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2019-08-29

Johann W. Goethe: Fragmente- Die Mystifizierten (8)





Die Mystifizierten

PERSONEN

Der Abbe ( = Der Domherr).
Gesellschaft von Herren
Der Graf. und Damen.
Der Ritter. Zwei Hofjuweliere.
Courville (=Die Marquise). Kinder und Männer (in der ägyptischen Loge).
Ihre Nichte.


Erster Aufzug
Erster Auftritt

(Szenar: Soupe fin—Lied, Tutti. Arie. Abbt.)

Ein wohldekorierter und erleuchteter Saal. Eine Gesellschaft
an der Abendtafel. Sie scheinen am Dessert zu sein. Keine
Bediente sind im Zimmer.
Am dem rechten Ende des Tisches der Abbe, neben ihm zur
Rechten M. Courville, gegen dem Abbt über der Chevalier,
neben ihm ein Frauenzimmer und noch einige Herren und
Damen bis auf neune an der Tafel.

CHOR. O steiget hernieder,
Ihr lieblichen Götter,
O Venusl O Bacchus!
Und höret die Lieder
Der fröhlichen Schar!
Es wandlen die Grazien
Mit offenem Busen,
Es stehen die Musen
Um euren Altar.
(Der Abbate steht auf und geht bald auf dem vordem Teil
des Theaters hin und wider, bald bleibt er an der Seite stehen?)
COURVILLE. Es bringe noch Comus
Die leuchtende Kerze
Des Leichtsinns, der Scherze
Zu eurem Altar!
CHOR. O steiget hernieder
Und höret die Lieder
Der fröhlichen Schar.
DER RITTER. O gebt mir im Unglück
Ein selig Vergessen,
Ein kühnes Vermessen
Mir in der Gefahr.
CHOR. Ihr steiget hernieder
Und höret die Lieder
Um euren Altar.
DER ABBATE (an der vordern Seite).
Voll Hoffnung und Sorgen
Bewegt sich die Seele
wäre doch morgen
Der Tag schon vorbeil
(Die Gesellschaft hat auf ihn achtgehabt und sich über ihn
besprochen.)
CHOR. (Folgt freier Raumfür die nicht ausgeführten Verse.)

ABBE Und ebendiese Hoffnung, diese Nähe
Des höchsten Glücks treibt meinen Geist
In schmerzlicher Bewegung. Ach, zu warten,
Zu warten ist so schwer.
Am schwersten, wenn der Augenblick
Der lang ersehnten Freude naht.

Sieh, ein Chor von Amoretten!
Sie bereiten Rosenbetten,
Schlingen sanfte Blumenketten
Tändlend mir um Arm und Brust.

Es folgen im Original Manuscript 8 Verse die nur Bruchstückhaft erhalten sind

Alle kommen mir entgegen,
das Herz sich regen,
Und es machen mich die dreie (??)
Zum Meister der Weisen, zum Herrn der Welt.

Und in diesem Chor von Göttern (??)
Werd ich Sterblicher ein Gott (??).

(C0URV1LLE.) Der Graf von Rostro
Kann entweder die Geister bannen
Oder nicht.
Kann ers, so werden sie
Von einem Glase Wein,
Von einem Kuß sich nicht verscheuchen lassen;
Und kann ers nicht, so sind wir
Gradeso klug als wie zuvor.
Drum

Zweiter Auftritt

(Szenar: Dazu der Graf.—Arie, Graf. Tutti.)

CHOR. Vergib dem Frevel,
Verzeihe! Verzeihe!
Sieh unsre Tränen,
Sieh unsre Reue!
Wir liegen hier.
DER GRAF. Verwegne! Verdientet,
Daß ich euch knien ließe
Bis an den Jüngsten Tag,
Und daß ich aus der Tiefe
Die schlimmsten Geister riefe,
bände,
behende
Vor eurem Blick verschwände
Mit einem Donnerschlag!
(COURVILLE.) Ich weiß es, daß der Kerl ein Jauner ist,
Und dennoch kann er mich zu fürchten machen.

(Szenar der Fortsetzung: Die Frauen werden weggeschickt
—Geisterszene pr Courville, Arie.)

Dritter Auftritt

(Szenar: Der Graf Der Abbe". Ankündigung (??) des Groß-
Kophta.—Arie. Abbe)

Vierter Auftritt

(Szenar: Der Graf. Der Ritter 1. 2. Grad.—Ritter, Arie.)

DER GRAF. Ja, gehorche meinen Winken:
Nütze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein.
An des Glückes großer Wage
Steht die Zunge niemals ein;
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein.

Fünfter Auftritt

(Szenar: Der Graf, „Lasset Gelehrte!"—Arie, Graf)

DER GRAF. Lasset Gelehrte sich zanken und streiten,
Streng und bedenklich die Lehrer nur sein.
Alle die weisesten aller der Zeiten
Lächlen und winken und stimmen mit ein-
Und auf den Höhen der indischen Lüfte
Wie in den Tiefen ägyptischer Grüfte
Hab ich die heiligen Worte gehört.
Merlin der Alte im leuchtenden Grabe,
Wo ich als Jüngling gesprochen ihn habe.
Hat mich mit ähnlicher Antwort belehrt.
Törig! auf Beßrung der Toren zu harren!
Kinder der Klugheit habet die Narren
Eben zum (Narren) auch, wie sichs gehört,

Zweiter Aufzug
Erster Auftritt

Wohnung der Courville

(Szenar: Courville—Romanze)
,
|Zweiter Auftritt

Szenar: Darnach der Ritter

DER RITTER. Die Wunderwerke sind nur gar bequem
Um sich und andre zu betrügen.

Dritter Auftritt

Szenar: Darnach die Niece-Ariette

COURVILLE. Ich diene mir selber.
Ich helfe dir spielen [?]
und traue dir nicht.
NICHTE. Im Beichtstuhl hat es mir der Pater oft gesagt. Mit einem Kuß sei auch die Unschuld bin.

Ich werde ich Arme,
Mit Schanden bestehn,
Ich werd, ach, ich werde
Geister nicht sehn.

O schreckliche! O Schande,
Ohnmögliche Pflicht!
wenn ihr mich liebet,
fordert es nicht.

NICHTE Ja, ich gehorche,
Zitternd gehorch ich.
Stille! --Was hör ich?
Nein!- Es war nichts
Ist das die große Welt?

Heute zum erstenmal
Tret ich hinein,
Und es begegnen mir
Sorgen (??])und Pein.

Vierter Auftritt

(Szenar: (Courville) Die Nichte. Der Ritter.— Terzett.)

Fünfter Auftritt

Zimmer des Abbe

[Szenar: Abbt mit den Bildern.—Arioso. Rezit.]

In der Mitte ein Kamin, zu beiden Seiten das Porträt des
Fürsten und der Prinzessin, ganze Figuren in Lebensgröße.

DER ABBE (gegen das Bild der Prinzessin gekehrt)
Wenn ich mit heißen Tränen,
Wenn ich mit tausend Schmerzen
Den Fehler büßen kann,
So sieh! o sieh mein Sehnen,
So hör aus meinem Herzen

Die tiefen Seufzer an.

Sechster Auftritt

(Szenar: Abbt. Juweliere.)

Siebenter Auftritt

(Szenar: Abbt. Courville. Die Nichte.—Arie.)

COURVILLE. Ihr seht, es ist in meinen Händen
Die Handschrift der Prinzessin!
Ihr seid nun völlig überzeugt,
Die Fürstin will das Halsband haben.

ABBE Bring ihr, Freundin, die Juwelen,
Sage! Sag ihr, wie ich liebe.
Und verlangt sie stärkre Proben,
Dieses Leben wag ich dran.

Ich entsage meinem Stande,
Und in weit entferntem Lande,
Auf dem sturmbewegten Meere,
Greif ich Schiffe, greif ich Heere,
Greif ich Türk und Heiden an.

Geh! o geh!
Geh und sag ihr, wie ich liebe,
Geh und bring ihr die Juwelen,
Und verlangt sie stärkre Proben,
Biet ihr Leib und Leben an.

Sie wird mich beglücken!
Welch himmlisch Entzücken!
Schon seh ich im Geiste
Den Garten, die Wege,
Die nächtliche Laube, den . . . Ort.
Es faßt mich die Freude,
Sie reißt mich mit fort.

Achter Auftritt

(Szenar: Ägyptische Loge.)

DER GRAF (begleitet von sechs Kindern mit fliegenden
blonden Haaren und Kränzen auf dem Haupte, mit langen,
weißen Kleidern und Rauchfässern).
Ich eröffne diesen Tempel,
Diese Hallen, diese Grüfte!
Weihrauch reinige die Lüfte,
Die um diese Säulen wehn.
Holde Kinder! Zarte Sprossen,
Bleibet in dem Vorhof stehn.
Hier! hie! hier! hie!
Bleibet in dem Vorhof stehn.
(Er rangiert sie zu beiden Seiten des Theaters, dann singt
er für sich)
Und gewöhnet euch, die Possen
Mit Verehrung anzusehn.

DAS PAAR (mit mäßiger Stimme).
Klein und ärmlich wie die Zwerge,
Trüb umhüllt von Dunst und Wahn,
Stehn wir vor dem heilgen Berge,
Geister! Dürfen wir hinan
(inwendig. Leise.)
Bringet Ernst zur ernsten Sache,
Kommt zum Licht aus Dunst und Wahn.
(Leiser.)
Daß der Kophta nicht erwache,
Leise, leise tretet an.
(Dieses wird so oft wiederholt, als man Männer-Paare zum
Chor hat; endlich treten auf der Abbt und der Ritter und
gehen mit gleichen Zeremonien und gleichem Gesang hinein)

Neunter Auftritt

(Die Vorigen. Courville. Die Nichte.)

(Szenar: Geister sehen.—Finale.)

DIE NICHTE. In einem Zimmer,
Herrlich gezieret,
Prächtig möblieret,
Seh ich, ich sehe—
GRAF. Was siehst du da?
ALLE. Rede, verhehle nichts!
NICHTE. Hell! Helle Kerzen!
Und eine Dame
Sitzet im Schimmer,
Schreibet und liest.
GRAF. Was siehst du weiter:
NICHTE. Zwar will sie lesen,
Zwar will sie schreiben,
Doch will ihr keines
Vonstatten gehn.
COURVILLE. Scheint sie bedenklich?
NICHTE. Gar sehr bedenklich.

Fast möcht ich sagen,
Der Engel scheint mir
Traurig zu sein.
RITTER. Wie ist ihr Anzug?
NICHTE. Von blauer Seide
Mit Silber-Muschen,
Oder mit Sternen
Ist es besät.
ABBE. Und ihr Gesichte?
NICHTE. Ist mir unkenntlich,
Schwebt wie gedoppelt,
Als wie im Wasser
Ein zitternd Bild.
COURVILLE, GRAF, RITTER, ABBE(zu vier).
O weh, was soll ich sagen?
Mir schaudert, ach, mir schaudert!
Ich fürchte mehr zu hören!
Doch sprich, o sprich nur fort!
NICHTE. Welche Gestalten!
Himmel! Zwei Geister,
Einer zur Rechten,
Einer zur Linken,
Stehen bei ihr.
GRAF. Ich erkenne meine Geister,
(zum Abbe)
Und sie wachen und sie wirken,
Vielgeliebter Freund, für dich.
NICHTE. Einer, der hindert
Jetzt sie zu lesen;
Einer, der hindert
Jetzt sie zu schreiben.
O wie die Gute
Zweifelt und schwankt.
ABBE. Sage, sage mir, was tut sie?
Ach, ich bin in schweren Ängsten,
So begleitet sie zu sehn.
NICHTE. Sie steht! Sie stehet!
Und nach dem Spiegel
Seh ich sie gehn.
GRAF. Und in dem Spiegel?
NICHTE. Ahi!
COURVILLE. Was schreist du?
NICHTE. Ahi!
RITTER. So rede!
NICHTE. Ahi!
ABBE. Geschwinde.
NICHTE. Steht der Abbe!
ABBE. Wie glücklich! ach, wie glücklich!
(Zum Grafen)
Was muß ich dir verdanken!
(Zur Nichte)
O sag, was tut die Schöne?
Was zeigt ihr Wesen an?
NICHTE. Ach!—Erschrocken!
Ach!—Betroffen!
Tritt sie zurück.
ZU VIER (wie oben). Hier ist, hier ist der Knoten,
Er liegt zu fest geschlungen.
Ich furcht, er wird, ich fürchte,
Nicht wohl zu lösen sein.
NICHTE. Ja, sie schauet in den Spiegel
Mit den holden Zauberblicken.
Aber ach! im hellen Spiegel
Sieht sie nur ihr eigen Bild.
Ja, ich erkenn es,
Sie ist, sie ist es.
ZU VIER. Wer?
NICHTE. Darf ichs sagen?
ZU VIER. Sprich!
NICHTE. —die Prinzessin!
ZU VIER. Die Prinzessin!
NICHTE. Ja, ich erkenne
Das herrliche Wesen!—
Und mit trüber, süßer Miene
Stehet denkend am Kamine
Still gelehnt das Götterbild.
Und im Kamine,
Was muß ich sehen!
Ein glühend Herze
Schwebt in der Flamme;
Es zischt und sprudelt
Und zehrt sich auf.
ABBE (für sich). Ach, dies Herz! Es ist das meine,
Glühendrot von eignem Feuer.
GRAF. O an dem gebratnen Herzen
Gleich erkennet sich der Tor.
RITTER. Nein, ich kann es nicht begreifen,
Ist es Wahrheit, ist es Lüge:
COURVILLE. Ganz fürtrefflich lügt die Kleine
Ihre Lektion uns vor.
ZU VIER (wie oben). Was soll, was soll ich sagen?
Mich schaudert, ach, mich schaudert!
Ich fürchte mehr zu hören.
Doch sprich, o sprich nur fort.
NICHTE. Sie eilt, sie schaudert.
Nach der Terrasse,
Um Luft zu schöpfen,
Scheint sie zu gehn.—
ZU VIER. Siehst du nichts weiter?
NICHTE. Die beiden Geister
Eröffnen eilend
Die beiden Flügel
Der Gläsertüre—
Nun laßt mich los.
COURVILLE. Siehst du ihr draußen
Niemand begegnen?
NICHTE. Wehe, mir schaudert.
Wehe, mir schwindelt!
Ich fall in Ohnmacht,
Und trübe Wolken
Ziehn sich um mich.

Dritter Aufzug
Erster Auftritt

(Szenar: Graf und Ritter-. Entdecken 3. Grad.)

(DER GRAF.) Hohe Nacht, die ich verehre,
Höre, höre
Deinen edlen, treuen Sohn.
Ganz vergebens prahlt die Sonne
Auf dem hohen Mittagsthron.
Licht dringt in der Menschen Auge,
Nicht in das Gehirn hinein.
Halte den Verstand in Ruh,
Daß der Kluge mit dem Dummen
Immer spiele Blindekuh.

Zweiter Auftritt

(Szenar: Courville schreibt den Brief.)

Dritter Auftritt

(Szenar: Courville. Der Ritter)

Vierter Auftritt

(Szenar: Der Ritter all (ein).—Arie.)

Fünfter Auftritt

(Szenar: Der Ritter. Die Niece.—Arie der Niece.)

Sechster Auftritt

(Szenar: Der Ritter. Nachher Final.—Nachsatz.)

Letzter Auftritt

(Szenar: Der Graf. Der Ritter. Courville. Die Niece.
Der Abbe.—Duett.)
DER RITTER.]Jetzt, da ich Abschied nehme,
Empfind ich erst das Schmerzliche,
Und fühlst du nicht das Herzliche
Von diesem letzten Blick?

Zwar mag uns die Entfernung
Die treusten Freunde rauben,
Doch jetzt schon--soll ichs glauben
O trauriges Geschick.

DIE NICHTE
War ich der Zeit
War ich der Tage
Nur mir die lieblichen
Tage bewußt.

DER RITTER
Wart ihr der Zeit
Wart ihr der Tage
Aller der lieblichen
Tage bewußt.

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Künstlers Apotheose

Drama

Es wird eine prächtige Gemäldegalerie vorgestellt. Die Bilder
aller Schulen hängen in breiten goldenen Rahmen. Es
gehen mehrere Personen auf und ab. An einer Seite sitzt,
ein Schüler und ist beschäftiget, ein Bild zu kopieren.

SCHÜLER (indem er aufsteht, Palette und Pinsel auf den,
Stuhl legt und dahintertritt).
Da sitz ich hier schon tagelang,
Mir wirds so schwül, mir wirds so bang,
Ich male zu und streiche zu
Und sehe kaum mehr, was ich tu.
Gezeichnet ist es durchs Quadrat;
Die Farben, nach des Meisters Rat,
So gut mein Aug sie sehen mag,
Ahm ich nach meinem Muster nach;
Und wenn ich dann nicht weiter kann,
Steh ich wie ein genestelter Mann
Und sehe hin und sehe her,
Als obs getan mit Sehen war;
Ich stehe hinter meinem Stuhl
Und schwitze wie im Schwefelpfuhl—
Und dennoch wird zu meiner Qual
Nie die Kopie Original.
Was dort ein freies Leben hat,
Das ist hier trocken, steif und matt;
Was reizend steht und sitzt und geht,
Ist hier gewunden und gedreht;
Was dort durchsichtig glänzt und glüht,
Hier wie ein alter Topf aussieht;
Und überall es mir gebricht.
Als nur am guten Willen nicht,
Und bin nur eben mehr gequält,
Daß ich recht sehe, was mir fehlt.
EIN MEISTER (tritt hinzu).
Mein Sohn, das hast du wohl gemacht,
Mit Fleiß das Bild zustand gebracht
Du siehst, wie wahr ich stets gesagt:
Je mehr als sich ein Künstler plagt,
Je mehr er sich zum Fleiße zwingt,
Um desto mehr es ihm gelingt.
Drum übe dich nur Tag für Tag,
Und du wirst sehn, was das vermag!
Dadurch wird jeder Zweck erreicht,
Dadurch wird manches Schwere leicht,
Und nach und nach kommt der Verstand
Unmittelbar dir in die Hand.
SCHÜLER. Ihr seid zu gut und sagt mir nicht,
Was alles diesem Bild gebricht.
MEISTER. Ich sehe nur mit Freuden an,
Was du, mein Sohn, bisher getan.
Ich weiß, daß du dich selber treibst,
Nicht gern auf einer Stufe bleibst.
Will hier und da noch was gebrechen,
Wollen wirs ein andermal besprechen. (Entfernt sich.)
SCHÜLER (das Bild ansehend).
Ich habe weder Ruh noch Rast,
Bis ich die Kunst erst recht gefaßt.
EIN LIEBHABER (tritt zu ihm).
Mein Herr, mir ist verwunderlich,
Daß Sie hier Ihre Zeit verschwenden
Und auf dem rechten Wege sich
Schnurstracks an die Natur nicht wenden
Denn die Natur ist aller Meister Meister!
Sie zeigt uns erst den Geist der Geister,
Läßt uns den Geist der Körper sehn,
Lehrt jedes Geheimnis uns verstehn.
Ich bitte, lassen Sie sich raten!
Was hilft es, immer fremden Taten
Mit größter Sorgfalt nachzugehn?
Sie sind nicht auf der rechten Spur;
Natur, mein Herr! Natur! Natur!
SCHÜLER. Man hat es mir schon oft gesagt,
Ich habe kühn mich dran gewagt;
Es war mir stets ein großes Fest.
Auch ist mir dies und Jens geglückt;
Doch öfters ward ich mit Protest,
Mit Scham und Schande weggeschickt.
Kaum wag ich es ein andermal;
Es ist nur Zeit, die man verliert:
Die Blätter sind zu kolossal,
Und ihre Schrift gar seltsam abbreviert.
LIEBHABER (sich wegwendend).
Nun seh ich schon das Wo und Wie;
Der gute Mensch hat kein Genie!
SCHÜLER (sich niedersetzend).
Mich dünkt, noch hab ich nichts getan;
Ich muß ein andermal noch dran.
EIN ZWEITER MEISTER (tritt zu ihm, sieht seine Arbeit
an und wendet sich um, ohne etwas zu sagen).
SCHÜLER. Ich bitt Euch, geht so stumm nicht fort
Und sagt mir wenigstens ein Wort.
Ich weiß, Ihr seid ein kluger Mann,
Ihr könntet meinen Wunsch am allerersten stillen.
Verdien ichs nicht durch alles, was ich kann,
Verdien ichs wenigstens durch meinen guten Willen.
MEISTER. Ich sehe, was du tust, was du getan,
Bewundernd halb und halb voll Mitleid an
Du scheinst zum Künstler mir geboren,
Hast weislich keine Zeit verloren:
Du fühlst die tiefe Leidenschaft.
Mit frohem Aug die herrlichen Gestalten
Der schönen Welt begierig festzuhalten;
Du übst die angeborne Kraft,
Mit schneller Hand bequem dich auszudrücken;
Es glückt dir schon und wird noch besser glücken,
Allein—
SCHÜLER. Verhehlt mir nichts!
MEISTER. Allein du übst die Hand;
Du übst den Blick, nun üb auch den Verstand.
Dem glücklichsten Genie wirds kaum einmal gelingen,
Sich durch Natur und durch Instinkt allein
Zum Ungemeinen aufzuschwingen:
Die Kunst bleibt Kunst! Wer sie nicht durchgedacht,
Der darf sich keinen Künstler nennen;
Hier hilft das Tappen nichts; eh man was Gutes macht,
Muß man es erst recht sicher kennen.
SCHÜLER. Ich weiß es wohl, man kann mit Aug und Hand
An die Natur, an gute Meister gehen;
Allein, o Meister, der Verstand,
Der übt sich nur mit Leuten, die verstehen.
Es ist nicht schön, für sich allein
Und nicht für andre mit zu sorgen:
Ihr könntet vielen nützlich sein,
Und warum bleibt Ihr so verborgen?
MEISTER. Man hats bequemer heutzutag,
Als unter meine Zucht sich zu bequemen:
Das Lied, das ich so gerne singen mag,
Das mag nicht jeder gern vernehmen.
SCHÜLER. O sagt mir nur, ob ich zu tadeln bin,
Daß ich mir diesen Mann zum Muster auserkoren?
(Er deutet auf das Bild, das er kopiert hat.)
Daß ich mich ganz in ihn verloren?
Ist es Verlust, ist es Gewinn,
Daß ich allein an ihm mich nur ergetze,
Ihn weit vor allen andern schätze,
Als gegenwärtig ihn und als lebendig liebe,
Mich stets nach ihm und seinen Werken übe?
MEISTER. Ich tadl es nicht, weil er fürtrefflich ist;
Ich tadl es nicht, weil du ein Jüngling bist-
Ein Jüngling muß die Flügel regen,
In Lieb und Haß gewaltsam sich bewegen.
Der Mann ist vielfach groß, den du dir auserwählt,
Du kannst dich lang an seinen Werken üben;
Nur lerne bald erkennen, was ihm fehlt:
Man muß die Kunst und nicht das Muster lieben.
SCHÜLER. Ich sähe nimmer mich an seinen Bildern satt.
Wenn ich mich Tag für Tag damit beschäftigen sollte.
MEISTER. Erkenne, Freund, was er geleistet hat,
Und dann erkenne, was er leisten wollte:
Dann wird er dir erst nützlich sein,
Du wirst nicht alles neben ihm vergessen.
Die Tugend wohnt in keinem Mann allein;
Die Kunst hat nie ein Mensch allein besessen.
SCHÜLER. So redet nur auch mehr davon!
MEISTER. Ein andermal, mein lieber Sohn.
GALERIEINSPEKTOR (tritt zu ihnen).
Der heutge Tag ist uns gesegnetl
O, welch ein schönes Glück begegnet!
Es wird ein neues Bild gebracht,
So köstlich, als ich keins gedacht.
MEISTER. Von wem?
SCHÜLER. Sagt an, es ahndet mir.
(Auf das Bild zeigend, das er kopiert?)
Von diesem?
INSPEKTOR. Ja, von diesem hier
SCHÜLER. Wird endlich doch mein Wunsch erfüllt!
Die heiße Sehnsucht wird gestillt!
Wo ist es: Laßt mich eilig gehn.
INSPEKTOR. Ihr werdets bald hier oben sehn.
So köstlich, als es ist gemalt,
So teuer hats der Fürst bezahlt.
GEMÄLDEHÄNDLER (tritt auf).
Nun kann die Galerie doch sagen,
Daß sie ein einzig Bild besitzt.
Man wird einmal in unsern Tagen
Erkennen, wie ein Fürst die Künste liebt und schützt.
Es wird sogleich heraufgetragen;
Es wird erstaunen, wers erblickt.
Mir ist in meinem ganzen Leben
Noch nie ein solcher Fund geglückt.
Mich schmerzt es fast, es wegzugeben:
Das viele Gold, das ich begehrt,
Erreicht noch lange nicht den Wert.
(Man bringt das Bild der Venus Urania herein und setzt es
auf eine Staffelei.)
Hier! wie es aus der Erbschaft kam,
Noch ohne Firnis, ohne Rahm.
Hier braucht es keine Kunst noch List.
Seht, wie es wohl erhalten ist!
(Alle versammeln sieh davor.)
ERSTER MEISTER. Welch eine Praktik zeigt sich hier!
ZWEITER MEISTER. Das Bild, wie ist es überdacht!
SCHÜLER. Die Eingeweide brennen mir!
LIEBHABER. Wie göttlich ist das Bild gemacht!
HÄNDLER. In seiner trefflichsten Manier.
INSPEKTOR. Der goldne Rahm wird schon gebracht.
Geschwind herbei! geschwind herein!
Der Prinz wird bald im Saale sein.
(Das Bild wird in den Rahmen befestiget und wieder aufgestellt)
DER PRINZ (tritt auf und besieht das Gemälde).
Das Bild hat einen großen Wert;
Empfanget hier, was Ihr begehrt.
DER KASSIER (hebt den Beutel mit den Zechinen auf den
Tisch und seufzet).
HÄNDLER (zum Kassier). Ich prüfe sie ers tdurchs Gewicht.
KASSIER (aufzählend).
Es steht bei Euch, doch zweifelt nicht.

Der Fürst steht vor dem Bilde, die andern in einiger Entfernung.
Der Plafond eröffnet sich, die Muse, den Künstler
an der Hand führend, auf einer Wolke.

KÜNSTLER. Wohin, o Freundin, führst du mich?
MUSE. Sieh nieder und erkenne dich!
Dies ist der Schauplatz deiner Ehre.
KÜNSTLER. Ich fühle nur den Druck der Atmosphäre
MUSE. Sieh nur herab! Es ist ein Werk von dir,
Das jedes andre neben sich verdunkelt
Und zwischen vielen Sternen hier
Als wie ein Stern der ersten Größe funkelt.
Sieh, was dein Werk für einen Eindruck macht
Das du in deinen reinsten Stunden
Aus deinem innern Selbst empfunden
Mit Maß und Weisheit durchgedacht,
Mit stillem, treuem Fleiß vollbracht!
Sieh, wie noch selbst die Meister lernen!
Ein kluger Fürst, er steht entzückt,
Er fühlt sich im Besitz von diesem Schatz beglückt;
Er geht und kommt und kann sich nicht entfernen.
Sieh diesen Jüngling, wie er glüht,
Da er auf deine Tafel sieht!
In seinem Auge glänzt das herzliche Verlangen,
Von deinem Geist den Einfluß zu empfangen.
So wirkt mit Macht der edle Mann
Jahrhunderte auf seinesgleichen:
Denn, was ein guter Mensch erreichen kann,
Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen.
Drum lebt er auch nach seinem Tode fort
Und ist so wirksam, als er lebte;
Die gute Tat, das schöne Wort,
Es strebt unsterblich, wie er sterblich strebte.
So lebst auch du durch ungemeßne Zeit.
Genieße der Unsterblichkeit!
KÜNSTLER. Erkenn ich doch, was mir im kurzen Leben
Zeus für ein schönes Glück gegeben,
Und was er mir in dieser Stunde schenkt;
Doch er vergebe mir, wenn dieser Blick mich kränkt.
Wie ein verliebter junger Mann
Unmöglich doch den Göttern danken kann,
Wenn seine Liebste fern und eingeschlossen weint;
Wer wagt es, ihn beglückt zu nennen?
Und wird er wohl sich trösten können.
Weil Eine Sonne ihn und sie bescheint?
So hab ich stets entbehren müssen,
Was meinen Werken nun so reichlich widerfährt;
Was hilfts. o Freundin, mir, zu wissen,
Daß man mich nun bezahlet und verehrt?
O hätt ich manchmal nur das Gold besessen,
Das diesen Rahm jetzt übermäßig schmückt!
Mit Weib und Kind mich herzlich satt zu essen,
War ich zufrieden und beglückt.
Ein Freund, der sich mit mir ergetzte,
Ein Fürst, der die Talente schätzte,
Sie haben leider mir gefehlt;
Im Kloster fand ich dumpfe Gönner;
So hab ich emsig, ohne Kenner
Und ohne Schüler mich gequält.—
(Hinab auf den Schüler  deutend!)
Und willst du diesen jungen Mann,
Wie ers verdient, dereinst erheben.
So bitt ich, ihm bei seinem Leben,
Solang er selbst noch kaun und küssen kann,
Das Nötige zur rechten Zeit zu geben!
Er fühle froh, daß ihn die Muse liebt,
Wenn leicht und still die frohen Tage fließen.
Die Ehre, die mich nun im Himmel selbst betrübt,
Laß ihn dereinst, wie mich, doch freudiger genießen.



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