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2019-08-29

Johann W. Goethe: Fragmente- Der Löwenstuhl (3)



Der Löwenstuhl

ERSTER AKT

Abgeordneter. Burgvogt.
 (1)
ABGEORDNETER.
Der großen Riegelschlösser mächtige Bändiger,
Die ehrnen Schlüssel, händiget sogleich mir ein,
Nachdem ihr dieser Pforten krachendes Gewicht
Auf seinen rostenden Angeln kräftig umgewandt,
Laßt mich den langverschloßnen Heldenraum zuerst
Ernsthaft begrüßen, dessen Glanz ich nie gesehn,
Siegprangend sendet königliche Macht mich her,
Besitz zu nehmen dieser seit geraumer Zeit
Verlaßnen Burg und wieder alsbald den Besitz
Zu verleihn dem würdigen Führer seiner Heereskraft,
Der seines Dieners graugelocktes Haupt gesandt,
Die königliche Gabe dankbar zu empfahn.
BURGVOGT.
Vom edlen Grafen, meinem Herrn, hierher gesandt,
Verehr ich dich, des Königs Abgeordneten.
(2)
BURGVOGT (allein).
Nicht lange wirst du, altes unbewohntes Schloß,
Entbehren deines jahrelang vermißten Schmucks;
Denn neuer Herrschaft bist du durch des Königs Gunst
Nun untergeben, die dich köstlich schmücken wird.
Maultier und Saumroß treten schon mit schwerem Tritt
Den Berg heran, und viel Gepäcke bringen sie.
(3)
Burgvogt. Hausgesinde.
(4)
Burgvogt. Ritter.

RITTER.
Hebe, Ruhender, dich vom Stuhl auf!
Deines Herrn Wort bring ich schnell.
Auf! und säume nicht, allen Hausrat
Aufzustellen nach Gebühr,
Denn der Herr kommt, und die Frau auch.
(5)
Ritter. Gefolge.
[6.]
Graf. Gräfin. Nachher Burgvogt.

BURGVOGT.
Schon ist dein Wille, mein Gebieter, ausgeführt:
Im weiten Schloßraum deiner Schätze Herrlichkeit
Besitzergreifend, ausgebreitet, aufgestellt.
Der bunte Teppich kündet von den Wänden schon
Der Väter Taten, alter Fürsten Gnadenblick,
Und von dem Schenktisch blinket goldener Pokal,
Vergangner Lust Erinnerung, Erneuerung.
Fürs andre sorgen gleichen Fleißes andre schon;
Was mir zu leisten oblag, Herr, es ist getan.
GRAF.
Gebührend Lob entgehe nicht dem Tätigen,
Besonders wenn das Alter ihn zur Ruhe schon
Und stiller Feier später Zeit berechtigte.
Doch unerträglich bleibt es dem Gebietenden,
Wenn, kühn sich stützend auf ein früheres Verdienst,
Ein alter Diener Widersetzlichkeiten wagt,
In seines Herren Burgbezirk den Herren spielt
Und wiederholt Verbotnes ungebührlich treibt.
Dies nicht zu dulden, ist des Herren Recht und Pflicht.
Der ganz allein gebieten und verbieten soll.
Als war der Mönche, Bettler nährende Küche hier.
(7)
Gräfin. Burgvogt.

BURGVOGT.
So geht er hin und läßt mich hier beschämt zurück,
Gleich einem Knaben, überrascht verloren stehn,
Hier an den Boden angefesselt. Jene ziehn,
Die Jagdgenossen, schadenfroh an mir vorbei.
So wenig Schonung kann der alte Diener sich
Getrösten, der sein Leben seinem Herrn geweiht.
Der Obre klagt, daß er sich keinen Dank erwirbt
Für manche Wohltat; ebendieses klag ich auch,
Der Untern einer. Wüßte der Befehlende,
Wie manchen Schritt, wie mannigfachen Händegriff
Ein einzig Wort, das seinen Lippen leicht entfliegt,
Den Diener kostet, der den Willen leisten soll
Und leistend jeglichen Genuß des Tags entbehrt,
Fürwahr ein so durchbrachtes Leben machte doch
Des Danks, der Schonung wert ein graues Haupt.
GRÄFIN. 
Dergleichen Rede wage nicht vor meinem Ohr!
Sie ziemt der Diener keinen, dich am wenigsten,
Dich alt und grau gewordnen unterm Schutz des Herrn,
Der heute dich gescholten im Vorübergehn.
Wer bist du denn? daß du mit ihm zu rechten wagst,
Ihm, der euch alle nähret, aufrecht hält und schütztl
Und, wenn ihr in den Burgen den bequemen Tag
Aus wohldurchruhter Nächte Hand empfangt,
Im Felde sich Gefahren kühnlich bloßgestellt
Und so im Rate sorgenvolle Zeit vollbracht,
Was ihr verzehrtet, erst erwarb und immer mehr,
Damit ihr immer zehren könnt, erworben hat.
Bedenke dies und in bescheidner Niedrigkeit
Laß diese Zornflut brausend über dich ergehn.
Sie ebbet wieder und befruchtet nach und nach
Des stillen, erst mit Macht bespülten Landes Grund.
Drum geh und sende jenes Mannes greises Haupt,
Das den Gemahl zum Zorn gereizt, nicht leer, doch bald
Aus dem Bezirk, wo nun der Graf allein befiehlt,
Seit ihm der König diesen Burgpalast verliehn,
Und leiste weiter, was wir sonst von dir gewohnt.
(8.)
GRÄFIN (allein).
(Er geht, gebeugt von seines Herren Zorn, hinweg,
Und fremde Schuld belastet ihn.
Auf mich gerichtet stürmte jenes Wort einher.)

Der Schönheit wie der Neigung Wert verliert sich bald,
Allein der Wert des Goldes bleibt.

Die Neigung treibt den jungen Mann zur Schönheit hi
Doch Habe freut den älteren.
(9)

Gräfin. Sohn.

SOHN. 
Liebe Mutter! in dem neuen,
Erst betretenen Palaste
Deinen vielgeliebten Kindern
O! gewähr ein großes Fest.
GRÄFIN. 
Schaffet euch die Feste, Kinderl
Selbst nach Herzenslust und Willkür.
In des Schlosses weiten Hallen
Spielt und freuet euch des Raums.
SOHN.
Solcher Freuden, die vergönnt sind
Ohne Fragen, ohne Bitten,
Wissen wir wohl zu genießen;
Doch ein andres wünschen wir.
GRÄFIN.
Sage, Kleiner, was verlangst du?
Aber schnell! Denn viel zu schaffen
Gibt mir unsres Königs Ankunft,
Seiner Gnaden Ungeduld.
SOHN. 
Draußen harret auf dem Schloßplatz
Eines hochbetagten Mannes
Hilfsbedürftge, kummergraue,
Schlechtbekleidete Gestalt.
GRÄFIN.
Schon bedacht ist sein Bedürfnis,
Schon versorget ihn der Burgvogt.
Speis und Trank und milde Gaben
Trägt er gleich mit sich davon.
SOHN. 
Andre Wünsche noch im Herzen,
Leichtbefriedigte, bewegt er.
Schöne Märchen erst erzählt' er,
Brachte dann die Bitten an.
GRÄFIN. 
Rede denn; doch rede schleunig!
SOHN.
Eh ich—so begann der Alte—
Berg hinab durch Wald und Felsen
Und der Täler Grausen wandle,
O verschafft mir des Palastes
Innern Anblick, daß ich Bilder
Edlen Menschenwerks im Geiste
Still erbaut von hinnen trage.
Also sprach er, wie ich spreche,
Und so bat er, wie ich bitte.
Mutter! gönn ihm diese Gabe,
Diesen Trost des einzgen Blicks.

(10.)
Greis. Kinder.

KINDER.
Einführung.
GREIS. 
Dich mildgebornes junges Paar
Segn ich, segn ich, lege die Hände euch auf,
Daß ihr solcher edlen Wohnung festlichen Anblick
Gönnen möget dem trüberen Blick.
Welch Gefühl ergreift den lange Schweifenden,
Diesen Ort erblickend.
Anrede ans Haus. Preis dem Bauenden. Glückes Gefühl.
Daurender Zustand usw. (Monostrophisch.)
KINDER.
Ob er schon hier gewesen. Den alten Besitzer gekannt.
GREIS. Bejaht es.
KINDER.
Soll ihnen erzählen! sich setzen auf den Löwenstuhl.
GREIS.
Beugt seine Knie davor.
KINDER. 
Bringen einen Feldstuhl.
GREIS. Setzt sich und erzählt die Geschichte des Löwensessels.
(Eddas Rhythmen.)
Wie der Fels vom Gebirgshaupt
Ab sich löst, unversehns
Herabstürzt, schmettert
Wälder durch, Wohnungen durch,
Reißt, rafft fallend schwere Scherben (? Schollen?),
So vom Herzen reißt sich die Wut los,
Gäh hinab stürzt sie
Über . . .

Jeder Genosse, jeglicher Fremde
Flüchtet sich her vor dem Zorne des Herrn.
Mitten im Hause, mitten in der Burg,
Wo er herrscht' unumschränkt,
Setzte den Stuhl, den Freistuhl
Hier der gerechte,
Hier der besonnene Fürst.
KINDER.
Freuen sich der Gerechtigkeit. Wo er hinkommen.
GREIS. 
Vorige Zeit. Wichtige, eh ihr geboren wart. Tiefe
des Zustandes vorher. Entstehung des Kriegs. Usurpator
Vertagung der Treuen. Widerstand. Flucht mit einer Tochter.
KINDER.
Mehr zu hören!
GREIS. 
Abschied.

Wandr ich abwärts
Mit dem Waldstrom
Durch die Felskluft.

(11)
Vorige. Burgvogt.

BURGVOGT.
Eilig, eilig weg von hinnen!
Nur kein Zaudern, kein Besinnen!
Ja. er hat es uns geschworen,
Alle sind wir nun verloren.
GREIS.
Nein, ich will [mich] nicht verbergen!
Laßt sie kommen, seine Schergen!
Laßt ihn toben, laßt ihn wüten!

(12)
Vorige. Graf. Gefolge.
GRAF. 
Tretet her, folget all dem Gebote des Herrn
Ergreift mir des Manns unfestliches Bild!
Fasset an! Hier walte Befehl und Gewalt!
Kein Schwächlicher soll sich dem Dienst entziehn!

Der Alte, der glaubt, daß er zu Gericht geführt wird."

B. Als Oper

Massives weitläufiges Erdgeschoss eines großen Palastes

PROLOG.

(Tanz von Dämonen, leise, fledermausartig. Pauken- und
Trompetenschall außen.)

DÄMON (erwacht, tritt hervor und prologisiert).

(Erster Akt)
(1)
Abgeordneter. Schaffner. Chor.

Eintritt mit Chor. Erstaunen über die Leere. Übergabe
der Schlüssel. Exposition. Neues Chor beim Einbringen
der Meubles, Teppiche usw. Exposition des Löwenstuhls.

(CHOR.)
Denn die Treue
Legt der Ehre
Noch der Güter
Fülle zu.

(2)
Schaffner.
Exposition der Großheit, doch Gewaltsamkeit des Herrn.

(3)
Schaffner. Dazu Herzogin. Tochter, nachher Söhne.

Weitere Exposition. Herzogin empfiehlt dem Schaffner
Mildtätigkeit gegen die Armen. Arie, übergehend ins Duett
mit der Tochter, ins Terzett mit dem Schaffner. Die zwei
Söhne treten ein. Neugierde nach dem Löwensaal. Ab
mit dem Schaffner.

(4)
Herzogin . Tochter.

Exposition der Abneigung gegen den Ehstand. Projekt
zur Heirat mit dem König.

(5)
Die Vorigen. Der Herzog.

(6)
Die Vorigen Der König. Alle Chöre.

Zweiter Akt

Burgplatz und Garten, das Letztere mehr als als das Erstere

TOCHTER
(allein). 
Allgemeiner Ausdruck eines geheimen schmerzlichen Verhältnisses.

Sollt nach Tagen und nach Jahren
Das Geheimnis zu erfahren

Ach, der König! unter Großen
Er der Größte, wird verstoßen
Seine Gattin, seinen Sohn.

(2)
Tochter. König

KÖNIG. 
Ja, du sollst die Meine werden,
Ja, die Meine bist du schon.
Teile den Genuß der Erden,
Meine Länder, meinen Thron.

Ja, es wird entschieden werden,
Die Entdeckung naht sich schon.
Deine Wälder, deine Herden,
Deine Güter, deinen Thron.

Sie entdeckt die Abkunft der Mutter.

TOCHTER.
Und man erzählt sich,
Sie sei die Tochter
Des größten Fürsten,
Des Überwundnen,
In wildem Kriege
Geraubt, erbeutet,
Zu neuem Kriege,
Zu wildem Siege
Anlaß bereitet.
Es ist ein Märchen.
Sie war des Armen,
Des Bettlers Kind.
KÖNIG. 
Es ist nicht möglich. Gestalten
Von hoher Würde,
Ja, sie entfalten
Erhabner Ahnen
Erneutes Bild.
TOCHTER. 
Nur allzu wahr ists.
Am Scheidewege
Fand er den Alten,
Der ihm die Tochter
Bedenklich traute.
KÖNIG. 
Nur ein verstellter ....
(3.)
Die Vorigen. Herzog.
(4)
Alle. Jagdchöre. [König ab. Herzog nach.]
(5)
Der Herzog (entrüstet zurück).
Herzog. Herzogin. Tochtcr. Kinder. Schaffner. Jagdchöre.
SCHAFFNER.
 Mit dem Alten kann der Alte
Ganz allein barmherzig sein.
(CHOR.)
Und wir werden immer lachen,
Wenn du uns befehlen willst.
Sieh nur, sieh an diesen Sachen,
Was du bist und was du giltst.

Dritter Akt
(1)
Löwensaal

Chor der Frauen. Schaffner.

Bewunderung, fernere Exposition des Löwenstuhls.
(2)
Herzogin. Tochter.
Ermutigung.
(3)
Herzogin. Kinder.
(4)
Kinder. Alte.
DER ALTE.
Und er baute den Palast;
Ach, ein Gott, so schien er fast
DIE KINDER
Rede weiter
DER ALTE
Und die Schale war zerbrochen,
Und da lag der Knabe tot.
DIE KINDER
des jammervollen Zornes!
DER ALTE.
Und zwei goldne Löwen waren
Zeichen der Gerechtigkeit.
(5)
Die Vorigen. Schaffner
Der Alte soll sich verstecken; widersetzt sich.
(6)
Die Vorigen Der Herzog.
(7)
Die Vorigen. Herzogin. Tochter.
(8)
Die Vorigen. Der König.
(9)
Die Vorigen außer dem Herzog.
(10)
Schatz-undRüstkammer

Chor der Männer, die Waffen bewundernd. Chor der Frauen,
die Schätze bewundernd. Der Schaffner.
(11)
Die Vorigen. König. Herzog. Herzogin. Tochter. Kinder.

Schaffner übergibts dem Könige. König schenkts dem
Herzog. Eine Rüstung steigt empor und redet ein. Tritt
herunter. Entdeckung und Entwicklung. Die Rüstungen
werden lebendig.

Chöre
Königlicher Bedienten,
Herzoglicher Bedienten',
Gerüstete;
Frauen.




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