> Gedichte und Zitate für alle: Gedichte von Rosa Maria Assing: Lied II (15)

2019-07-29

Gedichte von Rosa Maria Assing: Lied II (15)





Lied II

Wenn in dem schauerlichen Thurme
Der Jüngling klagt mit trübem Sinn,
Zieht mit des Mitleids regem Triebe
Natur mein Herz stets zu ihm hin'
Mit Wehmuth füllen mich die Töne,
Die er oft wiederholend spricht-
O Mütterchen, oh sey nicht böse,
Denn Mitleid ist ja Liebe nicht!

Wenn hinter meinem Fenster lauschend
Mein Ohr sich seiner Klage neigt:
Wähn ich, ihn immer noch zu hören,
Wenn längst schon seine Stimme schweigt;
Und sehnend möcht'ich stehn und lauschen
Von Morgen- bis zum Abendlicht-
O Mütterchen, oh sey nicht böse,
Denn Mitleid ist ja Liebe nicht!

Einst war sein Lied so liebeglühend
Und drang in mein Gemüth hinein,
Ich suchte nicht es zu erlernen,
Und dennoch prägt'es sich mir ein;
Und seitdem wiederhol' ich's immer
Vom Morgen-bis zum Abendlicht-
O Mütterchen, oh sey nicht böse,

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