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2019-08-29

Johann W. Goethe: Fragmente- Elpenor Ein Schauspiel (9)





Elpenor

Ein Schauspiel

(Erste Fassung)

PERSONEN

Antiope. Polymetis.
Lykus. Jünglinge.
Elpenor. Jungfrauen.
Evadne.

Evadne. Ein Chorjungfrauen.

Erster Aufzug 
Erster Auftritt

EVADNE. Verdoppelt eure Schritte! Kommt herab! Verweilet
nicht zu lange, gute Mädchen! Kommt herein! Gebt
nicht zu viele Sorgfalt euren Kleidern und Haaren! Es
ist noch immer Zeit, wenn das Geschäfte vollbracht ist,
sich zu schmücken. Der frühe Morgen heißt uns rege zur
Arbeit sein.
EINE JUNGFRAU. Hier sind wir, und die andern folgen
gleich. Wir haben selbst uns diesem Fest geweckt, du
siehest uns bereit zu tun, was du gebietest.
EVADNE. Wohlan. Beeifert euch mit mir! Zwar halb
nur freudig, halb mit Widerwillen ruf ich euch zum Dienste
dieses Tages; denn er bringt unsrer hochgeliebten Frauen,
in Fröhlichkeit gekleidet, stillen Schmerz.
JUNGFRAU. Ja und uns allen; denn es scheidet heute
der werte Knabe, mit dem die glücklichste Gewohnheit
uns verbindet. Sag, wie erträgts die Königin? Gibt sie gelassen
ihren teuren Pflegbefohlnen seinem Vater wieder?
EVADNE. Mir wird es bange für die künftigen Tage.
Noch ruht der alte Schmerz in ihrer Seele. Der doppelte
Verlust des Sohns und des Gemahls ist noch nicht ausgeheilt,
und wenn sie des Knaben frohe Gesellschaft verläßt,
wird sie dem alten Kummer widerstehen? Und wie
Larven der Unterwelt vorzüglich Einsamen erscheinen,
so rührt der Trauer kalte Schattenhand den Verlaßnen
ängstlich. Und wem gibt sie den lieben Zögling wieder?
JUNGFRAU. Ich hab es auch bedacht. Nie war der Bruder
des Gemahls ihr lieb. Sein rauh Betragen hielt sie weit
entfernt. Nie hätten wir geglaubt, daß sie in seinem Sohne
der süßten Liebe Gegenstand umarmen sollte.
EVADNE. War es ihr eigner, wie belohnte sie der heutge
Tag für alle Muttersorgen! Der schöne Knabe tritt feierlich
vor seinem Volke aus der beschränkten Kindheit
niederem Kreise auf der beglückten Jugend erste Stufe;
doch sie erfreut es kaum. Ein ganzes Reich dankt ihr die
edle Sorgfalt, und ach! in ihrem Busen gewinnt der Gram
nur neue Luft und Nahrung; denn für das schwerste edelste
Bemühen ist dem Menschen nicht so viel Freude gegönnt,
als die Natur mit einem einzigen Geschenke leicht gewährt.
JUNGFRAU. Ach welche schöne Tage lebte sie, eh noch
das Glück an ihrer Schwelle wich, ihr den Gemahl, den
Sohn entführte und unerwartet sie verwaist zurückeließ.
EVADNE. Laß uns das Angedenken jener Zeiten so heftig
nicht erneuren, das Gute schätzen, das ihr übrig blieb,
den Reichtum in dem nahverwandten Knaben!
JUNGFRAU. Nennst du den reich, der fremde Kinder
nährt?
EVADNE. Wenn sie geraten, ist auch das vergnüglich.
Jawohl, ihr ist ein herrlicher Ersatz in Lykus Sohn gegeben
worden. Am einsamen Gestade hier, an ihrer Seite,
wuchs er schnell hervor, und er gehört nun ihr durch Lieb
und Bildung. Herzlich gönnt sie einem Vielverwandten
den Teil des Reichs, der ihrem Sohne vom Vater her gebührte;
ja gönnt ihm einst, was sie an Land und Schätzen
von ihren Eltern sich ererbt. Sie stattet ihn mit allen
Segen aus und sucht sich still den Trost im Guten. Dem
Volk ists besser, wenn nur Einer herrscht, hört ich sie sagen,
und noch manches Wort, womit ihr Geist das Übel lindernd
preisen möchte, das sie befiel.
JUNGFRAU. Mich dünkt, ich sah sie heute froh, und hell
ihr Auge.
EVADNE. Mir schien es auch. O mögen ihr die Götter
ein frisches Herz behalten! Denn leichter dient sich einem
Glücklichen—
JUNGFRAU. Der edel ist, und den der Übermut nicht
härtet.
EVADNE. Wie wir sie billig preisen, unsere Frau.
JUNGFRAU. Wie ich sie fröhlich sah und fröhlicher den
Knaben, der goldnen Sonne Morgenstrahlen auf ihren
Angesichtern, da schwang sich eine Freude mir durchs
Herz, die alles Traurige der alten Tage leicht überstimmte.
EVADNE. Laßt uns nicht weiblich zu vieles reden, wo
viel zu tun ist. Die Freude soll dem Dienst nicht schaden,
der heute mehr als andre Tage erfordert wird; laßt sie
am besten durch den Eifer sehen, mit dem ein jedes eilt
sein Werk zu tun.
JUNGFRAU. Verordne du, wir andre säumen nicht.
EVADNE. Daß unserer Fürstin Herz geöffnet ist, hab ich
gesehen; denn sie will, daß ihre Schätze, die, still verwahrt,
dem künftigen Geschlecht entgegenruhten, sich heute
zeigen und diesem Tag gewidmet glänzen, daß auf Reinlichkeit
und Ordnung diese Feier, wie auf zwei Gefährten,
sich würdig lehne. Was mir vertraut ist, hab ich aufgeschlossen;
nun sorget für den Schmuck der Säle, entfaltet
die gestickten Teppiche und deckt damit den Boden,
Sessel und Tafeln, verwendet die geringere und köstliche
mit kluger Wahl, bereitet Platz genug für viele Gäste,
und setzt die künstlich getriebenen Geschirre zur Augenlust
auf ihre rechten Stellen. An Speis und Trank solls
auch nicht fehlen, das ist der Fürstin Wille, und was den
Fremden gereicht wird, soll Anmut und Gefälligkeit begleiten.
Die Männer haben auch von ihren Vorgesetzten,
seh ich, schon Befehl erhalten, und Pferde, Waffen und
Wagen sind, diese Feier zu verherrlichen, bewegt.
JUNGFRAU. Wir gehen.
EVADNE. Wohl, ich folge gleich. Nur hält mich noch
der Anblick meines Prinzen. Er naht sich, wie der Stern
des Morgens funkelnd schnell. Laßt mich ihn segnen, ihn,
der balde Tausenden ein neues Licht des Glücks aufgehend
erscheint.

Erster Aufzug
Zweiter Auftritt

Elpenor. Evadne.

ELPENOR. Bist du hier, meine Gute, Treue! die du an
meiner Freude immer teilnimmst. Sieh, was zum Anfang
dieses Tages mir geschenkt ward? Die ich so gerne Mutter
nenne, sie will mich heute mit vielen Zeichen ihrer Lieb
entlassen. Den Bogen und den reichbeladnen Köcher gab
sie mir, von den Barbaren gewann ihn ihr Vater. Seit
meiner ersten Jugend gefiel er mir vor allen Wafien, die
an den hohen Pfeilern aufgehängt sind. Ich forderte ihn
oft, mit Worten nicht; ich nahm ihn von den Pfosten und
klirrte an der starken Senne, dann blickt ich die Geliebte
freundlich an und ging um sie herum, und zauderte, den
Bogen wieder aufzuhängen. Heut ist der alte Wunsch mir
gewährt. Er ist nun mein, ich führ ihn mit mir fort, wenn
bald mein Vater kommt, mich nach der Stadt zu holen.
EVADNE. Ein schönes, ein würdiges Geschenk, mein
Prinz, es sagt dir viel.
ELPENOR. Was denn?
EVADNE. Groß ist der Bogen, schwer zu beugen; wenn
ich nicht irre, vermagst dus nicht.
ELPENOR. Ich werd es schon.
EVADNE. Es denkt die teure Pflegemutter ebenso. Und
wenn sie dir vertraut, daß du mit männlicher Kraft dereinst
die straffe Senne spannst, so winkt sie dir zugleich
und hofft, daß du nach einem würdigen Ziele die Pfeile
senden wirst.
ELPENOR. O laß mich nur! Noch hab ich auf der Jagd
das leichte Reh, geringe Vögel nur der niedern Luft erlegt;
doch wenn ich dich einst bändige, ihr Götter, gebt
es bald, dann hol ich ihn aus seinen hohen Wolken, den
sichern Adler herunter.
EVADNE. Wirst du, entfernt von deinen Bergen und
Wäldern, in denen du bisher mit uns gelebt, auch deiner
ersten Jugendfreuden und unserer gedenken?
ELPENOR. Und du bist unerbittlich, willst nicht mit mir
ziehen, willst deine Sorgfalt mir nicht ferner gönnen?
EVADNE. Du gehst, wohin ich dir nicht folgen kann, und
deine nächsten Jahre schon vertragen eines Weibes Sorge
kaum. Der Frauen Liebe nährt das Kind, ein Knabe wird
am besten von Männern erzogen.
ELPENOR. Sag mir, wenn kommt mein Vater, der mich
heute nach seiner Stadt zurückeführt?
EVADNE. Nicht eh, als bis die Sonne am hohen Himmel
wandelt. Dich hat der frühste Morgen aufgeweckt.
ELPENOR. Ich habe fast gar nicht geschlafen. In der
bewegten Seele ging mir auf und ab, was alles ich heut
zu erwarten habe.
EVADNE. Wie du verlangst, so wirst auch du verlangt,
denn aller Bürger Augen warten dein.
ELPENOR. Sag an, ich weiß, daß mir Geschenke bereitet
sind, die heute noch vor meinem Vater kommen; ist dir
bekannt, was wohl die Boten bringen werden?
EVADNE. Ich vermut es. Zuvörderst reiche Kleider, wie
einer haben soll, auf den die Augen vieler gerichtet sind,
damit ihr Blick, der nicht ins Innre dringt, sich an dem
Äußern weide.
ELPENOR. Auf etwas anders hoff ich, meine Liebe.
EVADNE. Mit Schmuck und köstlicher Zierde wird auch
dein Vater heut nicht karg sein.
ELPENOR. Das will ich nicht verachten, wenn es kommt;
doch ratest du, als ob ich eine Tochter wäre. Ein Pferd
wird kommen, groß, mutig und schnell, was ich so lang
entbehrt, das werd ich haben, und eigen haben. Denn
was half es mir, bald ritt ich dies, bald das, es war nicht
mein! und nebenher, voll Angst, ein alter wohlbedächtiger
Diener; ich wollte reiten, und er wollte mich gesund
nach Hause haben. Am liebsten war ich auf der Jagd der
Königin zur Seite, und doch sah ich wohl, wär sie allein
gewesen, sie hätte schärfer zugeritten, und ich wohl auch,
wär ich allein gewesen. Nein, dieses Pferd, es wird mein
eigen bleiben, und ich will reiten, es soll eine Lust sein.
Ich hoffe, das Tier ist jung und wild und roh, es selber
zuzureiten wäre meine größte Freude.
EVADNE. Ich hoffe, man ist auf dein Vergnügen und
deine Sicherheit bedacht.
ELPENOR. Ei wasl Vergnügen sucht der Mann sich in
Gefahren, und ich will bald ein Mann sein. Auch wird
mir noch gebracht—errat es schnell—ein Schwert, ein
größeres, als ich bisher auf der Jagd geführt, ein Schlachtschwert!
Es biegt sich wie ein Rohr und spaltet auf einen
Hieb den starken Ast, ja. Eisen haut es durch, und keine
Spur bleibt auf der Schärfe zurück. Sein Griff ist köstlich
mit einem goldnen Drachenhals geziert, die Flügel decken
die Faust des Kämpfenden. Es hängen Ketten um den
Rachen, als hätt ein Held ihn in der finstern Höhle überwältigt,
gebunden dienstbar ihn ans Tageslicht gerissen.
Find ich nur Zeit, so will ichs gleich im nächsten Wald
versuchen und Bäume spalten und zu Stücken hauen.
EVADNE. Mit diesem Mut wirst du den Feind besiegen.
Für Freunde Freund zu sein, mög dir die Grazie auch einen
Funken jenes Feuers in den Busen legen, das auf dem
himmlischen Altar, durch ihre ewigreine Hand genährt,
zu Jovis Füßen brennt.
ELPENOR. Ich will ein treuer Freund sein, will teilen,
was mir von den Göttern wird; und wenn ich alles habe,
was mich freut, will ich gern allen andern alles geben.
EVADNE. Nun fahre wohl! Sehr schnell sind diese Tage
mir hingeflogen! Wie eine Flamme, die den Holzstoß nun
recht ergriffen hat, verzehrt die Zeit das Alter schneller
als die Jugend.
ELPENOR. So will ich eilen. Rühmliches zu tun.
EVADNE. Die Götter geben dir Gelegenheit und hohen
Sinn, das Rühmliche von dem Gerühmten zu unterscheiden.
ELPENOR. Was sagst du mir.'' Ich kann es nicht verstehn.
EVADNE. Mit Worten, wärens ihrer noch so viel, wird
dieser Segen nicht erklärt, denn es ist Wunsch und Segen
mehr als Lehre. Die geb ich dir an diesem Tage mit auf
lange Zeit; denn du trittst eine weite Reise an. Die ersten
Pfade liefst du spielend durch, und nun betrittst du einen
breitern Weg; da folge stets Erfahrnen! Es würde dir nicht
nützen, dich verwirren, beschrieb' ich dir beim Ausgang
zu genau die fernen Gegenden, durch die du wandern
wirst. Der beste Rat ist, folge gutem Rat, und laß das
Alter dir ehrwürdig sein.
ELPENOR. Das will ich tun.
EVADNE. Erbitte von den Göttern verständige und wohlgesinnte
Gefährten. Beleidige durch Torheit noch durch
Übermut das Glück nicht, es begünstigt die Jugend wohl
in ihren Fehlern, doch mit den Jahren fordert es mehr.
ELPENOR. Ja, viel vertrau ich dir, und deine Frau, so
klug sie ist, weiß ich, vertraut dir viel. Sie fragte dich
gar oft um dies und jenes, wenn du auch gleich nicht
stets mit einer Antwort ihr bereit warst.
EVADNE. Wer alt mit Fürsten wird, lernt vieles und zu
vielem schweigen.
ELPENOR. Wie gern blieb' ich bei dir, bis ich so weise
geworden als nötig, um nicht zu fehlen.
EVADNE. Wenn du so dich hieltest, wäre mehr Gefahr.
Ein Fürst soll einzeln nicht erzogen werden. Einsam lernt
niemand sich, noch weniger andern zu gebieten.
ELPENOR. Entziehe künftig mir nicht deinen Rat.
EVADNE. Du sollst ihn haben, wenn du ihn verlangst,
auch ohnverlangt, wenn du ihn hören kannst.
ELPENOR. Wenn ich vor dir am Feuer saß, und du erzähltest
von den Taten alter Zeit, du einen Guten rühmtest,
des Edlen Wert erhobst: da glüht' es mir durch Mark
und Adern, ich rief in meinem Innersten: O war ich der,
von dem sie spricht!
EVADNE. O möchtest du mit immer gleichem Triebe zur
Höhe wachsen, die dir bestimmt ist! Laß es den besten
Wunsch sein, den ich mit diesem Abschiedskuß dir weihe!
Teures Kind, leb wohl! Ich seh die Königin sich nahn.

Erster Aufzug
Dritter Auftritt

Antiope. Elpenor. Evadne.

ANTIOPE. Ich find euch hier in freundlichem Gespräch.
EVADNE. Die Trennung heißt der Liebe Bund erneun.
ELPENOR. Sie ist mir wert, mir wird das Scheiden schwer.
ANTIOPE. Du wirst viel wiederfinden und du weißt noch
nicht, was alles du bisher entbehrt.
EVADNE. Hast du für mich, o Königin, noch irgendeinen
Auftrag? Ich gehe hinein, wo vieles zu besorgen ist.
ANTIOPE. Ich sage dir heut nichts, Evadne, denn du
tust immer, was ich loben muß.

Erster Aufzug
Vierter Auftritt

Antiope. Elpenor.

ANTIOPE. Und du, mein Sohn, leb in das Leben wohl.
So sehr als ich dich liebe, scheid ich doch von dir gesetzt
und freudig. Ich war bereit auch so den eignen zu entbehren,
mit zarten Mutterhänden ihn der strengen Pflicht
zu überliefern. Du hast bisher der Liebenden gefolgt; geh,
lerne nun gehorchen, daß du herrschen lernest.
ELPENOR. Dank! tausend Dank, o meine beste Mutterl
ANTIOPE. Vergelt es deinem Vater, daß er mir geneigt
war, mir deiner ersten Jahre schönen Anblick, süßen
Mitgenuß gegönnt, den einzgen Trost, als mich das Glück
gar hart verletzte.
ELPENOR. Oft hab ich dich bedauert, dir den Sohn und
mir den Vetter sehr zurückgewünscht. Welch ein Gespiele
wäre das gewordenl
ANTIOPE. Nur wenig älter als du. Wir beide Mütter
versprachen zugleich den Brüdern einen Erben. Ihr sproßtet
auf; ein neuer Glanz der Hoffnung durchleuchtete der
Väter altes Haus und überschien das weite gemeinsame
Reich. In beiden Königen entbrannte neue Lust zu leben,
mit Verstand zu herrschen und mit Macht zu kriegen.
ELPENOR. Sie sind sonst oft ins Feld gezogen, warum
jetzt nicht mehr? Die Waffen meines Vaters ruhen lange.
ANTIOPE. Der Jüngling kriegt, damit der Alte genieße.
Damals traf meinen Gemahl das Los, die Feinde jenseits
des Meeres zu bändigen; er trug gewaltsames Verderben
in ihre Städte, und tückisch lauerte ihm und allen
Schätzen meines Lebens ein feindseliger Gott auf. Er
zog mit froher Kraft vor seinem Heer, den teuren Sohn
verließ er an der Mutter Brust. Wo schien der Knabe
sichrer als da, wo ihn die Götter selber hingelegt; da ließ
er ihn scheidend und sagte: Wachse wohl! und richte deiner
ersten Worte Stammlen, das Straucheln deiner ersten
Tritte entgegen auf der Schwelle deinem Vater, der glücklich,
siegreich balde wiederkehrt. Es war ein eitler Segen!
ELPENOR. Dein Kummer greift mich an, wie mich der
Mut, aus deinen Augen glänzend, entzünden kann.
ANTIOPE. Er fiel von einem tückischen Hinterhalte im
Laufe seines Sieges überwältigt. Da war von Tränen meine
Brust des Tags, zu Nacht mein einsam Lager heiß. Den
Sohn an mich zu drücken, über ihn zu weinen, war des
Jammers Labsal. O den, auch den von meinem Herzen
zu verlieren, ertrug ich nicht und noch ertrag ichs nicht.
ELPENOR. Ergib dich nicht dem Schmerz und laß auch
mich dir etwas sein.
ANTIOPE. O unvorsichtiges Weib, die du dich selbst und
alle deine Hofihung so zugrunde gerichtet!
ELPENOR. Klagst du dich an, die du nicht schuldig bist?
ANTIOPE. Zu schwer bezahlt man oft ein leicht Versehn.
Von meiner Mutter kamen Boten über Boten, sie riefen
mich und hießen meinen Schmerz an ihrer Seite mich erleichtern.
Sie wollte meinen Knaben sehn, auch ihres
Alters Trost. Erzählung und Gespräch und Wiederholung
Erinnerung alter Zeiten sollten den tiefen Eindruck meiner
Qualen lindern; ich ließ mich überreden und ich ging.
ELPENOR. Nenn mir den Ort! Sag, wo geschah die Tat!
ANTIOPE. Du kennest das Gebürg, das von der See hinein
das Land zur rechten Seite schließt, dorthin nahm ich
den Weg. Von allen Feinden schien die Gegend und von
Räubern sicher; nur wenig Knechte begleiteten den Wagen,
und eine Frau war bei mir. Es ragt ein Fels beim
Eintritt ins Gebürg hervor, ein alter Eichbaum faßt ihn
mit den starken Ästen, und aus der Seite fließt ein klarer
Quell; dort hielten sie im Schatten, tränkten die abgespannten
Rosse, wie man pflegt, und es zerstreuten sich die
Knechte. Der eine suchte Honig, wie er im Walde träuft,
uns zu erquicken, der andere hielt die Pferde bei dem
Brunnen, der dritte hieb sich Zweige, den geplagten Tieren
die Bremsen abzuwehren. Auf einmal hören sie den Fernsten
Schrein; der nahe eilt, eilt hin, und es entsteht ein
Kampf der Unbewaffneten mit kühnen wohlbewehrten
Männern, die aus dem Gebüsch sich drängen. Sich heftig
verteidigend fallen die Getreuen, der Fuhrmann auch, der
im Entsetzen die Pferde fahren läßt und sich mit Steinen
hartnäckig der Gewalt entgegensetzt. Wir fliehn und stehn.
Die Räuber glauben leicht des Knabens sich zu bemächtigen,
doch nun erneuert sich der Streit; wir ringen voll Wut,
den Schatz verteidigend. Mit unauflöslichen Banden der
mütterlichen Arme umschling ich meinen Sohn, die andere
hält, entsetzlich schreiend, mit geschwinden Händen die
eindringende Gewalt ab, bis zuletzt vom Schwert getroffen,
vorsätzlich oder zufällig weiß ich nicht, ohnmächtig ich
niedersinke, den Knaben mit dem Leben zugleich von meinem
Busen lasse, und die Gefährtin schwergeschlagen fällt.
ELPENOR. O warum ist man ein Kind, warum entfernt
zur Zeit, wo solche Hülfe nötig ist! Es ballt sich vor der
Erzählung die Faust, und ich höre die Frauen rufen: rette!
räche!  Nicht wahr, o Mutter, wen die Götter lieben, den
führen sie dahin, wo man sein bedarf?
ANTIOPE. So leiteten sie Herkules und Theseus, so Jason
und der alten Helden Chor. Wer edel ist, den suchet die
Gefahr, und er sucht sie, so müssen sie sich treffen. Ach,
sie erschleicht auch Schwache, denen nichts als knirschende
Verzweiflung übrig bleibt. So fanden uns die Hirten des
Gebürgs, verbanden meine Wunden, führten die Sterbende
zurück, ich kam und lebte. Mit welchem Grauen betrat
ich meine Wohnung, wo Schmerz und Sorge sich an meinem
Herde gelagert. Wie verbrannt, vom Feinde zerstört,
schien mir das wohlbestellte königliche Haus. Und noch
verstummet mein Jammer [nicht].
ELPENOR. Hast du nie erfahren, ob ein Feind, ob ein
Verräter, wer die Tat verübt.''
ANTIOPE. Überall versandte schnell dein Vater Boten
hin, ließ von Gewappneten die Küsten mit den Bergen
scharf untersuchen. Doch ringsum nichts. Und nach
und nach, wie ich genas, kam grimmiger der Schmerz zurück,
und die unbändige Wut ergriff mein Haupt. Mit
Waffen der Ohnmächtigen verfolgt ich den Verräter. Ich
rief den Donner an, ich rief der Flut und den Gefahren,
die leis, um schwer zu schaden, auf der Erde schleichen.
Ihr Götter, rief ich aus, ergreift die Not, die über Erd und
Meer blind und gesetzlos schweift, ergreift sie mit gerechten Händen,
und stoßt sie ihm entgegen, wo er kommt.
Wenn er bekränzt mit Fröhlichen von einem Feste zurückkehrt,
wenn er mit Beute schwerbeladen seine Schwelle
betritt. Verwünschung war die Stimme meiner Seele, die
Sprache meiner Lippe Fluch.
ELPENOR. O glücklich wäre der, dem die Unsterblichen
die heißen Wünsche deines Grimmes zu vollführen gäben.
ANTIOPE. Wohl, mein Sohn! Vernimm mit wenig Worten
noch mein Schicksal, denn es wird das deine. Dein Vater
begegnete mir gut, doch fühlt ich bald, daß ich nun in
dem Seinen lebte, seiner Gnade, was er mir gönnen wollte,
danken mußte. Bald wandt ich mich hierher zu meiner
Mutter und lebte still, bis sie die Götter ruften, bei ihr.
Da ward ich Meisterin von allem, was mein Vater, was
sie mir hinterließ. Vergebens forschte ich um Nachricht
von meinem Verlornen. Wie mancher Fremde kam und
täuschte mich mit Hoffnung, ich war geneigt dem letzten
stets zu glauben, er ward gekleidet und genährt und doch
zuletzt so lügenhaft gefunden als die ersten. Mein Reichtum
lockte Freier, und sie kamen von nah und fern, sich
um mich her zu lagern. Die Neigung hieß mich einsam
leben, dem Verlangen nach dem Schatten der Unterwelt
voll Sehnsucht nachzuhängen, und die Not befahl, den
Mächtigsten zu wählen, denn ein Weib vermag allein nicht
viel. Da kam ich mit deinem Vater mich zu beraten in
seine Stadt. Denn, ich gesteh es dir, geliebt hab ich ihn
nie, doch seiner Klugheit könnt ich stets vertrauen. Da
fand ich dich, und mit dem ersten Blicke war meine Seele
ganz dir zugewandt.
ELPENOR. Ich kann mich noch erinnern, wie du kamst.
Ich warf den Ballen weg, mit dem ich spielte, und lief,
den Gürtel deines Kleides zu betrachten, und wollte nicht
von dir, da du die Tiere, die um ihn her sich schlingend
jagen, mir wiederholend zeigtest und benanntest. Es war
ein schönes Stück, ich lieb es noch zu sehen.
ANTIOPE. Da sprach ich zu mir selbst, als ich betrachtend
dich zwischen meinen Knien hielte; So war das Bild, das
mir die Wünsche vorbedeutend oft durch meine Wohnungen
geführt. Solch einen Knaben sah ich oft im Geist auf
meiner Väter alten Stuhl ans Feuer sich lagern, so hofft
ich ihn zu führen und zu leiten, den lebhaft Fragenden
zu unterrichten.
ELPENOR. Das hast du mir gegönnt und mir getan.
ANTIOPE. Hier ist er, sagte mir mein Geist, als ich dein
Haupt in meinen Händen spielend wandte und eifrig dir
die lieben Augen küßte, hier ist er! nicht dein eigen,
doch deines Stammes. Und hätt ein Gott ihn, dein Gebet
erhörend, aus den zerstreuten Steinen des Gebürges gebildet,
so war er dein und deines Herzens Kind, er ist
der Sohn nach deinem Herzen.
ELPENOR. Von jener Zeit an blieb ich fest an dir.
ANTIOPE. Du erkanntest und liebtest bald die Liebende.
Es kam die Wärterin, dich zur gewohnten Zeit dem Schlaf
zu widmen. Unwillig ihr zu folgen, faßtest du mit beiden
Armen meinen Hals und wurzeltest dich tief in meine
Brust.
ELPENOR. Noch wohl erinner ich mich der Freude, als
du mich scheidend mit dir führtest.
ANTIOPE. Schwer war dein Vater zu bereden, viel versucht
ich und lang, versprach ihm, dein als meines eigensten
zu wahren. Laß mir den Knaben, sprach ich, bis die Jugend
ihn zum ernstern Leben ruft. Er sei das Ziel von allen
meinen Wünschen. Dem Fremden, wer es sei, versag ich
meine Hand, als Witwe will ich leben, will ich sterben.
Von meinen Kindern soll kein Streit ihn überfallen. Es
soll die nahe Nachbarschaft sie nicht verwirren. Ihm sei
das Meinige ein schöner Teil zu dem, was er besitzt. Da
schwieg dein Vater, er sann dem Vorteil nach, ich rief:
Nimm gleich die Inseln, nimm sie hin zum Pfand, befestige
dein Reich, beschütze meins. Erhalt es deinem Sohne.
Dies bewegt ihn endlich, denn der Ehrgeiz hat ihn stets
beherrscht und die Begierde zu befehlen.
ELPENOR. O tadl ihn nicht! Den Göttern gleich zu sein,
ist edler Wunsch.
ANTIOPE. Du warst nun mein, oft hab ich mich gescholten,
daß ich in dir, durch dich, des schrecklichen Verlustes
Linderung fühlen konnte. Ich nährte dich, fest hat die
Liebe mich an dich gebunden, doch auch die Hoffnung.
ELPENOR. Möcht ich dir doch alles leisten.
ANTIOPE. Nicht jene Hoffnung, die im strengen Winter
mit Frühlingsblumen uns das Haupt umwindet vom blütevollen
Baum aus reichen Früchten uns entgegenlächelt.
Nein, umgewendet hatte mir das Unglück in der Brust die
Wünsche und des Verderbens unmäßige Begierde in mir
entzündet.
ELPENOR. Verhehle nichts! sprich! laß mich alles wissen.
ANTIOPE. Es ist nun Zeit, du kannst vernehmen; höre!
Ich sah dich wachsen, und ich spähte still der offnen Neigung
Trieb und schöne Kraft, da rief ich aus: Ja, er ward mir
geboren, in ihm der Rächer jener Missetat, die mir das
Leben zerstückte.
ELPENOR. Gewiß, gewiß! ich will nicht ruhen, bis ich
ihn entdeckt, und grimmig soll die Rache ohngezähmt auf
sein verschuldet Haupt nachsinnend wüten.
ANTIOPE. Versprich und schwöre mir! Ich führe dich
an den Altar der stillen Götter dieses Hauses. Ein freudig
Wachstum haben dir die Traurigen gegönnt, sie ruhen
gebeugt an dem verwaisten Herde und hören uns.
ELPENOR. Ich ehre sie und brächte gern der Dankbarkeit
bereite Gaben.
ANTIOPE. Ein Jammer dringt durch der Unsterblichen
wohltätig Wesen, wenn ihres langbewahrten Herdes letzte
Glut verlischt. Von keinem neuen Geschlechte leuchtet
frischgenährte Flamme durchs Haus. Vergebens fachen
sie den glimmenden Rest mit himmlischem Odem von
neuem empor. Die Asche zerstiebt in Luft, die Kohle versinkt.
Teilnehmend an der Irdischen Schmerzen, blicken
sie dich mit halbgesenkten Häuptern an und widerstreben
nicht mißbilligend, wenn ich dir sage: hier am friedlichen
unblutigen Altar gelobe, schwöre Rache.
ELPENOR. Hier bin ich; was du forderst, leist ich gerne.
ANTIOPE. Rastlos streicht die Rache hin und wider;
sie zerstreut ihr Gefolge an die Enden der bewohnten
Erde über der Verbrecher schweres Haupt. Auch in Wüsten
treibt sie sich, zu suchen, ob nicht da und dort in letzten
Höhlen ein Verruchter sich verberge. Schweift sie hin
und her und schwebt vorüber, eh sie trifft. Leise sinken
Schauer von ihr nieder, und der Böse wechselt ängstlich
aus Palästen in den Tempel, aus dem Tempel unter freien
Himmel, wie ein Kranker bang sein Lager wechselt. Und
der Morgenlüfte Kinderstammeln in den Zweigen scheint
ihm drohend, oft in schweren Wolken senkt sie nahe sich
ihm aufs Haupt und schlägt nicht, wendet ihren Rücken
oft dem wohlbewußten schüchternen Verbrecher. Ungewiß
im Fluge kehrt sie wieder und begegnet seinem starren
Anblick. Vor dem Herrschen ihres großen Auges ziehet
sich, von bösem Krämpfe zuckend, in der Brust das feige
Herz zusammen, und das warme Blut kehrt aus den Gliedern
nach dem Busen, dort zu Eis gerinnend. So begegne
du, wenn einst die Götter mich erhören, mit dem scharfen
Finger dir ihn zeigen, finster deine Stirn gefaltet, jenem
Frevler. Zähl ihm langsam meiner Jahre Schmerzen auf
den kahlen Scheitel. Das Erbarmen, die Verschonung und
das Mitgefühl der Menschenqualen, guter Könige Begleiterinnen,
mögen weit zurücketretend sich verbergen, daß du
ihre Hand auch willig nicht ergreifen könnest. Fasse den
geweihten Stein und schwöre, aller meiner Wünsche Umfang
zu erfüllen.
ELPENOR. Gern, ich schwöre!
ANTIOPE. Doch nicht er allein sei zum Verderben dir
empfohlen, auch die Seinen, die um ihn und nach ihm
seines Erdenglückes Kraft befestigen, zehre du zu Schatten
auf. War er lang ins Grab gestiegen, führe du die Enkel
und die Kinder zu dem aufgeworfenen durstigen Hügel,
gieße dort ihr Blut aus, daß es fließend seinen Geist umwittre,
er im Dunkeln dran sich labe, bis die Schar unwillig
Abgeschiedner ihn im Sturme weckt. Grausen komm auf
Erden über alle, die sich im Verborgnen sicher dünken,
heimliche Verräter! Keiner blicke mehr aus Angst und
Sorgen nach dem Friedensdach der stillen Wohnung, keiner
schaue mehr zur Grabespforte hoffend, die sich einmal
willig locker jedem auftut, und dann unbeweglich, strenger
als gegossen Erz und Riegel, Freud' und Schmerzen ewig
von ihm scheidet. Wenn er seine Kinder sterbend segnet,
starr ihm in der Hand das letzte Leben, und er schaudre,
die bewegliche Locken der geliebten Häupter zu berühren.
Bei dem kalten, festen, heiligen Stein!—Ergreif ihn!—
Schwöre, aller meine Wünsche Umfang zu erfüllen.
ELPENOR. Frei war noch mein Herz von Rach und Grimme
denn mir ist kein Unrecht widerfahren. Wenn wir uns im
Spiele leicht entzweiten, folgte leichter Friede noch vor
Abend. Du entzündest mich mit einem Feuer, das ich nie
empfunden, meinem Busen hast du einen schweren Schatz
vertraut, hast zu einer hohen Heldenwürde mich erhoben,
daß ich nun gewisser mit bewußtem Schritt ins Leben eile.
Ja, den ersten schärfsten Grimm des Herzens mit dem ersten
treusten Schwur der Lippe, schwör ich dir an dieser heiligen
Stätte ewig dir und deinem Dienst zu eigen.
ANTIOPE. Laß mich mit diesem Herzenskuß, mein eigenster,
dir aller Wünsche Siegel auf die Stirne drücken.
Und nun tret ich vor die hohe Pforte zu der heiligen Quelle,
die, aus dem geheimen Felsen sprudelnd, meiner Mauern
alten Fuß benetzet, und nach wenig Augenblicken kehr
ich wieder.

Erster Aufzug
Fünfter Auftritt

ELPENOR. Ich bin begierig zu sehen, was sie vorhat.
In sich gekehrt bleibt sie vorm hellen Strahl des Wassers
stehen und scheint zu sinnen. Sorgfältig wäscht sie nun
die Hände, dann die Arme, besprengt die Stirne, den Busen.
Sie schaut gen Himmel, empfängt mit hohler Hand das
frische Naß und gießt es feierlich zur Erde, dreimal. Welch
eine Weihung mag sie da begehen.^ Sie richtet ihren Tritt
der Schwelle zu. Sie kommt.

Erster Aufzug
Sechster Auftritt

Antiope. Elpenor.

ANTIOPE. Laß mich dir mit frohem freudigem Mute noch
einmal danken.
ELPENOR. Und wofür?
ANTIOPE. Daß du des Lebens Last von mir genommen.
ELPENOR. Ich dir?
ANTIOPE. Der Haß ist eine lästige Bürde. Er senkt das
Herz tief in die Brust hinab und legt sich wie ein Grabstein
schwer auf alle Freuden. Nicht im Elend allein ist
fröhlicher Liebe willkommner reiner Strahl die einzige
Tröstung. Hüllt er in Wolken sich mir, ach! dann leuchtet
des Glückes, der Freude flatternd Gewand nicht mit erquickenden
Farben. Wie in die Hände der Götter hab
ich in deine meine Schmerzen gelegt, und stehe wie vom
Gebete ruhig auf. Weggewaschen hab ich von mir der
Rachegöttinnen Flecken hinterlassende Berührung. Weithin
führt sie allreinigend die Welle, und ein stiller Keim
friedlicher Hoffnung hebt wie durch gelockerte Erde sich
empor und blickt bescheiden nach dem grünfärbenden
Lichte.
ELPENOR. Vertraue mirl du darfst mir nichts verhehlen.
ANTIOPE. Sollt er wohl noch unter den Lebendigen
wandeln, den ich als abgeschieden betrauren muß.
ELPENOR. Dreifach willkommen erschien er uns wieder.
ANTIOPE. Sage, gestehe, kannst du versprechen, lebt er
und zeigt er kommend sein Antlitz, gibst du die Hälfte,
die ihm gebührt, gerne zurück?
ELPENOR. Gerne von allem.
ANTIOPE. Auch hat dein Vater mirs geschworen.
ELPENOR. Und ich versprech es, schwör es zu deinen
heiligen Händen.
ANTIOPE. Und ich empfange für den Entfernten Versprechen
und Schwur.
ELPENOR. Doch zeige mir nun an, wie soll ich ihn erkennen?
ANTIOPE. Wie ihn die Götter führen werden, welch ein
Zeugnis sie ihm geben, weiß ich nicht. Merke dir indes:
In jener Stunde, als mir ihn die Räuber aus den Armen
rissen, hing ihm an dem Hals ein goldnes Kettchen, dreifach
schön gewunden, an der Kette hing ein Bild der Sonne,
wohlgegraben.
ELPENOR. Ich verwahre das Gedächtnis.
ANTIOPE. Doch ein ander Zeichen kann ich dir noch
geben, schwerer nachzuahmen, der Verwandtschaft unumstößlich
Zeugnis.
ELPENOR. Sage mirs vernehmlich.
ANTIOPE. Am Nacken trägt er einen braunen Flecken,
wie ich ihn auch an dir mit freudiger Verwundrung schaute.
Von eurem Ahnherrn pflanzte sich dies Mal auf beide
Enkel fort, in beiden Vätern unsichtbar verborgen. Darauf
gib acht und prüfe mit scharfem Sinne der angebornen
Seele Tugend.
ELPENOR. Keiner soll sich unterschieben, mich betrügen.
ANTIOPE. Schöner als das Ziel der Rache sei dir dieser
Blick in alle Fernen deines Lebens. Lebe, lebe wohll Ich
wiederhole hundertmal, was ungern ich zum letzten Male
sage, und doch muß ich dich lassen. Teures Kindl Die stille
hohe Betrachtung deines künftigen Geschickes schwebt
wie eine Gottheit zwischen Freud und Schmerzen. Niemand
tritt auf diese Welt, dem nicht von beiden mancherlei
bereitet wäre, und den Großen mit großem Maße; doch
überwiegt das Leben alles, wenn die Liebe in seiner Schale
liegt. Solang ich weiß, du wandelst auf der Erde, dein
Auge blickt der Sonne teures Licht geöffnet an, und deine
Stimme schallt dem Freunde, bist du mir gleich entfernt,
so fehlt mir nichts zum Glück. Bleib mir, daß ich, zu meinen
lieben Schatten einst gesellt, mich deiner, langerwartend,
freue. Und geben dir die Götter jemand, so wie ich dich
liebe, zu lieben! Komm! viele Worte der Scheidenden
sind nicht gut. Laß uns die Schmerzen der Zukunft künftig
leiden, und fröhlich sei dir eines neuen Lebens Tag. Es
säumen die Boten, die der König sendet, nicht, sie nahen
bald, und ihn erwart ich auch. Komm, daß wir sie empfangen,
den Gaben und dem Sinn gleich, die sie zu uns
bringen.

Zweiter Aufzug
Erster Auftritt

POLYMETIS. Aus einer Stadt voll sehnlicher Erwartung
komm ich, der Diener eines Glücklichen, nicht glücklich.
Es sendet mich mein Herr mit viel Geschenken an seinen
Sohn voraus und folgt in wenig Stunden meinem Schritt.
Bald werd ich eines frohen Knaben Angesicht erblicken,
doch zu der allgemeinen Freude meine Stimme nur verstellt
erheben, geheimnisvolle Schmerzen mit frohen Zügen
überkleiden. Denn hier, hier stockt von altem Hochverrat
ein ungeheilt Geschwür, das sich vom blühenden
Leben, von jeder Kraft in meinem Busen nährt. Es sollt
ein König niemand seiner kühnen Taten mitschuldig
machen. Was er um Kron und Reich zu gewinnen und
zu befestigen tut, was sich um Kron und Reich zu tun
wohl ziemen mag, ist in dem Werkzeug niedriger Verrat.
Doch ja, den lieben sie, und hassen den Verräter. Weh
ihm! In einen Taumel treibt uns ihre Gunst, und wir gewöhnen
leicht uns zu vergessen, was wir der eignen Würde
schuldig sind; die Gnade scheinet ein so hoher Preis, daß
wir den ganzen Wert von unserm Selbst zur Gegengabe
viel zu wenig achten. Wir fühlen uns Gesellen einer Tat,
die unserer Seele fremd war, wir dünken uns Gesellen
und sind Knechte, Von unserm Rücken schwingt er sich
aufs Roß, und rasch hinweg ist der Reuter zu seinem Ziel,
eh wir das sorgenvolle Angesicht vom Boden heben. Nach
meinen Lippen dringt das schröckliche Geheimnis; entdeck
ich es, bin ich ein doppelter Verräter, entdeck ichs nicht,
so siegt der schändlichste Verrat. Gesellin meines ganzen
Lebens, verschwiegene Verstellung, willst du den sanften
und gewaltigen Finger im Augenblicke mir vom Munde
heben? Soll mein Geheimnis, das ich nun so lange, wie
Philoktet den alten Schaden, wie einen schmerzbeladnen
Freund ernähre, soll es ein Fremdling meinem Herzen
werden, und wie ein ander gleichgültig Wort in Luft zerfließen:
Du bist mir schwer und lieb, du schwarzes Bewußtsein,
du stärkst mich quälend; doch deiner Reife Zeit
erscheinet bald. Noch zweifl ich, und wie bang ist dann
der Zweifel, wenn unser Schicksal am Entschlusse hängt!
O gebt ein Zeichen mir, ihr Götter! Löst meinen Mund,
verschließt ihn, wie ihr wollt.

Zweiter Aufzug
Zweiter Auftritt

Elpenor. Polymetis.
ELPENOR. Willkommen, Polymetis, der du mir von alters
her durch Freundlichkeit und guten Willen schon bekannt
bist, willkommen heute! O sage mir, was bringst du? Kommt
es bald? Wo sind die Deinen? wo des Königs Diener?
darfst du entdecken, was mir der Tag bereitet?
POLYMETIS. Mein teurer Prinz! wie? du erkennst den
alten Freund sogleich! und ich nach eines kurzen Jahrs
Entfernung muß mich fragen: ist ers? Ist ers würklich? Das
Alter stockt wie ein bejahrter Baum, und wenn er nicht
verdorrt, scheint er derselbe. Aus deiner lieblichen Gestalt,
du süßer Knabe, entwickelt jeder Frühling neue
Reize. Man möchte dich stets halten, wie du bist, und
immer, was du werden sollst, genießen. Die Boten kommen
bald, die du mit Recht erwartest, sie bringen die Geschenke
deines Vaters, deiner und des Tages wert.
ELPENOR. Verzeih der Ungeduld! Schon viele Nächte
kann ich nicht schlafen, schon manchen Morgen lauf ich
auf dem Fels hervor und seh mich um und schaue nach
der Ebne, als wollt ich sie, die Kommenden, erblicken und
weiß, sie kommen nicht. Jetzt, da sie nah sind, halt ich
dies nicht aus, komm ihnen zu begegnen. Hörst du der
Rosse Stampfen?  Hörst du ein Geschrei?
POLYMETIS. Noch nicht, mein Prinz, ich ließ sie weit
zurück.
ELPENOR. Sag, ists ein schönes Pferd, das heut mich
tragen soll?
POLYMETIS. Ein Schimmel, lebhaft, fromm und glänzend
wie das Licht.
ELPENOR. Ein Schimmel, sagst du mir! soll ich mich
dir vertraun? soll ichs gestehn, ein Rappe war mir lieber.
POLYMETIS. Du kannst sie haben, wie du sie begehrst.
ELPENOR. Ein Pferd von dunkler Farbe greift viel feuriger
den Boden an. Denn, soll es je mir wert sein, muß
es mit Not nur hinter andern gehalten werden, keinen
Vormann leiden, muß setzen, klettern und vor rauschenden
Fahnen, vor gefällten Speeren sich nicht scheuen und der
Trompete rasch entgegenwiehern.
POLYMETIS. Ich sehe wohl, mein Prinz, ich hatte recht
und kannte dich genau, als noch dein Vater unschlüssig
war, was er dir senden sollte. Sei nicht besorgt, o Herr,
so sagt ich ihm, der Feierkleider und des Schmuckes ist
genug; nur Waffen send ihm mehr und alte Schwerter,
wenn sie auch noch so groß sind. Kann er sie jetzt nicht
führen, so wird die Hoffnung ihm die Seele heben, und
künftge Kraft ihm in der jungen Faust vorahndend zucken.
ELPENOR. O schönes Glück! o langerwarteter, o Freudentag,
Und du, mein alter Freund, wie dank ich dir.- wie
soll ich dirs vergelten, daß du so für mich gesorgt?
POLYMETIS. Mir wohlzutun und vielen wird die Gelegenheit
nicht fehlen.
ELPENOR. Sag, ists gewiß, das alles soll ich haben? Und
bringen sie das alles?
POLYMETIS. Ja und mehr!
ELPENOR. Und mehr?
POLYMETIS. Und vieles mehr! Sie bringen dir, was
Gold nicht kaufen kann, und was das stärkste Schwert
dir nicht erwirbt, was niemand gern entbehrt, an dessen
Schatten der Stolze, der Tyrann sich gerne weidet.
ELPENOR. O nenne mir den Schatz und laß mich nicht
vor diesem Rätsel stutzen.
POLYMETIS. Die edlen Jünglinge, die Knaben, die dir
heut entgegengehn, sie tragen in der Brust ein dir ergebnes
Herz, voll Hoffnung und voll Zutraun, und ihre fröhlichen
Gesichter sind dir ein Vorbild vieler Tausende, die dich
erwarten.
ELPENOR. Drängt sich das Volk schon auf den Straßen
früh?
POLYMETIS. Ein jeglicher vergißt der Not, der Arbeit.
Der Bequemste rafft sich auf, sein dringendes Bedürfnis
ist nur dich zu sehn, und harrend fühlt ein jeder zum
zweitenmal die Freude des Tags, der dich gebar.
ELPENOR. Wie fröhlich will ich Fröhlichen begegnen.
POLYMETIS. O möge dir ihr Auge tief die Seele durchdringen.
Solch ein Blick begegnet keinem, selbst dem
König nicht. Was alles nur der Greis von guten alten
Zeiten gern erzählet, was von der Zukunft sich der Jüngling
träumt, knüpft Hoffnung in den schönsten Kranz zusammen
und hält versprechend ihn übers Ziel, das deinen
Tagen aufgesteckt ist.
ELPENOR. Wie meinen Vater sollen sie mich lieben und
ehren.
POLYMETIS Gerne versprechen sie dir mehr. Ein alter
König drängt die Hoffnungen der Menschen in ihre Herzen
tief zurück und fesselt sie dort ein; der Anblick eines neuen
Fürsten aber befreit die langgebundnen Wünsche, imTaumel
dringen sie hervor, genießen übermäßig, törig oder klug,
des schwer entbehrten Atems.
ELPENOR . Ich will den Vater bitten , daß er Wein und Brot
und von den Herden,was er leicht entbehrt, demVolk verteilt.
POLYMETIS. Er wird es gern. Den Tag, den einmal nur
im Leben die Götter gewähren können, den feier' jeder
hochl Wie selten schließt der Menschen Seele sich zusammen
auf! Ein jeder ist für sich besorgt. Wut und Unsinn
durchflammt ein Volk weit eh als Lieb und Freude.
Du wirst die Väter sehn, die Hände auf ihrer Söhne Haupt
gelegt, mit Eifer deuten: Seht, dort kommt er. Der Hohe
blickt den Niedrigen wie seinesgleichen an; zu seinem
Herren hebt der Knecht ein offnes frohes Aug, und der
Beleidigte begegnet sanft des Widersachers Blick und
lädt ihn ein zur Reue, zum offnen weichen Mitgenuß des
Glücks. So mischt der Freude unschuldige Kinderhand
die willigen Herzen und schafft ein Fest, ein ungekünsteltes,
den goldnen Tagen gleich, da noch Saturn der
jungen Erde leicht wie ein geliebter Vater vorstund.
ELPENOR. Wieviel Gespielen hat man mir bestimmt?
Hier hatt ich ihrer drei, wir waren gute Freunde, oft uneins
und bald wieder eins. Wenn ich erst eine Menge haben
werde, dann wollen wir in Freund und Feind uns teilen,
und Wachen, Lager, Überfall in Schlachten recht ernstlich
spielen. Kennst du sie? Sinds willige, gute Knaben?
POLYMETIS. Du hättest sollen das Gedränge sehn, wie
jeder seinen Sohn, und wie die Jünglinge sich selbst mit
Eifer boten! Der edelsten, der besten sind dir zwölfe zugewählt,
die deiner immer warten sollen.
ELPENOR. Doch kann ich auch noch mehr zum Spiele
fordern?
POLYMETIS. Du hast sie alle gleich auf einen Wink.
ELPENOR. Ich will sie sondern, und die besten sollen
auf meiner Seite sein. Ich will sie führen ungebahnte
Wege, sie werden kletternd schnell den sichern Feind in
seiner Felsenburg zugrunde richten.
POLYMETIS. Mit diesem Geiste wirst du, teurer Prinz,
die Knaben und dein ganzes Volk zum Jugendspiel und
bald zum ernsten Spiele führen. Ein jeder fühlt sich hinter
dir, ein jeder von dir nachgezogen. Der Jüngling hält die
rasche Glut zurück und wartet auf dein Auge, wohin es
Leben oder Tod gebietet. Willig irrt der erfahrne Mann
mit dir, und selbst der Greis entsagt der schwer erworbenen
Weisheit und kehrt noch einmal in das Leben zu
dir teilnehmend rasch zurück. Ja, dieses graue Haupt wirst
du an deiner Seite dem Sturm entgegensehen, und diese
Brust vergießt ihr letztes Blut, vielleicht weil du dich
irrtest.
ELPENOR. Wie meinst du? O es soll euch nicht gereuen.
Ich will gewiß der erste sein, wos not hat, und euer aller
Zutrauen muß ich haben,
POLYMETIS. Das flößten reichlich die Götter dem Volke
für ihren Jungen Fürsten ein, es ist ihm leicht und schwer,
es zu behalten.
ELPENOR. Keiner soll es mir entziehen. Wer brav ist,
soll es mit mir sein.
POLYMETIS. Du wirst nicht Glückliche allein beherrschen.
In stillen Winkeln liegt der Druck des Elends und
des Schmerzens auf vielen Menschen, und sie scheinen
verworfen, weil sie das Glück verwarf; doch folgen sie
dem Mutigen auf seinen Wegen unsichtbar nach, und ihre
Bitte dringt bis zu der Götter Ohr. Geheimnisvolle Hülfe
kommt vom Schwachen dem Stärkern oft zugute.
ELPENOR. Ich hör, ich höre den Freudenruf und der
Trompete Klang vom Tal herauf. O laß mich schnell,
ich will durch einen steilen Pfad den Kommenden entgegen.
Folge du, geliebter Freund, den großen Weg und,
willst du, bleibe hier.

Zweiter Aufzug
Dritter Auftritt

POLYMETIS. Wie Schmeichelei dem Knaben schon so
lieblich klingt! Und doch, was schmeichelt noch unschuldiger
als Hoffnung? Wie hart, wenn wir dereinst zu dem,
was wir mißbilligen, dich loben müssen! Es preise der
sich glücklich, der von den Göttern dieser Welt entfernt
lebt; er ehr und fürchte sie und danke still, wenn ihre
Hand gelind das Volk regiert. Ihr Schmerz berührt ihn
kaum, und ihre Freude kann er unmäßig teilen, O weh
mir doppelt weh mir heute! du schöner muntrer Knabe,
sollst du leben? Soll ich das Ungeheur, das dich zerreißen
kann, in seinen Klüften angeschlossen halten? Soll die
Königin erfahren, welch eine schwarze Tat dein Vater
gegen sie verübt? Wirst du mirs lohnen, wenn ich schweige?
und eine Treue, die nicht rauscht, wird sie empfunden?
Was hab ich Alter noch von dir zu hoffen? Ich werde dir
zur Last sein, du wirst vorübergehend mit einem Händedruck
mich sehr befriedigt halten, vom Strome Gleichgesinnter
wirst du unbändig mit fortgerissen werden, indes
dein Vater uns mit einem schweren Zepter beherrscht.
Nein! soll mir je noch eine Sonne scheinen, so muß ein
ungeheurer Zwist das Haus zerrütten, und wenn die Not
mit tausend Armen eingreift, dann wird man unsern Wert
wie in den ersten verworrenen Zeiten fühlen! dann wird
man uns wie ein veraltet Schwert vom Pfeiler eifrig nehmen
und den Rost von seiner Klinge tilgen! Heraus aus euren
Grüften, ihr alten Larven verborgener schwarzer Taten,
wo ihr gefangen lebt! die schwere Schuld erstirbt nicht!
auf! umgebt mit dumpfem Nebel den Thron, der über Gräber
aufgebaut ist, daß das Entsetzen wie ein Donnerschlag
durch alle Busen fahre! Freude verwandelt in Knirschen,
und vor den ausgestreckten Armen scheitre die Hoffnung!



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