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2019-08-30

Johann W. Goethe: Fragmente- MAHOMET (14)





MAHOMET

[Anfang des ersten Aktes]

FELD. GESTIRNTER HIMMEL.
MAHOMET (allein).
Teilen kann ich euch nicht dieser Seele Gefühl.
Fühlen kann ich euch nicht allen ganzes Gefühl.
Wer, wer wendet dem Flehn sein Ohr?
Dem bittenden Auge den Blick?

Sieh, er blinket herauf, Gad, der freundliche Stern.
Sei mein Herr du, mein Gott! Gnädig winkt er mir zu!
Bleib! Bleib! Wendst du dein Auge weg?
Wie? Liebt ich ihn, der sich verbirgt?

Sei gesegnet, o Mond! Führer du des Gestirns,
Sei mein Herr du, mein Gott! Du beleuchtest den Weg.
Laß! laß nicht in der Finsternis
Mich! irren mit irrendem Volk.

Sonn, dir glühenden weiht sich das glühende Herz.
Sei mein Herr du, mein Gott! Leit, allsehende, mich.
Steigst auch du hinab, herrliche?
Tief hüllet mich Finsternis ein.

Hebe, liebendes Herz, dem Erschaffenden dich!
Sei mein Herr du, mein Gott! Du allliebender, du,
Der die Sonne, den Mond und die Stern
Schuf, Erde und Himmel und mich.

Halima seine Pflege-Mutter, zu ihm.

HALIMA. Mahomet.
MAHOMET. Halima! O daß sie mich in diesen glückseligen
Empfindungen stören muß. Was willst du mit mir,
Halima?
HALIMA. Ängstige mich nicht, lieber Sohn, ich suche
dich von Sonnenuntergang. Setze deine zarte Jugend nicht
den Gefahren der Nacht aus.
MAHOMET. Der Tag ist über dem Gottlosen verflucht
wie die Nacht. Das Laster zieht das Unglück an sich, wie
die Kröte den Gift, wenn Tugend unter eben dem Himmel
gleich einem heilsamen Amulett die gesundeste Atmosphäre
um uns erhält.
HALIMA. So allein auf dem Felde, das keine Nacht für
Räubern sicher ist?
MAHOMET. Ich war nicht allein. Der Herr, mein Gott,
hat sich freundlichst zu mir genaht.
HALIMA. Sahst du ihn?
MAHOMET. Siehst du ihn nicht? an jeder stillen Quelle,
unter jedem blühenden Baum begegnet er mir in der
Wärme seiner Liebe. Wie dank ich ihm, er hat meine
Brust geöffnet, die harte Hülle meines Herzens weggenommen,
daß ich sein Nahen empfinden kann.
HALIMA. Du träumst! Könnte deine Brust eröffnet
worden sein, und du leben?
MAHOMET. Ich will für dich zu meinem Herren flehen,
daß du mich verstehen lernst.
HALIMA. Wer ist dein Gott, Hobal oder Al-Fatas?
MAHOMET. Armes unglückliches Volk, das zum Steine
ruft: ich liebe dich! und zum Ton: sei du mein Beschützer!
Haben sie ein Ohr fürs Gebet, haben sie einen Arm zur
Hilfe?
HALIMA. Der in dem Stein wohnt, der um den Ton
schwebt, vernimmt mich, seine Macht ist groß.
MAHOMET. Wie groß kann sie sein? es stehn dreihundert
neben ihm, jedem raucht ein flehender Altar. Wenn ihr
wider eure Nachbarn betet, und eure Nachbarn wider
euch, müssen nicht eure Götter, wie kleine Fürsten, deren
Grenzen verwirrt sind, mit unauflöslicher Zwietracht sich
wechselsweise die Wege versperren?
HALIMA. Hat dein Gott denn keine Gesellen?
MAHOMET. Wenn er sie hätte, könnt er Gott sein?
HALIMA. Wo ist seine Wohnung?
MAHOMET. Überall.
HALIMA. Das ist nirgends. Hast du Arme, den ausgebreiteten
zu fassen?
MAHOMET. Stärkere, brennendere als diese, die für
deine Liebe dir danken. Noch nicht lange, daß mir ihr
Gebrauch verstattet ist. Halima, mir wars wie dem Kinde,
das ihr in enge Windlen schränkt, ich fühlte in dunkler
Einwickelung Arme und Füße, doch es lag nicht an mir,
mich zu befreien. Erlöse du, mein Herr, das Menschengeschlecht
von seinen Banden, ihre innerste Empfindung
sehnt sich nach dir.
HALIMA (vor sich). Er ist sehr verändert. Seine Natur
ist umgekehrt, sein Verstand hat gelitten. Es ist besser,
ich bring ihn seinen Verwandten jetzo zurück, als daß ich
die Verantwortung schlimmer Folgen auf mich lade.


[Szene aus dem geplanten 3. Akt.]

(Fatema, Tochter Mahomets. Ali, deren Mann?)

ALI. Seht den Felsenquell
Freudehell,
Wie ein Sternenblick!
FATEMA. Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister,
Zwischen Klippen
Im Gebüsch.
ALI. Jünglingfrisch
Tanzt er aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder,
Jauchzet wieder
Nach dem Himmel.
FATEMA. Durch die Gipfelgänge
Jagt er bunten Kieseln nach.
ALI. Und mit festem Führertritt
Reißt er seine Brüderquellen
Mit sich fort.
FATEMA. Drunten werden in dem Tal
Unter seinem Fußtritt Blumen,
Und die Wiese lebt von
Seinem Hauch.,
ALI Doch ihn hält kein Schattental
Keine Blumen,
Die ihm seine Knie' umschlingen,
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln;
Nach der Ebne dringt sein Lauf
Schlangewandelnd.
FATEMA. Bäche schmiegen
Sich gesellschaftlich an ihn;
Und nun tritt er in die Ebne
Silberprangend.
ALI. Und die Ebne prangt mit ihm!
Und die Flüsse von der Ebne,
FATEMA. Und die Bächlein von Gebirgen
Jauchzen ihm, und rufen:
BEIDE. Bruder!
Bruder, nimm die Brüder mit!
FATEMA. Mit zu deinem alten Vater,
Zu dem ewgen Ozean,
Der, mit weitverbreit'ten Armen,
Unsrer wartet.
Die sich, ach! vergebens öffnen,
Seine sehnenden zu fassen.
ALI. Denn uns frißt, in öder Wüste,
Gierger Sand; die Sonne droben
Saugt an unserm Blut;
Ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche.
Bruder!
Nimm die Brüder von der Ebne!
FATEMA. Nimm die Brüder von Gebirgen
BEIDE. Mit zu deinem Vater! mit!
ALI. Kommt ihr alle!
Und nun schwillt er herrlicher;
(Ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor;)
Triumphiert durch Königreiche;
Gibt Provinzen seinen Namen;
Städte werden unter seinem Fuß!
FATEMA. Doch ihn halten keine Städte,
Nicht der Türme Flammengipfel,
Marmorhäuser, Monumente
Seiner Güte, seiner Macht.
ALI. Zedemhäuser trägt der Atlas
Auf den Riesenschultern; sausend
Wehen, über seinem Haupte,
Tausend Segel auf zum Himmel
Seine Macht und Herrlichkeit.
Und so trägt er seine Brüder,
FATEMA. Seine Schätze, seine Kinder,
BEIDE. Dem erwartenden Erzeuger
Freudebrausend an das Herz!



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