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2019-06-27

Gedichte von Maria Janitschek: Das Weib (4)




Das Weib

Es war eine Geige;
unscheinbar und schlicht,
lehnte sie in einer Ecke
des prunkvollen Zimmers. 
Ein großer Künstler
besaß die Geige ..

Es kamen Schüler
und Herren zu ihm,
um zu lernen
und um ihm zu schmeicheln;
feine Prinzen kamen zu ihm.

Manchmal hielten sie stumm
vor der Pforte des Hauses ..
Hatten die Sterne Stimmen bekommen?
War der Erde Feuer
in eine Seele geflohen
und schlug aus ihr
in tausend jauchzenden
klingenden Flammen?
Posaunten die Kriege
des jüngsten Tages
in erzenen Schreien
nieder?

Und die Lauscher
flogen hinauf in den Saal,
und sie trafen den Meister
mit brennenden Augen
und zitternden Pulsen.

»Wo ist das Werkzeug,
womit du den Himmel betörst?«
riefen sie. 
Er aber deutete
gelassen auf alle
die samtenen, güldenen
Kästen, darinnen
auf seidenen Kissen
die kostbaren Geigen
gebettet lagen.

»Es wird wohl eine
von diesen sein«.

Und die Schüler warfen sich
über die funkelnden
Instrumente.
Aber keines besaß die Seele,
die sie singen gehört.
Und sie spähten und suchten,
und quälten die Saiten,
aber vergeblich.

Derbe Töne voll irdischen Wohlklangs
entlockte ihr Bogen;
doch jene himmlische,
bachantisch süße,
tolle, berückende,
wehlüsterne, selige,
glückselige Seele
sang ihnen nicht ...

Da entdeckte einer
die unscheinbare
in der Ecke lehnende
schlichte Geige.

Und er ergriff sie,
und begann sie zum Tönen
zu bringen.
Doch eine kalte
gefühlleere Antwort
ward seiner glühenden Frage ..

Nachdenklich sinnend
verließen die Schüler
das Haus ihres Meisters.

Aber als er allein war,
trat er zu jener
unscheinbaren
schlichten Geige ..

Und er berührte sie;
und es schluchzte und jauchzte
aus ihren Saiten
bei seiner Liebkosung.

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