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2019-08-30

Johann W. Goethe: Fragmente- KÜNSTLERS ERDEWALLEN DRAMA (12)




KÜNSTLERS ERDEWALLEN
DRAMA
ERSTER AKT
VOR SONNENAUFGANG.

Der Künstler an seiner Staffelei. Er hat eben das Porträt
einer fleischigen, häßlichen, kokett schielenden Frau aufgestellt.
Beim ersten Pinselstrich setzt er ab.
Ich will nicht! ich kann nicht!
Das schändliche, verzerrte Gesicht!
(Er tut das Bild beiseite)
Soll ich so verderben den himmlischen Morgen!
Da sie noch ruhen all meine lieben Sorgen,
Gutes Weib! kostbare Kleinen!
(Er tritt ans Fenster.)
Aurora, wie neukräftig liegt die Erd um dich!
Und dieses Herz fühlt wieder jugendlich.
Und mein Auge wie selig, dir entgegenzuweinen!
(Ersetzt ein lebensgroßes Bild der Venus Urania auf die Staffelei.)
Meine Göttin, deiner Gegenwart Blick
Überdrängt mich wie erstes Jugendglück.
Die ich in Seel und Sinn, himmlische Gestalt,
Dich umfasse mit Bräutigams Gewalt,
Wo mein Pinsel dich berührt, bist du mein:
Du bist ich, bist mehr als ich, ich bin dein.
Uranfängliche Schönheit! Königin der Welt!
Und ich soll dich lassen für feiles Geld?
Dem Toren lassen, der am bunten Tand
Sich weidet, an einer scheckigen Wand?
(Er blickt nach der Kammer.)
Meine Kinder!—Göttin, du wirst sie letzen!
Du gehst in eines Reichen Haus,
Ihn in Kontribution zu setzen.
Und ich trag ihnen Brot heraus.
Und er besitzt dich nicht, er hat dich nur.
Du wohnst bei mir, Urquell der Natur,
Leben und Freude der Kreaturl
In dir versunken
Fühl ich mich selig, an allen Sinnen trunken.
(Man hört in der Kammer ein Kind schrein!.)
Ä! äl
KÜNSTLER. Lieber Gottl
KÜNSTLERS FRAU (erwacht), 's is schon Tagl
Bist schon auf? Lieber, geh doch, schlag
Mir Feuer, leg Holz an, stell Wasser bei,
Daß ich dem Kindel koch den Brei.
KÜNSTLER (einen Augenblick vor seinem Bilde verweilend.)
Meine Göttin!
SEIN ÄLTESTER KNABE [springt aus dein Bette und läuft
barfuß hervor). Lieber Pappe, ich helfe dichl
KÜNSTLER. Wie lang?
KNABE. Was.?
KÜNSTLER. Bring klein Holz in die Küch.

ZWEITER AKT

KÜNSTLER. Wer klopft so gewaltig? Fritzel, schau.
KNABE. Es is der Herr mit der dicken Frau.
KÜNSTLER (stellt das leidige Porträt wieder auf).
Da muß ich tun, als hätt ich gemalt.
FRAU. Machs nur, es wird ja wohl bezahlt
KÜNSTLER. Das tuts ihm.
Der Herr und Madame treten herein
HERR. Da kommen wir ja zurecht.
MADAME. Hab heut geschlafen gar zu schlecht.
FRAU. O die Madam sind immer schön.
HERR. Darf man die Stück in der Eck besehn?
KÜNSTLER. Sie machen sich staubig.
(Zu Madame.) Belieben, sich niederzulassen!
HERR. Sie müssen sie recht im Geiste fassen.
Es ist wohl gut, doch so noch nicht,
Daß es einen von dem Tuch anspricht.
KÜNSTLER (heimlich). Es ist auch darnach ein Angesicht.
DER HERR (nimmt ein Gemälde aus der Ecke).
Ist das Ihr eigen Bildnis hier?
KÜNSTLER. Vor zehen Jahren glich es mir.
HERR Es gleicht noch ziemlich.
MADAME (einen flüchtigen Blick darauf werfend).
O gar sehrl
HERR. Sie haben jetzt gar viel Runzeln mehr.
FRAU (rnit dem Korbe am Arm, heimlich).
Gib mir Geld, ich muß auf den Markl
KÜNSTLER. Ich hab nichts.
FRAU Dafür kauft man einen Quark.
KÜNSTLER. Da!
HERR. Aber Ihre Manier ist jetzt größer.
KÜNSTLER. Das eine wird schlimmer, das andre besser.
HERR (zur Staffelei tretend). So! so! da an dem Nasenbug!
Und die Augen sind nicht feurig gnug.
KÜNSTLER (für sich).
O mir! Das mag der Teufel ertragen!
DIE MUSE (ungesehn den andern, tritt zu ihm).
Mein Sohn, fängst jetzt an, zu verzagen?
Trägt ja ein jeder Mensch sein Joch;
Ist sie garstig, bezahlt sie doch!
Und laß den Kerl tadeln und schwätzen;
Hast Zeit genug, dich zu ergetzen
An dir selbst und an jedem Bild,
Das liebevoll aus deinem Pinsel quillt.
Wenn man muß eine Zeitlang hacken und graben,
Wird man die Ruh erst willkommen haben.
Der Himmel kann einen auch verwöhnen,
Daß man sich tut nach der Erde sehnen.
Dir schmeckt das Essen, Lieb und Schlaf,
Und bist nicht reich, so bist du brav.



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