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2019-06-06

Gedichte von Albert Knapp: Der letzte Kranz (6)




Der letzte Kranz

Ich ging in Frühlingssonnenschein
Einst hinter einem Sack,
Darin ein graues Mütterlein
Sein bleiches Antlitz barg.

Die Siebzigjähr'ge schlief so sanft,-
Vorbei war all ihr Blüh'n.
Doch lag noch auf des Sarges Ranft
Ein Kranz von Immergrün.

Die Enkel hatten ihn geflückt
Am Hügel hell und hold,
Damit sie nicht gar ungeschmückt
Zu Grabe sinken sollt'.

Das Kränzlein drang mir an das Herz:
O müde Greisin du!
Wie gehst du nach des Lebens Schmerz
So einfach in Ruh'!

Die Rosen deiner Jugend sind
Schon lange fortgeweht,
Und dieser blühthenduft'ge Wind
Kommt auch für dich zu spät.

Ist nicht der Mensch ein Blümlein auch
In dieser kurzen Zeit?
Wie schnell, ach, vor des Todes Hauch
Sinkt seine Herrlichkeit!

Und wenn nun seine Blüthe ganz
Verflittert in die Luft,
So möcht' er doch noch einen Kranz
Mitnehmen in die Gruft.

Wohlan! wo keine Lilie blüh' n,
Keine Röslein duften mag,
Da bleibet doch ein Immergrün
Noch am Begräbnistag.

O sey's ein Kranz, der ewig nicht
Von der noch Stirne sinkt,
Der droben noch im sel'gen Licht
Voll Jugendfrische blinkt!

Der Ruhm, gewonnen in der Zeit,
Geschenkt von Jesu Christ:
„Ich weiß es, dass Barmherzigkeit
„mir widerfahren ist!“-

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