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2019-06-14

J.w.v.Goethe: [Epochen deutscher Literatur]






[Epochen deutscher Literatur]

Deutsche Literatur
Von [17]50-70
[1] ruhig
[2] emsig geist- und herzreich
[3] würdig
[4] beschränkt
[5] fixiert
[6] pedantisch
[7] respektvoll
[8] antik-gallische Kultur
[9] formsuchend
Von [17]70-90
[1] unruhig
[2] frech
[3]
[4] ausgebreitet
[5] leichtfertig
[6] redlich
[7] Achtung verschmähend und versagend
[8] engl[ische] Kultur
[9] Form willkürl[ich] zerstörend und besonnen
herstellend
Von [17]90-1[8]10
[1] beschwichtigt
[2] zart
[3]
[4] sich beschränkend
[5] ernst religios
[6] patriotisch tätig
[7] intrigant
[8] spanische Kultur
[9] von Form sich entfernend
Von 1[8]10-1[8]20
[1] malkontent
[2] determiniert
[3] tüchtig
[4] herrschsüchtig
[5] zuschreitend
[6]
[7] respektlos
[8] Altdeutsch
[9] ins Formlose strebend
[Neueste Epoche]

So mannigfaltig auch das Bestreben aller und jeder Künste in Deutschland sein mag, in dem Grade, daß man darüber etwas Näheres und Bestimmteres auszusprechen sich kaum getraute; so geht doch im ganzen eine gewisse Richtung durch, welche uns veranlaßt, die Epoche unsrer gegenwärtigen Dicht- und Bildkunst jener zweiten der persischen Poesie zu vergleichen, in welcher sich Enweri besonders hervortat und die wir die Enkomiastische nennen dürfen. Sowohl unmittelbar gegenwärtige Verdienste als kurz geschiedene, längst dahingegangene werden gefeiert. Geburtstäge lassen die Freunde nie unbegrüßt vorbei; silberne und goldene Hochzeiten geben Anlaß zu Festen; bei Dienstjubiläen erklärt sich der Staat selbst als Teilnehmer; bei funfzigjährigem Wiedereintritt einer akademischen Würde sind Universitäten und Fakultäten in Bewegung, und weil die lebhaftesten
Segnungen auf Gesundheit, eines dauernden Ruhms und verlängerten Lebens nicht ausbleiben dürfen, so fügt sich so schönen Prämissen als notwendige Konklusion ein löbliches »Ergo bibamus« hinzu.




    Epochen geselliger Bildung
I
In einer mehr oder weniger rohen Masse entstehen enge Kreise; die Verhältnisse sind die intimsten, man vertraut nur dem Freunde, man singt nur der Geliebten, alles hat ein häusliches Familienansehn. Die Zirkel schließen sich ab nach außen und müssen es tun, weil sie in dem rohen Elemente ihre Existenz zu sichern haben. Sie halten daher auch mit Vorliebe auf die Muttersprache, man nennte mit Recht diese Epoche die idyllische.
II
Die engen Kreise vermehren sich und dehnen sich zugleich weiter aus, die innere Zirkulation wird lebhafter, den fremden Sprachen verweigert man die Einwirkung nicht, die Kreise bleiben abgesondert, aber nähern sich und lassen einander gewähren. Ich würde diese Epoche nennen die soziale oder zivische.
III
Endlich vermehren sich die Kreise und dehnen sich von innen immer mehr aus, dergestalt, daß sie sich berühren und ein Verschmelzen vorbereiten. Sie begreifen, daß ihre Wünsche, ihre Absichten dieselben sind, aber sie können die Scheidegrenzen nicht auflösen. Sie mag einstweilen heißen die allgemeinere.
IV
Daß sie aber universell werde, dazu gehört Glück und Gunst, deren wir uns gegenwärtig rühmen können. Denn da wir jene Epochen seit vielen Jahren treulich durchgefördert, so gehört ein höherer Einfluß dazu, das zu bewirken, was wir heute erleben: die Vereinigung aller gebildeten Kreise, die sich sonst nur berührten, die Anerkennung eines Zwecks, die Überzeugung, wie notwendig es sei, sich von den Zuständen des augenblicklichen Weltlaufs im realen und idealen Sinne zu unterrichten. Alle fremde Literaturen setzen sich mit der einheimischen ins gleiche, und wir bleiben im Weltumlaufe nicht zurück. Diese Darstellung möchte wohl den herzlichsten Dank und die redlichste
Panegyrik den hohen Begünstigenden aussprechen.
s[alvo] m[eliori]
Weimar, den 25. April 1831
J. W. v. Goethe

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