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2019-07-09

Johann Wolfgang Goethe: Götter, Helden und Wieland






 Johann Wolfgang Goethe 

Götter, Helden und Wieland 

Eine Farce 



 Merkurius am Ufer des Kozytus mit zwei Schatten. 


MERKURIUS. Charon! he, Charon! Mach, daß du rüberkommst. 
Geschwind! Meine Leutchen da beklagen sich zum Erbarmen, wie 
ihnen das Gras die Füße netzt und sie den Schnuppen kriegen. 

CHARON. Saubre Nation! Woher? Das ist einmal wieder von der 
rechten Rasse. Die könnten immer leben. 

MERKURIUS. Droben reden sie umgekehrt. Doch mit allem dem war 
das Paar nicht unangesehen auf der Oberwelt. Dem Herrn Literator 
hier fehlt nichts als seine Perücke und seine Bücher und der Megäre da 
nur Schminke und Dukaten. Wie steht's drüben? 

CHARON. Nimm dich in acht, sie haben dir's geschworen, wenn du 
hinüberkommst. 

MERKURIUS. Wieso? 

CHARON. Admet und Alceste sind übel auf dich zu sprechen, am 
ärgsten Euripides. Und Herkules hat dich im Anfall seiner Hitze einen 
dummen Buben geheißen, der nie gescheit werden würde. 

MERKURIUS. Ich versteh kein Wort davon. 


CHARON. Ich auch nicht. Du hast in Deutschland jetzt ein Geträtsch 
mit einem gewissen Wieland? 

MERKURIUS. Ich kenn so keinen. 

CHARON. Was schiert's mich? Gnug, sie sind fuchswild. 

MERKURIUS. Laß mich in Kahn, ich will mit hinüber, muß doch 
sehen, was gibt. 

Sie fahren über. 

EURIPIDES. Es ist nicht fein, daß du's uns so spielst. Alten guten 
Freunden und deinen Brüdern und Kindern. Dich mit Kerls zu gesellen, 
die keine Ader griechisch Blut im Leibe haben, und an uns zu necken 
und neidschen, als wenn uns noch was übrig wäre außer dem bißchen 
Ruhm und dem Respekt, den die Kinder droben für unserm Bart 
haben. 

MERKURIUS. Beim Jupiter, ich versteh Euch nicht. 

LITERATOR. Sollte etwa die Rede vom Deutschen Merkur sein? 

EURIPIDES. Kommt Ihr daher? Ihr bezeugt's also? 

LITERATOR. O ja, das ist jetzo die Wonne und Hoffnung von ganz 
Deutschland, was der Götterbote für goldne Papierchen der 
Aristarchen und Aoiden herumträgt. 


EURIPIDES. Da hört ihr's. Und mir ist übel mitgespielt in denen 
goldenen Blättchens. 

LITERATOR. Das nicht sowohl, Herr W. zeigt nur, daß er nach Ihnen 
habe wagen dürfen, eine »Alceste« zu schreiben; und daß, wenn er Ihre 
Fehler vermieden und größere Schönheiten aufempfunden, man die 
Schuld Ihrem Jahrhunderte und dessen Gesinnungen zuschreiben 
müsse. 

EURIPIDES. Fehler! Schuld! Jahrhundert! O du hohes herrliches 
Gewölbe des unendlichen Himmels! was ist aus uns geworden! Merkur, 
und du trägst dich damit! 

MERKURIUS. Ich stehe versteinert. 

ALCESTE. Du bist in übler Gesellschaft, und ich werde sie nicht 
verbessern. Pfui! 

ADMET. Merkur, das hätt ich dir nicht zugetraut. 

MERKURIUS. Redt deutlich, oder ich gehe fort. Was hab ich mit 
Rasenden zu tun! 

ALCESTE. Du scheinst betroffen? So höre denn. Wir gingen neulich, 
mein Gemahl und ich, in dem Hain jenseits des Kozytus, wo, wie du 
weißt, die Gestalten der Träume sich lebhaft darstellen und hören 
lassen. Wir hatten uns eine Weile an den phantastischen Gestalten 
ergötzt, als ich auf einmal meinen Namen mit einem unleidlichen Tone 
ausrufen hörte. Wir wandten uns. Da erschienen zwei abgeschmackte 
gezierte hagre blasse Püppchens, die sich einander Alceste! 
Admet! nannten, voreinander sterben wollten, ein Geklingele mit 
ihren Stimmen machten als die Vögel und zuletzt mit einem traurigen 
Gekrächz verschwanden. 

ADMET. Es war lächerlich anzusehen. Wir verstunden das nicht, bis 
erst kurz ein junger Studiosus herunterkam, der uns die große 
Neuigkeit brachte, ein gewisser Wieland habe uns ungebeten wie 
Euripides die Ehre angetan, dem Volke unsre Masken zu prostituieren. 
Und der sagte das Stück auswendig von Anfang bis zu Ende her. Es 
hat's aber niemand ausgehalten als Euripides, der neugierig und Autor 
genug dazu war. 

EURIPIDES. Ja, und was das schlimmste ist, so soll er in eben den 
Wischen, die du herumträgst, seine Alceste vor der meinigen 
herausgestrichen, mich herunter und lächerlich gemacht haben. 

MERKURIUS. Wer ist der Wieland? 

LITERATOR. Hofrat und Prinzen-Hofmeister zu Weimar. 

MERKURIUS. Und wenn er Ganymeds Hofmeister wäre, sollt er mir 
her. Es ist just Schlafenszeit, und mein Stab führt eine Seele leicht aus 
ihrem Körper. 

LITERATOR. Mir wird's angenehm sein, solch einen großen Mann bei 
dieser Gelegenheit kennenzulernen. 

Wielands Schatten in der Nachtmütze tritt auf. 

WIELAND. Lassen Sie uns, mein lieber Jacobi. 


ALCESTE. Er spricht im Traum. 

EURIPIDES. Man sieht doch, mit was für Leuten er umgeht. 

MERKURIUS. Ermuntert Euch! Es ist hier von keinen Jacobis die 
Rede. Wie ist's mit dem Merkur? Ihrem Merkur? dem Deutschen 
Merkur? 

WIELAND kläglich. Sie haben mir ihn nachgedruckt. 

MERKURIUS. Was tut uns das, So hört denn und seht. 

WIELAND. Wo bin ich? Wohin führt mich der Traum? 

ALCESTE. Ich bin Alceste. 

ADMET. Und ich Admet. 

EURIPIDES. Solltet Ihr mich wohl kennen? 

MERKURIUS. Woher? – Das ist Euripides, und ich bin Merkur. Was 
steht Ihr so verwundert? 

WIELAND. Ist das Traum, was ich wie wachend fühle? Und doch hat 
meine Einbildungskraft niemals solche Bilder hervorgebracht. Ihr 
Alceste? Mit dieser Taille! Verzeiht! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. 

MERKURIUS. Die eigentliche Frage ist, warum Ihr meinen Namen 
prostituiert und diesen ehrlichen Leuten zusammen so übel begegnet. 

WIELAND. Ich bin mir nichts bewußt. Was Euch betrifft, Ihr könntet, 
dünkt mich, wissen, daß wir Euerm Namen keine Achtung schuldig 
sind. Unsre Religion verbietet uns, irgendeine Wahrheit, Größe, Güte, 
Schönheit anzuerkennen und anzubeten außer ihr. Daher sind Eure 
Namen wie Eure Bildsäulen zerstümmelt und preisgegeben. Und ich 
versichre Euch, nicht einmal der griechische Hermes, wie ihn uns die 
Mythologen geben, ist mir je dabei in Sinn gekommen. Man denkt gar 
nichts dabei. Es ist, als wenn einer sagte: Recueil, Portefeuille. 

MERKURIUS. Es ist doch immer mein Name. 

WIELAND. Haben Sie niemals Ihre Gestalt mit Flügeln an Haupt und 
Füßen, den Schlangenstab in der Hand, sitzend auf Warenballen und 
Tonnen, im Vorbeigehn auf einer Tabaksbüchse figurieren sehn? 

MERKURIUS. Das läßt sich hören. Ich sprech Euch los. Und ihr 
andern werdet mich künftig ungeplagt lassen. So weiß ich, war auf dem 
letzten Maskenballe ein gnädiger Herr, der über seine Hosen und 
Weste noch einen fleischfarbnen Jobs gezogen hatte und vermittelst 
Flügeln an Haupt und Sohlen seine Molchsgestalt für einen Merkurius 
an Mann bringen wollte. 

WIELAND. Das ist die Meinung. Sowenig mein Vignettenschneider auf 
Eure Statue Rücksicht nahm, die Florenz aufbewahrt, sowenig auch 
ich. 

MERKURIUS. So gehabt Euch wohl. Und so seid Ihr überzeugt, daß 
der Sohn Jupiters noch nicht so bankrutt gemacht hat, um sich mit 
allerlei Leuten zu assoziieren. 

Merkurius ab. 


WIELAND. So empfehl ich mich dann. 

EURIPIDES. Nicht uns so. Wir haben noch erst ein Glas zusammen zu 
leeren. 

WIELAND. Ihr seid Euripides, und meine Hochachtung für Euch hab 
ich öffentlich gestanden. 

EURIPIDES. Viel Ehre! Es fragt sich, inwiefern Euch Eure Arbeit 
berechtigt, von der meinigen Übels zu reden. Fünf Briefe zu schreiben, 
um Euer Drama, das so mittelmäßig ist, daß ich als kompromittierter 
Nebenbuhler fast drüber eingeschlafen bin, Euern Herren und Damen 
nicht allein vorzustreichen, das man noch verzeihen könnte, sondern 
den guten Euripides als einen verunglückten Mitstreiter hinzustellen, 
dem Ihr den Rang abgelaufen habt. 

ADMET. Ich will's Euch gestehen, Euripides ist auch ein Poet, und ich 
habe mein Tage die Poeten für nichts mehr gehalten, als sie sind. Aber 
ein braver Mensch ist er, und unser Landsmann. Es hätte Euch doch 
sollen bedenklich scheinen, ob der Mann, der geboren wurde, da 
Griechenland den Xerxes bemeisterte, der ein Freund des Sokrates 
war, dessen Stücke eine Würkung auf sein Jahrhundert hatten wie 
Eure wohl schwerlich, ob der Mann nicht eher die Schatten von Alceste 
und Admet habe herbeibeschwören können als Ihr. Das verdiente 
einige ahndungsvolle Ehrfurcht. Der zwar Euer ganzes aberweises 
Jahrhundert von Literatoren nicht fähig ist. 

EURIPIDES. Wenn Eure Stücke einmal soviel Menschen das Leben 
gerettet haben als meine, dann sollt Ihr auch reden. 


WIELAND. Mein Publikum, Euripides, ist nicht das Eurige. 

EURIPIDES. Das ist die Sache nicht. Von meinen Fehlern und 
Unvollkommenheiten ist die Rede, die Ihr vermieden habt. 

ALCESTE. Daß ich's Euch sage als ein Weib, die eh ein Wort reden 
darf, daß es nicht auffällt. Eure Alceste mag gut sein und Eure 
Weibchen und Männchen amüsiert, auch wohl gekützelt haben, was Ihr 
Rührung nennt. Ich bin drüber weggegangen, wie man von einer 
verstimmten Zither wegweicht. Des Euripides seine hab ich doch ganz 
ausgehört, mich manchmal drüber gefreut und auch drüber gelächelt. 

WIELAND. Meine Fürstin. 

ALCESTE. Ihr solltet wissen, daß Fürsten hier nichts gelten. Ich 
wünschte, Ihr könntet fühlen, wieviel glücklicher Euripides in 
Ausführung unsrer Geschichte gewesen als Ihr. Ich bin für meinen 
Mann gestorben; wie und wo, das ist nicht die Frage. Die Frage ist von 
Eurer »Alceste«, von Euripides' »Alceste«. 

WIELAND. Könnt Ihr mir absprechen, daß ich das Ganze delikater 
behandelt habe? 

ALCESTE. Was heißt das? Genug, Euripides hat gewußt, warum er eine 
Alceste aufs Theater bringt. Ihr nicht. Sowenig Ihr die Größe des 
Opfers, das ich meinem Manne tat, darzustellen wußtet. 

WIELAND. Wie meint Ihr das? 

EURIPIDES. Laßt mich reden, Alceste. Sieh her, das sind meine Fehler. 
Ein junger blühender König, ersterbend mitten im Genuß aller 
Glückseligkeit. Sein Haus, sein Volk in Verzweiflung, den Guten, 
Trefflichen zu verlieren, und über dem Jammer Apoll bewegt, den 
Parzen einen Wechseltod abdringend. Und nun – alles verstummt und 
Vater und Mutter und Freunde und Volk – alles – und er lechzend am 
Rande des Tods, umherschauend nach einem willigen Auge, und 
überall Schweigen – bis sie auftritt, die Einzige, ihre Schönheit und 
Kraft aufzuopfern dem Gatten, hinunterzusteigen zu den 
hoffnungslosen Toten. 

WIELAND. Das hab ich alles auch. 

EURIPIDES. Nicht gar. Eure Leute sind erstlich alle zusammen aus der 
großen Familie, der ihr Würde der Menschheit, ein Ding, das Gott weiß 
woher abstrahiert ist, zum Erbe gegeben habt, ihr Dichter auf unsern 
Trümmern! Sie sehn einander ähnlich wie die Eier, und Ihr habt sie 
zum unbedeutenden Breie zusammengerührt. Da ist eine Frau, die für 
ihren Mann sterben will, ein Mann, der für seine Frau sterben will, ein 
Held, der für sie beide sterben will, daß nichts übrigbleibt als das 
langweilige Stück Parthenia, die man gerne wie den Widder aus 'em 
Busche bei den Hörnern kriegte, um dem Elend ein Ende zu machen. 

WIELAND. Ihr seht das anders an als ich. 

ALCESTE. Das vermut ich. Nur sagt mir: was war Alcestens Tat, wenn 
ihr Mann sie mehr liebte als sein Leben? Der Mensch, der sein ganzes 
Glück in seiner Gattin genösse, wie Euer Admet, würde durch ihre Tat 
in den doppelt bittern Tod gestürzt werden. Philemon und Baucis 
erbaten sich zusammen den Tod, und euer Klopstock, der doch immer 
unter euch ein Mensch ist, läßt seine Liebenden wetteifern – »Daphnis, 
ich sterbe zuletzt«. Also mußte Admet gerne leben, sehr gerne leben, 
oder ich war – was? – eine Komödiantin – ein Kind – genug, macht aus 
mir, was Euch gefällt. 

ADMET. Und den Admet, der Euch so ekelhaft ist, weil er nicht sterben 
mag. Seid Ihr jemals gestorben? Oder seid Ihr jemals ganz glücklich 
gewesen? Ihr redt wie großmütige Hungerleider. 

WIELAND. Nur Feige fürchten den Tod. 

ADMET. Den Heldentod, ja! Aber den Hausvatertod fürchtet jeder, 
selbst der Held. So ist's in der Natur. Glaubt Ihr denn, ich würde mein 
Leben geschont haben, meine Frau dem Feinde zu entreißen, meine 
Besitztümer zu verteidigen? Und doch – 

WIELAND. Ihr redet wie Leute einer andern Welt, eine Sprache, deren 
Worte ich vernehme, deren Sinn ich nicht fasse. 

ADMET. Wir reden Griechisch. Ist Euch das so unbegreiflich? Admet – 

EURIPIDES. Ihr bedenkt nicht, daß er zu einer Sekte gehört, die allen 
Wassersüchtigen, Auszehrenden, an Hals und Bein tödlich 
Verwundeten einreden will, tot würden ihre Herzen voller, ihre Geister 
mächtiger, ihre Knochen markiger sein. Das glaubt er. 

ADMET. Er tut nur so. Nein, Ihr seid noch Mensch genug, Euch zu 
Euripides' Admeten zu versetzen. 

ALCESTE. Merkt auf, und fragt Eure Frau darüber. 

ADMET. Ein junger, ganz glücklicher, wohlbehaglicher Fürst, der von 
seinem Vater Reich und Erbe und Herde und Güter empfangen hatte 
und drinne saß mit Genüglichkeit und genoß und ganz war und nichts 
bedurfte als Leute, die mit ihm genossen, und sie, wie natürlich, fand 
und des Hergebens nicht satt wurde und alle liebte, daß sie ihn lieben 
sollten, und sich Götter und Menschen so zu Freunden gemacht hatte, 
und Apoll den Himmel an seinem Tische vergaß – der sollte nicht ewig 
zu leben wünschen! – Und der Mensch hatte auch eine Frau – 

ALCESTE. Ihr habt eine und begreift das nicht. Ich wollte das dem 
schwarzaugigen jungen Ding dort begreiflich machen. Schöne Kleine, 
willst du ein Wort hören? 

DAS MÄDCHEN. Was verlangt Ihr? 

ALCESTE. Du hattest einen Liebhaber. 

MÄDCHEN. Ach ja! 

ALCESTE. Und liebtest ihn von Herzen, so daß du in mancher guten 
Stunde Beruf fühltest, für ihn zu sterben? 

MÄDCHEN. Ach und ich bin um ihn gestorben. Ein feindseliges 
Schicksal trennte uns, das ich nicht lang überlebte. 

ALCESTE. Da habt Ihr Eure Alceste, Wieland. Nun sage mir, liebe 
Kleine, du hattest Eltern, die sich zärtlich liebten? 

MÄDCHEN. Gegen unsre Liebe war's kein Schatten. Aber sie ehrten 
einander von Herzen. 

ALCESTE. Glaubst du wohl, wenn deine Mutter in Todsgefahr gewesen 
wäre und dein Vater hätte für sie mit seinem Leben bezahlt, daß sie's 
mit Dank angenommen hätte? 


MÄDCHEN. Ganz gewiß. 

ALCESTE. Und wechselsweise, Wieland, ebenso, da habt Ihr 
Euripidens Alceste. 

ADMET. Die Eurige wäre denn für Kinder, die andere für ehrliche 
Leute, die schon ein bis zwei Weiber begraben haben. Daß Ihr nun mit 
Eurem Auditorio sympathisiert, ist nötig und billig. 

WIELAND. Laßt mich, Ihr seid widersinnige rohe Leute, mit denen ich 
nichts gemein habe. 

EURIPIDES. Erst höre mich noch ein paar Worte. 

WIELAND. Mach's kurz. 

EURIPIDES. Keine fünf Briefe, aber Stoff dazu. Das, worauf Ihr Euch 
soviel zugute tut, ein Theaterstück so zu lenken und zu runden, daß es 
sich sehen lassen darf, ist ein Talent, ja, aber ein sehr geringes. 

WIELAND. Ihr kennt die Mühe nicht, die's kostet. 

EURIPIDES. Du hast ja genug davon vorgeprahlt, daß alles, wenn 
man's bei Licht besieht, nichts ist als eine Fähigkeit, nach Sitten und 
Theaterkonventionen und nach und nach aufgeflickten Statuten Natur 
und Wahrheit zu verschneiden und einzugleichen. 

WIELAND. Ihr werdet mich das nicht überreden. 

EURIPIDES. So genieße deines Ruhms unter den Deinigen und laß uns 
in Ruh. 


ADMET. Begib dich zur Gelassenheit, Euripides! Die Stellen, an denen 
er deiner spottet, sind so viel Flecken, mit denen er sein eigen Gewand 
beschmitzt. Wär er klug und er könnte sie und die Noten zum 
Shakespeare mit Blut abkaufen, er würde es tun. So stellt er sich dar 
und bekennt: da hab ich nichts gefühlt. 

EURIPIDES. Nichts gefühlt bei meinem Prolog, der ein Meisterstück 
ist. Ich darf wohl von meiner Arbeit so reden, tust du's ja. Du fühlst 
nichts, da du in den gastoffnen Hof Admetens trittst. 

ALCESTE. Er hat keinen Sinn für Gastfreiheit, hörst du ja. 

EURIPIDES. Und auf der Schwelle begegnet dir Apollo, die freundliche 
Gottheit des Hauses, die, ganz voll Liebe zum Admet, ihn erst dem Tod 
entreißt und nun, o Jammer! sein bestes Weib für ihn dahingegeben 
sieht. Er kann nichts weiter retten und entfernt sich wehmütig, daß 
nicht die Gemeinschaft mit Toten seine Reinigkeit beflecke. Da tritt 
herein, schwarz gehüllt, das Schwert ihrer heimtückischen Macht in 
der Faust, die Königin der Toten, die Geleiterin zum Orkus, das 
unerbittliche Schicksal, und schilt auf die gütig verweilende Gottheit, 
droht schon der Alceste, und Apoll verläßt das Haus und uns. Und wir 
mit dem verlassenen Chor seufzen: »Ach, daß Äskulap noch lebte, der 
Sohn Apollos, der die Kräuter kannte und jeden Balsam, sie würde 
gerettet werden; denn er erweckte die Toten; aber er ist erschlagen von 
Jupiters Blitz, der nicht duldete, daß jener weckte vom ewigen Schlaf, 
die in Staub gestreckt hatte nieder sein unerbittlicher Ratschluß.« 

ALCESTE. Bist du nicht ganz entrückt gewesen in die Phantasie der 
Menschen, die aus ihrer Väter Munde vernommen hatten von einem so 
wundertätigen Manne, dem Macht gegeben war über den allmächtigen 
Tod? Ist dir nicht da Wunsch, Hoffnung, Glauben aufgegangen: käme 
einer aus diesem Geschlechte! käme der Halbgott seinen Brüdern zu 
Hülfe! 

EURIPIDES. Und da er nun kommt, nun Herkules auftritt und ruft: 
»Sie ist tot! tot! Hast sie weggeführt, schwarze gräßliche Geleiterin zum 
Orkus, hast mit deinem verzehrenden Schwerte abgeweihet ihre Haare. 
Ich bin Jupiters Sohn und traue mir Kraft zu über dich. An dem Grabe 
will ich dir auflauschen, wo du das Blut trinkst der abgeschlachteten 
Totenopfer, fassen will ich dich Todesgöttin, umknüpfen mit meinen 
Armen, die kein Sterblicher und kein Unsterblicher löset, und du sollst 
mir herausgeben das Weib, Admetens liebes Weib, oder ich bin nicht 
Jupiters Sohn.« 

HERKULES tritt auf. Was redt ihr von Jupiters Sohn? Ich bin Jupiters 
Sohn. 

ADMET. Haben wir dich in deinem Rauschschläfchen gestört? 

HERKULES. Was soll der Lärm? 

ALCESTE. Ei da ist der Wieland. 

HERKULES. Ei wo? 

ADMET. Da steht er. 

HERKULES. Der! Nun der ist klein genug. Hab ich mir ihn doch so 
vorgestellt. Seid Ihr der Mann, der den Herkules immer im Munde 
führt? 


WIELAND. Ich habe nichts mit Euch zu schaffen, Koloß. 

HERKULES. Bin ich dir als Zwerg erschienen? 

WIELAND. Als wohlgestalter Mann mittlerer Größe tritt mein 
Herkules auf. 

HERKULES. Mittlerer Größe! Ich! 

WIELAND. Wenn Ihr der Herkules seid, so seid Ihr's nicht gemeint. 

HERKULES. Es ist mein Name, und auf den bin ich stolz. Ich weiß 
wohl, wenn ein Fratze keinen Schildhalter unter den Bären, Greifen 
und Schweinen finden kann, so nimmt er einen Herkules dazu. Denn 
meine Gottheit ist dir niemals im Traum erschienen. 

WIELAND. Ich gestehe, das ist der erste Traum, den ich so habe. 

HERKULES. So geh in dich, und bitte den Göttern ab deine Noten 
übern Homer, wo wir dir zu groß sind. Das glaub ich, zu groß! 

WIELAND. Wahrhaftig, Ihr seid ungeheuer. Ich hab mir Euch niemals 
so imaginiert. 

HERKULES. Was kann ich davor, daß Er so eine engbrüstige 
Imagination hat. Wer ist denn Sein Herkules, auf den Er sich soviel 
zugute tut? Und was will er? Für die Tugend! Was heißt die 
Devise? Hast du die Tugend gesehn, Wieland? Ich bin doch auch in der 
Welt herumgekommen, und ist mir nichts so begegnet. 

WIELAND. Die Tugend, für die mein Herkules alles tut, alles wagt, Ihr 
kennt sie nicht! 


HERKULES. Tugend! Ich hab das Wort erst hier unten von ein paar 
albernen Kerls gehört, die keine Rechenschaft davon zu geben wußten. 

WIELAND. Ich bin's ebensowenig imstande. Doch laßt uns darüber 
keine Worte verderben. Ich wollte, Ihr hättet meine Gedichte gelesen, 
und Ihr würdet finden, daß ich selbst die Tugend wenig achte. Sie ist 
ein zweideutiges Ding. 

HERKULES. Ein Unding ist sie wie alle Phantasie, die mit dem Gang 
der Welt nicht bestehen kann. Eure Tugend kommt mir vor wie ein 
Zentaur; solang der vor Eurer Imagination herumtrabt, wie herrlich, 
wie kräftig! und wenn der Bildhauer Euch ihn hinstellt, welch 
übermenschliche Form! – Anatomiert ihn und findet vier Lungen, zwei 
Herzen, zwei Mägen. Er stirbt im Augenblicke der Geburt wie ein 
andres Mißgeschöpf oder ist nie außer Eurem Kopf erzeugt worden. 

WIELAND. Tugend muß doch was sein, sie muß wo sein. 

HERKULES. Bei meines Vaters ewigem Bart! Wer hat daran 
gezweifelt? Und mich dünkt, bei uns wohnte sie, Halbgöttern und 
Helden. Meinst du, wir lebten wie das Vieh, weil eure Bürger sich vor 
den Faustrechtszeiten kreuzigen? Wir hatten die bravsten Kerls unter 
uns. 

WIELAND. Was nennt Ihr brave Kerls? 

HERKULES. Einen, der mitteilt, was er hat. Und der reichste ist der 
bravste. Hatte einer Überfluß an Kräften, so prügelte er die andern aus. 
Und versteht sich, ein rechter Mann gibt sich nie mit geringern ab, nur 
mit seinesgleichen, auch größern wohl. Hatte einer denn Überfluß an 
Säften, machte er den Weibern soviel Kinder, als sie begehrten, auch 
wohl ungebeten. Wie ich denn selbst in einer Nacht funfzig Buben 
ausgearbeitet habe. Fehlt' es einem denn an beiden und der Himmel 
hatte ihm, oder auch wohl dazu, Erb und Hab vor Tausenden gegeben, 
eröffnete er seine Türen und hieß Tausende willkommen, mit ihm zu 
genießen. Und da steht Admet, der wohl der bravste in diesem Stücke 
genannt werden kann. 

WIELAND. Das meiste davon wird zu unsern Zeiten für Laster 
gerechnet. 

HERKULES. Laster, das ist wieder ein schönes Wort. Dadurch wird 
eben alles so halb bei euch, daß ihr euch Tugend und Laster als zwei 
Extrema vorstellt, zwischen denen ihr schwankt. Anstatt euern 
Mittelzustand als den positiven anzusehn und den besten, wie's eure 
Bauern und Knechte und Mägde noch tun. 

WIELAND. Wenn Ihr diese Gesinnungen in meinem Jahrhunderte 
merken ließet, man würde Euch steinigen. Haben sie mich wegen 
meiner kleinen Angriffe an Tugend und Religion so entsetzlich 
verketzert. 

HERKULES. Was ist da viel anzugreifen? Die Pferde, Menschenfresser 
und Drachen, mit denen hab ich's aufgenommen, mit Wolken niemals, 
sie wollten eine Gestalt haben, wie sie mochten. Die überläßt ein 
gescheiter Mann dem Winde, der sie zusammengeführt hat, wieder zu 
verwehen. 

WIELAND. Ihr seid ein Unmensch! ein Gotteslästrer. 


HERKULES. Will dir das nicht in Kopf? Aber des Prodikus Herkules, 
das ist dein Mann. Eines Schulmeisters Herkules. Ein unbärtiger Sylvio 
am Scheideweg. Wären mir die Weiber begegnet, siehst du, eine unter 
den Arm, eine unter den, und alle beide hätten mit fortgemußt. Darin 
ist dein Amadis kein Narr, ich laß dir Gerechtigkeit widerfahren. 

WIELAND. Kenntet Ihr meine Gesinnungen, Ihr würdet noch anders 
denken. 

HERKULES. Ich weiß genug. Hättest du nicht zu lang unter der 
Knechtschaft deiner Religion und Sittenlehre geseufzt, es hätte noch 
was aus dir werden können. Denn jetzt hängen dir immer noch die 
scheelen Ideale an. Kannst nicht verdauen, daß ein Halbgott sich 
betrinkt und ein Flegel ist, seiner Gottheit ohnbeschadet. Und wunder 
meinst, wie du einen Kerl prostituiert hättest, wenn du ihn untern 
Tisch oder zum Mädel auf die Streu bringst. Weil Eure Hochwürden 
das nicht Wort haben wollen. 

WIELAND. Ich empfehle mich. 

HERKULES. Du möchtest aufwachen. Noch ein Wort. Was soll ich von 
eines Menschen Verstand denken, der in seinem vierzigsten Jahr ein 
groß Werks und Wesens draus machen kann und fünf, sechs Bücher 
vollschreiben, davon, daß ein Maidel mit kaltem Blut kann bei drei, vier 
Kerls liegen und sie eben in der Reihe herum liebhaben. Und daß die 
Kerls sich drüber beleidigt finden und doch wieder anbeißen. Ich sehe 
gar nicht – 


PLUTO inwendig. He! Ho! Was für ein verfluchter Lärm da draußen. 
Herkules, dich hört man überall vor. Kann man denn nicht einmal 
ruhig liegen bei seinem Weibe, wenn sie nichts dagegen hat. 

HERKULES. So gehabt Euch wohl, Herr Hofrat. 

WIELAND erwachend. Sie reden, was sie wollen: mögen sie doch 
reden, was kümmert's mich. 



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt







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