> Gedichte und Zitate für alle: Johann W. Goethe: Fragmente- DER TUGENDSPIEGEL (6)

2019-08-29

Johann W. Goethe: Fragmente- DER TUGENDSPIEGEL (6)





DER TUGENDSPIEGEL

ERSTER AUFFTRITT

Melly, Dodo, am Fuße eines Baumes sitzend. Nacht.

MELLY. Schweig von ihr!
DODO. Dir einen rechten Possen zu spielen, möcht ich
fast. Topp, laß es uns versuchen, und wenn wir nicht
gleich schlafen, wenn wir von ihr schweigen, so will ich
in meinem Leben kein Auge wieder zutun.
MELLY. Eben als wenn in der Welt sonst nichts zu reden
wäre.
DODO. Zu reden wohl, nur nicht für uns. Nelly ist seid
einem Jahre deine Hauptleidenschaft und unser Hauptgespräch,
alles andre, was uns in Sinn kommen konnte,
waren wie kleine Bächelchen, die am Ende doch in den
großen Fluß liefen. Als Kaufleute redeten wir zwar oft
von unserm Handel, das war wohl eins.
MELLY. Und von unsern Waren, zwei.
DODO. In meinem Lande gehören die Waren zum Handel.
Du schienst sie nicht dazu zu rechnen, man sahs aus
deinem Verschenken aus deiner Wirtschaft.
MELLY. Leider.
DODO. Aber Wahrheit behauptet ihr Recht. Es ist kein
Handel ohne Waren, dein Unglück—
MELLY. Freund, rede von deinem! Meins wäre mir erträglich,
hätt ich nicht deins dazugehäuft; deine Edelmut,
für mich gutzusagen —
DODO. Reut mich nicht.
MELLY. Da sie dich doch ins Verderben riß, da sie dich
mit mir zu fliehen zwang, dich nötigte, mein Elend zu
teilen,
DODO. Und mich auf diese Art glücklich machte.
MELLY. Edler Freund.
DODO. Nicht so edel, wie du denkst. Was brauchte es
Überwindung, mich mit dir zu verbannen, da ich entfernt
von dir mitten in meiner Vaterstadt verbannt gewesen
wäre.
MELLY. Du suchst mich zu entschuldigen, um mir verzeihen
zu können. Du kannsts, aber nie werde ich der
vergeben, die schuld an unserm Elende war.
DODO. Meinst du Nelly? Da ist sie wieder, sagt ichs
nicht. Und Nelly war an deinem Unglücke nicht schuld.
Diese Feste die du gabst, diese Bälle die du anstelltest—
MELLY. Stellte ich sie nicht für sie an, gab ich sie nicht
für sie? Ich erschöpfte mich, weil ich sie liebte.
DODO. Sage närrisch liebte, und du wirst recht haben.
Nelly liebte das Vergnügen und dich. Diese letzte Neigung
stets zu unterhalten, glaubtest du es notwendig, der
ersten beständige Nahrung zu geben. Darinne wars versehn,
du ruiniertest dich ohne Nutzen. Wie oft habe ich
sie beobachtet, wenn du von Liebe trunken sie nicht beobachten
konntest. Sie hatte ein gutes Herz. Der Gedanke,
dich zu verderben, vergiftete ihr oft den Genuß
des Aufwands, den du machtest.
MELLY. Warum litt sie ihn?
DODO. Anfangs aus Leichtsinn, Wollust und Stolz. Hernach
aus Gefälligkeit, und zuletzt aus Gewohnheit. Weniger
glänzende Vergnügen würden länger gedauert, sie
zufriedner und dich glücklicher gemacht haben.
MELLY. Du irrst. Lärmende Freude war ihr unentbehrlich.
DODO. Nachdem du sie unentbehrlich gemacht hattest.
Ein Liebhaber sollte gegen seine Geliebte so sparsam mit
Geschenken sein, als sie gegen ihn mit Gunstbezeugungen
sein soll. Man erweitert sich den Magen vom vielen
essen.



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