er den Kragstein, welcher sonst zur Sprengung des Bogens dient, in den Architrav, und auf den Bogen gelegt, doch so, daß derselbe gerad umgekehrt, und also macht, daß sich das Architrav selbst, doch allemal auf dem Centrum der Säule, sprengt.

Den 4ten Morgens hatte es wieder stark geschneiet, wurde aber doch eine Fahrt auf dem Rialto nach dem Pallast Falsetti wo wir einige prächtige Statuen nebst denen Arabesken, wie sie im Vatikan in Rom in der nehmlichen Größe fanden. Auch befand sich im nehmlichen Pallast unter der Gemälde Sammlung eines von Titian, vorstellend die Tochter des Herodes mit dem Kopf Johannes. Von da wurde weiter nach der Casa Pisano Moreto gefahren, wo wir ein Gemälde von Paul Verones fanden, welches wohl für das schönste dieses großen Künstlers gehalten werden kann. Es stellt die Familie des Darius knieend vor dem Alexander vor. 

Den 5ten Morgens 4 Uhr als den ersten Feiertag wurde schon angefangen mit allen Glocken zu lauten, hierauf erfolgten mehr als hundert Kanonenschüsse, welches abwechselnd bis beynahe 10 dauerte. Um diese Zeit ging der Doge mit sämtlichen Senatoren in die St. Markus-Kirche, um der Function beyzuwohnen. Ersterer war mit einem prächtigen goldgewirkten Kleid angethan, letztere aber in purpurfarbenen
Drapd'or. In der Kirche Pietà hörten wir die Messe, und die in derselben Kirche aufgenommenen Mädchen musiciren, welche sowohl die Vocal- als auch alle Instrumental-Stimmen unter sich besetzen.

Abends 6 Uhr fuhr der Doge abermals in der nehmlichen Begleitung wie Vormittag unter Abfeurung der Kanonen nach der Kirche St. Zacharie, um auch da eine Predigt zu hören. 6ten wurde wieder eine Fahrt auf der Gondel nach der Ecole St. Markus gemacht, in dieser Kirche fanden wir wieder ein großes Altar Blatt von Titian; welches
wir wegen der vielen Fackeln, welche auf dem Altar aufgesteckt, nicht genau erkennen konnten. Der Versammlungs-Saal der Ecole aber war wieder ganz mit Tintorets ausgeziert. In einem kleinen neben Saale fanden wir auch ein schönes Bild von Paris Bordone, einem Schüler des Titian. Auch wurde diesen Vormittag noch in verschiedene Kirchen gefahren, wo außer der Griechischen, welche prächtig mit alten
Gemählden ausgeziert, nichts merkwürdiges gesehen wurde. Abends wurde wieder nach der Kirche Mendicanti gefahren, wo wir abermals ein Chor junger Frauen musiciren hörten, welche die Erstern in Geschicklichkeit, als auch in Sittsamkeit weit übertrafen.

7ten Morgens wurde wieder eine Fahrt in verschiedene Kirchen gemacht, als La Croce, Corpus Domini, Scalzi, St. Simeon piccolo, St. Giobbe, Madonna dell' Orto, und daselbst die Gemählde der alten Meistern nach Anleitung des Zanetti aufgesucht.

den 8ten wurde wegen schlimmer Witterung gar nicht ausgegangen, hatten aber das Vergnügen zu hören daß sich alle Augenblicke ein paar Schiffer zankten.

den 9ten wurde wieder eine Reise in folgende Kirchen gemacht: St. Martha, St. Theresa, St. Sebastian, Spirito-Santo, i Carmini, L'anzolo, wo in Sebastian, beynahe die ganze Sammlung von Gemählden, welche sich daselbst befindet, von Paolo Veronese, auch befindet sich daselbst auf dem Chor einige Frescomahlerei von ihm.

den 10ten wurde wegen schlechter Witterung wiederzu Hause geblieben.

11ten Morgen wieder nach denen Jesuiten und nach der Schule der Schneider, welche auch einige Gemählde der besten Meister besitzen; von da nach de Miracoli, wo wir aber wegen der großen Function nichts sehen konnten.

12ten bey denen Frari und in der Kirche zu St. Rocco, St. Silvester, St. Aponale, St. Thomas, St.Joh. von Rialto.

15. Wurde eine Seefahrt nach der Insul Murano gemacht, allwo das berühmte Venezianische Glas, sowohl Fenster als auch andere Gläser gemacht werden.
Aus der Fabricke wurde in folgende Kirchen daselbst gegangen: St. Donato, St. Pietro Martire, Degli Angeli, St. Michele, St. Christp. wo wir die prächtigsten
von alten Gemählden fanden. Abends wurde auf den Piazzo St Marc spazieren gegangen, wo wir uns an den immer herumgehenden Sängern amüsirten.

16ten zu Hause geblieben und Briefe geschrieben.

17 wurde eine Fahrt über den großen Kanal nach St. Giorgio und der Salute gemacht, wo wir in ersterer eins der prächtigsten Bilder von P. Veronese antrafen.

18 waren in der Scuola de Sartori und sahen das Gemählde von Giorgione und Abends in der Pietà.

19 fuhren der Hr. Geh. R. nach dem Banqueur und Hrn Zucchi; nachmittag spazieren gegangen.

20 spazieren gegangen.

21. Spazieren am Arsenale; die beyde ungeheuren Löwen, welche aus dem schönsten Griechischen Marmor gearbeitet, besehen. Einer dieser prächtigen Thiere, welcher bloß auf den beyden Hinderpfoten sizt, wird in der Höhe wohl 10 Fuß haben, und ist das Thier aus einem Stücke. Nach dem wurde auf die Schiffswerfte gegangen; wo zwey neue Kauffahrer in der Arbeit, der Baumeister versicherte, daß das eine auf 19000 Dukaten käme. 22ten Frühe nach dem Lido, das ist die große Erdzunge, welche das Adriatische Meer von den Venetianischen Lagunen trennt und welches einen der schönsten Anblicke verursacht. Wenn man aus den Lagunen heraus, welches ohngefähr eine gute halbe Stunde dauert, kommt man auf diese Erdzunge, welche ohngefähr 300 Stritt breit und 3 bis 4 Stunden lang.

Wenn man dieses übergangen, so sieht man sogleich die ungeheure Meeresfläche mit hunderten von großen und kleinen Schiffen bestreut. Auf der Retour fuhren wir auf die Certosa zu denen Augustinern, wo wir ein Altarblatt von Basaiti und in dem Refectorium ein Nachtmahl von Bonifacio und in der Sakristey eines von Vivarini. Beyde erste sind außer dem Titian und schönen Paul Veronese im Palast [Pisani] gewiß die schönsten in Venedig.

d. 23 und 24ten ist nichts merkwürdig.

25 als das Fest des Hl. Markus und Patron der Stadt Venedig. Zogen wieder sämtliche Brüderschaften mit ihren ungeheuren Herzen über den Markus Plaz und in selbige Kirche, wo der Doge und das ganze Conseil dem Gottesdienste beiwohnt. Auch wird diesen Tag in Maske gegangen. Besuch beym dänischen Capitain am Bord an der Junfr Anna. 

26ten Besuch von Hr. Zucchi, Nachmittag spazieren gegangen.


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