> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Serbische Lieder Seite 2

2019-06-22

J.W.v.Goethe: Serbische Lieder Seite 2




Solche Vorzüge werden jedoch nur an und durch sich selbst erkannt, und es ist schon gewagt, die Mannigfaltigkeit der Motive und Wendungen, welche wir an den serbischen Liebesliedern bewundern, mit wenig Worten zu schildern, wie wir gleichwohl in Folgendem zu Anregung der Aufmerksamkeit zu tun uns nicht versagen.

1) Sittsamkeit eines serbischen Mädchens, welches die schönen Augenwimpern niemals aufschlägt; von unendlicher Schönheit. 2) Scherzhaft leidenschaftliche Verwünschung eines Geliebten. 3) Morgengefühl einer aufwachenden Liebenden; der Geliebte schläft so süß, sie scheut sich, ihn zu wecken. 4) Scheiden zum Tode; wunderbar: Rose, Becher und Schneeball. 5) Sarajewo durch die Pest verwüstet. 6) Verwünschung einer Ungetreuen. 7) Liebesabenteuer; seltsamlich: Mädchen im Garten. 8) Freundesbotschaft, der Verlobten gebracht durch zwei Nachtigallen, welche ihren dritten Gesellen, den Bräutigam, vermissen. 9) Lebensüberdruß über ein erzürntes Liebchen; drei Wehe sind ausgerufen. 10) Innerer Streit des Liebenden, der als Brautführer seine Geliebte einem Dritten zuführen soll. 11) Liebeswunsch; ein Mädchen wünscht ihrem Geliebten als quellender Bach durch den Hof zu fließen. 12) Jagdabenteuer; gar wunderlich. 13) Besorgt um den Geliebten, will das Mädchen nicht singen, um nicht froh zu scheinen. 14) Klage über Umkehrung der Sitten, daß der Jüngling die Witwe freie, der Alte die Jungfrau. 15) Klage eines Jünglings, daß die Mutter der Tochter zu viel Freiheit gebe. 16) Das Mädchen schilt den Wankelmut der Männer. 17) Vertraulich-frohes Gespräch des Mädchens mit dem Pferde, das ihr seines Herrn Neigung und Absichten verrät. 18) Fluch dem Ungetreuen. 19) Wohlwollen und Sorge. 20) Die Jugend dem Alter vorgezogen; auf gar liebliche Weise. 21) Unterschied von Geschenk und Ring. 22) Hirsch und Wila; die Waldgöttin tröstet den liebekranken Hirsch. 23) Mädchen vergiftet ihren Bruder, um den Liebsten zu erlangen. 24) Mädchen will den Ungeliebten nicht. 25) Die schöne Kellnerin; ihr Geliebter ist nicht mit unter den Gästen. 26) Liebevolle Rast nach Arbeit; sehr schön! es hält Vergleichung aus mit dem Hohenliede. 27) Gebundenes Mädchen, Kapitulation um Erlösung. 28) Zwiefache Verwünschung, ihrer eigenen Augen und des ungetreuen Liebhabers. 29) Vorzug des kleinen Mädchens und sonstiger Kleinheiten. 30) Finden und zartes Aufwecken der Geliebten. 31) Welches Gewerbes wird der Gatte sein? 32) Liebesfreuden verschwatzt. 33) Treu im Tode; vom Grabe aufblühende Pflanzen. 34) Abhaltung; die Fremde fesselt den Bruder, der die Schwester zu besuchen zögert. 35) Der Liebende kommt aus der Fremde, beobachtet sie am Tage, überrascht sie zu Nacht. 36) Im Schnee geht das verlassene Mädchen, fühlt aber nur das erkältete Herz. 37) Drei Mädchen wünschen Ring, Gürtel, den Jüngling; die letzte hat das beste Teil erwählt. 38) Schwur zu entbehren, Reue deshalb. 39) Stille Neigung; höchst schön. 40) Die Vermählte, früher den Wiederkehrenden liebend. 41) Hochzeitanstalten, Überraschung der Braut. 42) Eilig, neckisch. 43) Gehinderte Liebe, verwelkte Herzen. 44) Herzog Stephans Braut hintangesetzt. 45) Welches Denkmal dauert am längsten? 46) Klein und gelehrt. 47) Gatte über alles, über Vater, Mutter und Brüder; an den gerüsteten Gemahl. 48) Tödliche Liebeskrankeit. 49) Nah und versagt. 50) Wen nahm sich das Mädchen zum Vorbild? 51) Mädchen als Fahnenträger. 52) Die gefangene, bald befreite Nachtigall. 53) Serbische Schönheit. 54) Locken wirkt am sichersten. 55) Belgrad in Flammen.

Von der Sprache nunmehr mit wenigem das Nötige zu melden, hat seine besondere Schwierigkeit. Die slawische teilt sich in zwei Hauptdialekte, den nördlichen und südlichen. Dem ersten gehört das Russische, Polnische, Böhmische, dem letzten fallen Slowenen, Bulgaren und Serben zu.

Die serbische Mundart ist also eine Unterabteilung des südslawischen Dialekts, sie lebt noch in dem Munde von fünf Millionen Menschen und darf unter allen südslawischen für die kräftigste geachtet werden. Über ihre Vorzüge jedoch waltet in der Nation selbst ein Widerstreit; zwei Parteien stehen gegeneinander, und zwar folgendermaßen.

Die Serben besitzen eine alte Bibelübersetzung aus dem neunten Jahrhundert, geschrieben in einem verwandten Dialekt, dem altpannonischen. Dieser wird nun von der Geistlichkeit und allen, die sich den Wissenschaften widmen, als Sprachgrund und Muster angesehen; sie bedienen sich desselben im Reden, Schreiben und Verhandeln fördern und begünstigen ihn; dagegen halten sie sich entfernt von der Sprache des Volks, schelten diese als abgeleitet von jenem und als Verderb des echten rechtmäßigen Idioms. Betrachtet man aber diese Sprache des Volkes genauer so erscheint sie in ursprünglicher Eigentümlichkeit, von jener im Grunde verschieden und in sich selbst lebendig, allem Ausdruck des tätigsten Wirkens und ebenso poetischer Darstellung genügend. Die in derselben verfaßten Gedichte sind es, von denen wir sprechen, die wir loben, die aber von jenem vornehmern Teil der Nation geringgeschätzt werden; deswegen sie auch niemals aufgeschrieben, noch weniger abgedruckt worden. Daher rührte denn auch die Schwierigkeit, sie zu erlangen, welche viele Jahre unüberwindlich schien, deren Ursache uns aber jetzt erst, da sie gehoben ist, offenbar wird. Um nun von meinem Verhältnis zu dieser Literatur zu reden, so muß ich vorerst gestehen, daß ich keinen der slawischen Dialekte, ohnerachtet mehrerer Gelegenheiten, mir jemals eigen gemacht noch studiert und also von aller Originalliteratur dieser großen Völkerschaften völlig abgeschlossen blieb, ohne jedoch den Wert ihrer Dichtungen, insofern solche zu mir gelangten, jemals zu verkennen.

Schon sind es funfzig Jahre, daß ich den »Klaggesang der edlen Frauen Asan Agas« übersetzte, der sich in des Abbate Fortis »Reise«, auch von da in den »Morlackischen Notizen« der Gräfin Rosenberg finden ließ. Ich übertrug ihn nach dem beigefügten Französischen, mit Ahnung des Rhythmus und Beachtung der Wortstellung des Originals. Gar manche Sendung erhielt ich auf lebhaftes Anfragen sodann von Gedichten sämtlicher slawischen Sprachen; jedoch nur einzeln sah ich sie vor mir, weder einen Hauptbegriff konnt ich fassen noch die Abteilungen charakteristisch sondern.

Was nun aber die serbischen Gedichte betraf, so blieb ihre Mitteilung aus oben gemeldeter Ursache schwer zu erlangen. Nicht geschrieben, sondern durch mündlichen Vortrag den ein sehr einfaches Saiteninstrument, Gusle genannt, begleitet, waren sie in dem niedern Kreise der Nation erhalten worden; ja es ereignete sich der Fall, als man in Wien von einigen Serben verlangte, dergleichen Lieder zu diktieren, daß dieses Gesuch abgeschlagen wurde, weil die guten einfachen Menschen sich keinen Begriff machen konnten, wie man ihre kunstlosen, im eigenen Vaterlande von gebildeten Männern verachteten Gesänge einigermaßen hochschätzen könne. Sie fürchteten vielmehr, daß man diese Naturlieder mit einer ausgebildeten deutschen Dichtkunst ungünstig zu vergleichen und dadurch den roheren Zustand ihrer Nation spöttisch kundzugeben gedenke. Von dem Gegenteil und einer ernstlichen Absicht überzeugte man sie durch die Aufmerksamkeit der Deutschen auf jenen »Klaggesang« und mochte denn wohl auch durch gutes Betragen die längst ersehnte Mitteilung, obgleich nur einzeln, hin und wieder erlangen.

Alles dieses war jedoch von keiner Folge, wenn nicht ein tüchtiger Mann, namens Wuk Stephanowitsch Karadschitsch, geboren 1787 und erzogen an der Scheide von Serbien und Bosnien, mit seiner Muttersprache, die auf dem Lande weit reiner als in den Städten geredet wird, frühzeitig vertraut geworden wäre und ihre Volkspoesie liebgewonnen hätte. Er benahm sich mit dem größten Ernst in dieser Sache und gab im Jahre 1814 in Wien eine serbische Grammatik an den Tag und zugleich serbische Volkslieder, hundert an der Zahl. Gleich damals erhielt ich sie mit einer deutschen Übersetzung, auch jener »Trauergesang « fand sich nunmehr im Original; allein wie sehr ich auch die Gabe werthielt, wie sehr sie mich erfreute, so konnt ich doch zu jener Zeit noch zu keinem Überblick gelangen. In Westen hatten sich die Angelegenheiten verwirrt, und die Entwicklung schien auf neue Verwirrung zu deuten; ich hatte mich nach Osten geflüchtet und wohnte in glücklicher Abgeschiedenheit eine Zeitlang entfernt von Westen und Norden. Nun aber enthüllt sich diese langsam reifende Angelegenheit immer mehr und mehr. Herr Wuk begab sich nach Leipzig, wo er in der Breitkopf-Härtelischen Offizin drei Bände Lieder herausgab, von deren Gehalt oben gesprochen wurde, sodann Grammatik und Wörterbuch hinzufügte, wodurch denn dieses Feld dem Kenner und Liebhaber um vieles zugänglicher geworden.

Auch brachte des werten Mannes Aufenthalt in Deutschland denselben in Berührung mit vorzüglichen Männern. Bibliothekar Grimm in Kassel ergriff mit der Gewandtheit eines Sprachgewaltigen auch das Serbische; er übersetzte die Wukische Grammatik und begabte sie mit einer Vorrede, die unsern obigen Mitteilungen zum Grunde liegt. Wir verdanken ihm bedeutende Übersetzungen, die in Sinn und Silbenmaß jenes Nationelle wiedergeben.

Auch Professor Vater, der gründliche und zuverlässige Forscher, nahm ernstlichen Teil, und so rückt uns dieses bisher fremd gebliebene und gewissermaßen zurückschreckende Studium immer näher. Auf diesem Punkt nun, wie die Sachen gekommen sind, konnte nichts erfreulicher sein, als daß ein Frauenzimmer von besondern Eigenschaften und Talenten, mit den slawischen Sprachen durch einen frühern Aufenthalt in Rußland nicht unbekannt, ihre Neigung für die serbische entschied, sich mit aufmerksamster Tätigkeit diesem Liederschatz widmete und jener langwierigen Säumnis durch eine reiche Leistung ein Ende machte. Sie übersetzte, ohne äußeren Antrieb, aus innerer Neigung und Gutachten, eine große Masse der vorliegenden Gedichte und wird in einem Oktavband so viel derselben zusammenfassen, als man braucht, um sich mit dieser ausgezeichneten Dichtart hinreichend bekannt zu machen. An einer Einleitung wird's nicht fehlen, die das, was wir vorläufig hier eingeführt, genauer und umständlicher darlege, um einen wahren Anteil dieser verdienstvollen neuen Erscheinung allgemein zu fördern.

Die deutsche Sprache ist hiezu besonders geeignet; sie schließt sich an die Idiome sämtlich mit Leichtigkeit an, sie entsagt allem Eigensinn und fürchtet nicht, daß man ihr Ungewöhnliches, Unzulässiges vorwerfe; sie weiß sich in Worte, Wortbildungen, Wortfügungen, Redewendungen und was alles zur Grammatik und Rhetorik gehören mag, so wohl zu finden, daß, wenn man auch ihren Autoren bei selbsteignen Produktionen irgendeine seltsamliche Kühnheit vorwerfen möchte, man ihr doch vorgeben wird, sie dürfe sich bei Übersetzung dem Original in jedem Sinne nahe halten.

Und es ist keine Kleinigkeit, wenn eine Sprache dies von sich rühmen darf: denn müssen wir es zwar höchst dankenswert achten, wenn fremde Völkerschaften dasjenige nach ihrer Art sich aneignen, was wir selbst innerhalb unseres Kreises Originelles hervorgebracht, so ist es doch nicht von geringerer Bedeutung, wenn Fremde auch das Ausheimische bei uns zu suchen haben. Wenn uns eine solche Annäherung ohne Affektation wie bisher nach mehrern Seiten hin gelingt, so wird der Ausheimische in kurzer Zeit bei uns zu Markte gehen müssen und die Waren, die er aus der ersten Hand zu nehmen beschwerlich fände, durch unsere Vermittelung empfangen. Um also nun vom Allgemeinsten ins Besonderste zurückzukehren, dürfen wir ohne Widerrede behaupten: daß die serbischen Lieder sich in deutscher Sprache besonders glücklich ausnehmen. Wir haben mehrere Beispiele vor uns, Wuk Stephanowitsch übersetzte uns zuliebe mehrere derselben wörtlich, Grimm auf seinem Wege war geneigt, sie im Silbenmaße darzustellen; auch Vatern sind wir Dank schuldig, daß er uns das wichtigste Gedicht: die »Hochzeit des Maxim Cernojewitsch« im Auszuge prosaisch näherbrachte, und so verdanken wir denn auch der raschen, unmittelbar einwirkenden Teilnahme unserer Freundin schnell eine weitere Umsicht, die, wie wir hoffen, das Publikum bald mit uns teilen wird.

Goethe auf meiner Seite 

alle philosophischen Schriften

Keine Kommentare: