> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 2.Kapitel

2019-07-17

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung (Urmeister): 3. Buch 2.Kapitel



Dritttes Buch
Zweites Kapitel

Nach einigen Tagereisen kam die Gesellschaft in eine mittelmäßige Stadt, wo ihre Verbindung aufhörte, ihr Fuhrmann wieder zurückging, wo sie ausruhen und ihre Geschäfte betreiben wollten.

Wilhelm gab seine Empfehlungsschreiben ab und mahnte mit ungleichem Erfolge mehrere Personen seines Verzeichnisses. Einige zahlten, einige entschuldigten sich, andere nahmen’s übel, andere leugneten. Nach seinem Auftrag sollte er gewisse Herrn verklagen, er mußte deswegen einen Advokaten aufsuchen und denselben instruieren. Diese Arbeit lag ihm so sauer auf, als man es sich nur denken kann, doch war er gewissenhaft und wollte es gerne recht machen.

Die Gesellschaft, in die er gezogen wurde, unterhielt ihn nicht besser. Gute Leute, die sechs Tage der Woche ordentlich hingingen, sich des Sonntags was Rechts zugute taten und außerdem jeden Abend mit Billard oder Lomber in einem geschloßnen Kränzchen zubrachten! Dies waren auch die Feierlichkeiten, womit sie ihn bewirteten, und man kann sagen, daß sie ihr Bestes dabei taten, ohne einen Augenblick zu zweifeln, ob ihr Gast sich ebensosehr in ihrer Gesellschaft als sie sich in der seinigen vergnügten. In seinem Wirtshause gefiel es ihm noch am besten, denn da ging es lustig zu und gab allerlei Veränderungen, die ihn interessierten. Eine große Gesellschaft von Seiltänzern, Springern, Gauklern, die einen starken Mann bei sich hatten, waren mit einer großen Anzahl Weiber und Kinder eingezogen und machten, indem sie sich auf eine öffentliche Erscheinung bereiteten, einen Unfug über den andern. Bald stritten sie sich mit dem Wirte, bald unter sich selbst, und wenn ihr Zank unleidlich war, so war das Bezeigen ihres Vergnügens ganz und gar unerträglich. Auf dem Markte sah er ein weitläufiges Gerüste aufgeschlagen, die Schwingbretter angebracht, die Pfosten zu dem Schlappseile befestigt und die Böcke zu dem straffen Seile zurechtegestellt. Den andern Morgen ging der Zug fort, durch den die Stadt von dem Schauspiele benachrichtigt werden sollte, das man ihr bereitete. Vorauf ein Tambour und der Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine Tänzerin auf einem ähnlichen Gerippe mit einem Kinde vor sich, wohl mit Bändern und mit Flintern herausgeputzt, darauf Paar und Paar die übrige Truppe zu Füße, die Kinder in abenteuerlichen Stellungen auf ihren Schultern. Palliasso lief unter der andrängenden Menge drollig hin und her und teilte mit sehr begreiflichen Späßen, indem er bald ein Mädchen küßte, bald einen Knaben pritschte, seine Zettel aus und erweckte unter dem Volke eine unüberwindliche Begierde, ihn diesen Abend näher kennenzulernen. In den gedruckten Anzeigen waren die mannigfaltigen Künste der Gesellschaft, besonders eines Monsieur Narziß und einer Mademoiselle Landerinette herausgestrichen, welche beide als die Hauptpersonen des Stückes die Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu enthalten, sich dadurch ein vornehmeres Ansehen au geben und größere Neugier zu erwecken. Der Abend kam herbei, Wilhelm wurde in ein Haus geführt, wo große Gesellschaft versammelt war, und um die angezeigte Stunde füllte sich bald der Platz mit Volk und die Fenster mit Leuten einiger Art.

Palliaß bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten, worüber die Zuschauer immer zu lachen pflegen, zur Aufmerksamkeit und zur guten Laune vor. Einige Kinder mit seltsamen Verrenkungen erregten bald Verwunderung, bald Grausen, bald Mitleiden, weit mehr Vergnügen aber der Anblick, wenn die rüstigen Springer bald hintereinander, bald alle zusammen vorwärts und rückwärts sich in der Luft überschlugen. Ein lautes Händeklatschen und Jauchzen erscholl aus der ganzen Versammlung. Nun wurde die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand gewendet, die Kinder eins nach dem andern mußten das Seil betreten, die ungeschicktesten zuerst, damit die Zeit ausgedehnet und die Schwierigkeit der Kunst sichtbar würde. Es zeigten sich auch einige von den Springern und eine erwachsene Frauensperson mit ziemlicher Geschicklichkeit; allein es war noch nicht Monsieur Narziß, noch nicht Mademoiselle Landerinette. Endlich traten auch diese aus einer Art von Zelt ausgespannter roter Vorhänge hervor und erfüllten durch ihre angenehme Gestalt und zierlichen Putz die bisher glücklich genährte Hoffnung der Zuschauer. Er, ein leichtes, munteres Bürschchen von mittlerer Größe, schwarzen Augen und sehr vielen Haaren, sie nicht weniger niedlich, doch stark gebildet, wechselten sich auf einem Seile mit leichten Bewegungen, kühnen Sprüngen und seltsamen Posituren ab. Ihre Leichtigkeit, seine Verwegenheit, die Präzision, womit beide ihre Kunststücke ausführten, erhöhete mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen.

Der Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinende Bemühung der andern um sie gab ihnen das Ansehen als Herrn und Meister der ganzen Truppe, eines Ranges, dessen sie jeder wert halten mußte. Die Begeisterung teilte sich vom Volke den Zuschauern in den Fenstern mit, die Damens sahen nach Narzissen, die Herren nach Landerinetten, das Volk jauchzte, und das feinere Publikum enthielt sich nicht des Klatschens, kaum daß man noch über Palliassen lachte. Die Freude und der Zauber ward so groß, daß jeder vergaß sich wegzuschleichen, als einige von der Truppe, um Geld zu sammeln, sich mit zinnernen Tellern durch die Menge drängten. "Sie haben ihre Sache gut gemacht", sagte Wilhelm zu seinem Reisegefährten, der bei ihm am Fenster stund. "Mitunter", versetzte der andre, "das Mädchen ist ein wackeres, frisches Ding." – "Sie haben alles gut gemacht", sagte Wilhelm; "ich bewundre ihren Verstand, womit sie auch geringe Kunststückchen, nach und nach zur rechten Zeit angebracht, geltend m machen wußten, wie sie von den einfachsten, ja sogar von den Ungeschicklichkeiten ihrer Kinder anfingen und bis zu den zusammengesetztesten, künstlichsten ihrer Virtuosen fortfuhren." Der Gefährte war nicht Wilhelms Meinung, sondern versicherte vielmehr, es sei unerträgliches, langweiliges Zeug von Kleinigkeiten, die zu nichts nützten, als die Zeit zu verderben. "Sie hätten ihre guten Kunststücke nacheinander weg machen sollen, so wäre in einer Viertelstunde die Sache abgetan gewesen." – "Glauben Sie denn", versetzte Wilhelm, "daß das Publikum und die Leute dabei ihren Vorteil finden? Ist’s nicht einem jeden darum zu tun, eine Zeitlang abwechselnd unterhalten zu werden, und diesen, ihre Kunststücke in dem vorteilhaftesten Lichte zu zeigen?" – "Es ist ein Schlendrian und Handwerksgebrauch, ich habe es noch bei allen so gesehen." – "Es sei dem, wie ihm wolle", sagte Wilhelm, "so hat die Natur und die Erfahrung sie die besten Regeln gelehrt, und wenn sie die einigen Tage, die sie hier bleiben, immer so stufenweise fortfahren und heben, wie ich überzeugt bin, ihre besten Stücke zuletzt auf, so müssen sie eine große Wirkung tun und viel Geld gewinnen, welchen Geist und welchen Geschmack ich manchem Schriftsteller wünschte." Der Fremde, dem mit solchen abstrakten Gesprächen nicht gedient war, fing an, die Reize Landerinettens durchzugehen, indes Wilhelm ihre Kunstfähigkeiten bestimmt auseinandersetzte.

Wilhelm hatte ganz recht gemutmaßet, denn den zweiten Tag war ihre ganze Kunst im Steigen. Die Anfänge, wenn ich so sagen darf, ließen sie ganz weg, doch ging alles in derselben Ordnung wie den vorigen Tag, sie machten einige neue, kompliziertere und gefährlicher scheinende Kunststücke mehr, die Späße des Palliaß waren dieselbigen, nur schienen sie immer mehr Wirkung zu tun, je mehr sie wiederholt wurden. Und wie uns ein denkender Mann gesagt, daß Übelstand ohne Schmerz, Größe ohne Stärke tiefe Quellen des Lächerlichen sind, so kann man hinzusetzen, daß vorsätzliche Ungeschicklichkeit, Ungeschicktes mit verborgener Kraft einen höchst komischen und angenehmen Eindruck machen.

Ebenso schnell stieg auch der Enthusiasmus für Herrn Narziß und Mamsell Landerinette, das Jauchzen, das Klatschen, das Bravorufen ward allgemein und immer allgemeiner, die Beutel taten sich auf, und die Einnahme war ansehnlich. Ein Fremder, der mit am Fenster war, bedaurte, daß ein gewisses Kind nicht mehr bei der Truppe sei, das verschiedene Kunststücke mit großer Geschicklichkeit und besonders den Eiertanz so schön, als er ihn niemals gesehen, ausgeführt hätte. Die Künstler verließen, da es Nacht werden wollte, das Gerüste und wurden von dem zudringenden Volke im Triumphe nach Hause gebracht.

Den dritten Tag, da die Anzahl der Menschen durch den Zulauf aus den benachbarten Ortschaften außerordentlich zugenommen hatte, rollte sich auch der Schneeball des Beifalls immer größer. Der Sprung über die Degen, durch das Faß mit den papiernen Böden, und was alles dazu gehört, brachte die Menge außer sich. Der starke Mann ließ zum allgemeinen Grausen, Entsetzen und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopfe und den Füßen auf ein paar auseinandergeschobne Stühle legte, auf den hohlschwebenden Leib einen Amboß stellen und darauf von drei wackeren Schmiedegesellen ein Hufeisen fertig schmieden.

Die sogenannte Herkulesstärke, wo eine Reihe Männer sich andern auf die Schultern stellen und diesen wieder andre, so daß es zuletzt eine lebendige Pyramide wird, die ein Kind, auf dem Kopf stehend, gleichsam als ein Knopf und Wetterfahne schließt, war noch nie in diesen Gegenden gesehen worden und endigte würdig das ganze Schauspiel. Herr Narziß und Mamsell Landerinette ließen sich in Tragesesseln auf den Schultern der übrigen durch die vornehmsten Straßen der Stadt unter dem lauten Freudengeschreie des Volkes tragen. Man warf ihnen Bänder, Blumensträuße und seidene Schnupftücher zu und drängte sich, sie recht in das Gesicht zu fassen. Jedermann schien glücklich, sie anzusehen und von ihnen eines Anblickes gewürdiget zu werden.

Welcher Schriftsteller, welcher Schauspieler würde nicht glücklich sein, wenn er einen solchen allgemeinen Eindruck erregte, welche köstliche Empfindung müßte das werden, wenn man gute, edle, der Menschheit würdige Gefühle ebenso allgemein durch einen elektrischen Schlag ausbreiten und ein solches Entzücken dadurch unter den Menschen erregen könnte, wie diese Leute es durch ihre sichtbaren Stücke getan haben; wenn man dem Volke oder den Besten daraus das Mitgefühl alles Menschlichen geben und sie mit der Vorstellung des Glückes und Unglückes, der Weisheit und Torheit, des Unsinnes und der Albernheit entzünden und erschüttern und ihr stockendes Innere in Bewegung setzen könnte! Dann möchte vielleicht das vorgehen, was der alte Philosoph von dem Trauerspiele verspricht, daß es die Leidenschaften reinige. Mit solchen Gedanken unterhielt sich Wilhelm, als er nach Hause ging, nachdem er sich in der ganzen Gesellschaft vergebens nach einem Menschen umgesehen hatte, dem er diese Betrachtungen hätte mitteilen können.
Eckermann: Gespräche mit Goethe


Dichtung und Wahrheit

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